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16.3.2006 | Von:
Reinhard Fatke
Martin Biebricher

Jugendbeteiligung - Chance für die Bürgergesellschaft

Partizipationssituation von Kindern und Jugendlichen

Als Grundlage für die Entwicklung tragfähiger Handlungskonzepte zur nachhaltigen Stärkung der Kinder- und Jugendbeteiligung hat die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit dem Pädagogischen Institut der Universität Zürich sowie mit Unterstützung durch die Universität Münster eine umfassende empirische Untersuchung zum Partizipationsverhalten junger Menschen durchgeführt. Dazu wurden in 42 deutschen Städten und Gemeinden Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren nach ihren Mitwirkungsmöglichkeiten, -erfahrungen und Beteiligungswünschen, aber auch nach ihren politischen Einstellungen befragt.

Um die Antworten der Kinder und Jugendlichen zu ihrem Partizipationsverhalten am Wohnort dem kommunalen Partizipationsangebot gegenüberstellen und dann gegeneinander spiegeln zu können, wurden auch die Kommunalverwaltungen befragt. Dadurch ließen sich weitere Faktoren untersuchen, die auf Seiten der Kommune für die Realisierung von Partizipationsangeboten maßgebend sein können, wozu unter anderem Größe, geografische Lage, Finanzkraft, Ressourcen, die für die Partizipation zur Verfügung gestellt werden, Informationspolitik, Zusammenarbeit verschiedener Träger, Schulung des Personals und Zugänglichkeit der Angebote zählen. All dies kann einen entscheidenden Einfluss nicht nur auf das Angebot als solches haben, sondern auch darauf, in welchem Maße es von den Kindern und Jugendlichen in der Kommune wahrgenommen und genutzt wird.

Das Gleiche gilt für den Bereich der Schule. Als öffentliche Institution dürfte die Schule eine besondere Rolle dabei spielen, welche Mitwirkungserfahrungen die Kinder und Jugendlichen im Laufe ihres Entwicklungs- und Erziehungsprozesses machen. Aus diesem Grunde wurden auch die Schulleiter und Lehrer der befragten Kinder und Jugendlichen in die Untersuchung einbezogen. Auf diese Weise können die Angaben der Kinder und Jugendlichen, wie und unter welchen Bedingungen sie in der Schule mitwirken, an den entsprechenden Angaben der Schulleitungen und der Lehrerschaft gespiegelt werden. Neben den 12 084 Kindern und Jugendlichen wurden daher auch die für Partizipation zuständigen Vertreter der 42 beteiligten Kommunen sowie 422 Schulleiter und 631 Lehrer für die Studie befragt.[6]

Die Ergebnisse der Untersuchung überraschen auf den ersten Blick nicht: Auf die Frage nach den Mitwirkungsmöglichkeiten in der Familie, in der Schule und am Wohnort gaben drei Viertel der befragten Kinder und Jugendlichen (74,6 Prozent) an, zu Hause viel oder sehr viel mitbestimmen zu können. Solche oder ähnliche Ergebnisse in zahlreichen Jugendstudien der vergangenen Jahre haben das Schlagwort der "Aushandlungsfamilie"[7] geprägt, in der Eltern und Kinder weitgehend gleichberechtigt das Familienleben aushandeln.

In der Schule dagegen sehen nur 14,5 Prozent der Befragten die Möglichkeit, viel oder sehr viel mitbestimmen zu können. Dabei ist die Schulklasse der unmittelbare Bereich, in dem Kinder und Jugendliche Partizipationserfahrungen sammeln können - oder auch nicht. Sie wurden anhand von neun vorgegebenen Entscheidungsfeldern befragt, ob und, wenn ja, in welcher Weise sie einbezogen werden. Das Bild, das sich ergibt, ist gemischt: 4,5 Prozent geben an, dass sie niemals einbezogen werden; 5,1 Prozent werden bei einer Thematik einbezogen, weitere 8,2 Prozent bei zwei, 17,6 Prozent bei bis zu fünf, und nur 6 Prozent bzw. 4,2 Prozent werden bei acht bzw. allen neun Thematiken einbezogen - obwohl es sich hierbei um Themen handelt, welche die Schülerinnen und Schüler unmittelbar berühren. Überraschend ist, dass die befragten Lehrer (wohlgemerkt: Es handelt sich um diejenigen, die auch die befragten Schüler unterrichten) durchweg angeben, dass sie die Schüler in weitaus höherem Maße bei Entscheidungen im Unterricht einbeziehen (Vgl. Abbildung 1 der PDF-Version). Da die Frage beiden Gruppen nahezu identisch gestellt wurde, sind die Unterschiede nicht auf Formulierungsabweichungen zurückzuführen, sondern auf das unterschiedliche Antwortverhalten der beiden Gruppen. Während bei den drei Thematiken, bei denen auch die Schüler relativ hohe Werte verzeichnen, die Kluft zu den Angaben der Lehrer "nur" ca. 25 Prozent beträgt, vergrößert sich diese bei der zweiten Gruppe von Thematiken auf 30 Prozent bis sogar 50 Prozent (bei der Leistungsbewertung und der Festlegung von Hausaufgaben). Die Rangfolge der Themen ist dabei weitgehend gleich.

Ähnlich gering ausgeprägt wie in schulischen Kontexten ist die Mitsprache der Kinder und Jugendlichen im kommunalen Gemeinwesen. Nur 13,6 Prozent der Befragten geben an, oft oder immer im Wohnort mitzuwirken. Dem stehen 60,1 Prozent gegenüber, die nie oder selten in ihrem Wohnort mitwirken. Was die Mitwirkungsaktivitäten in der Kommune betrifft, so ist festzustellen, dass 30,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen sich noch nie an einer der (insgesamt 13 vorgegebenen) Aktivitäten beteiligt haben. 52,8 Prozent der Befragten haben bei bis zu drei Aktivitäten schon einmal mitgewirkt. Nur 2,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen bekunden eine Mitwirkung an mehr als der Hälfte der Aktivitäten. Auf die Frage, woran sie in ihrem Wohnort schon einmal mitgewirkt haben, entfallen die häufigsten Nennungen auf folgende Aktivitäten:

  • Zu einem Thema abgestimmt haben schon mal 39,6 Prozent.[8]
  • An einer genehmigten Demonstration teilgenommen haben 26,6 Prozent.
  • Die geringste Mitwirkungshäufigkeit weisen Stadteilkonferenzen (3 Prozent) und Jugendparlamente oder Jugendräte (4 Prozent) auf.
Wenn man die Einstellung der Kinder und Jugendlichen zur Politik näher betrachtet, ergibt sich ein eher beunruhigendes Bild. Die jungen Menschen bekunden eine ausgesprochen starke Unzufriedenheit mit der Politik im Allgemeinen. Über die Hälfte (52,5 Prozent) von ihnen gibt an, damit unzufrieden (28,9 Prozent) oder sehr unzufrieden (23,6 Prozent) zu sein. Nur 9,4 Prozent sind mit der Politik zufrieden oder sehr zufrieden (die übrigen rund 38 Prozent sind teils zufrieden, teils unzufrieden). Dem entspricht, dass die Aussage "Ich denke, Politiker nehmen Jugendliche nicht wirklich ernst" ebenfalls auf große Zustimmung stößt. 68,5 Prozent der Befragten sind dieser Meinung; wenn man diejenigen hinzurechnet, die meinen, diese Aussage treffe teilweise zu, erhöht sich der Anteil sogar auf 90,1 Prozent. Nur 9,9 Prozent sind gegenteiliger Ansicht. Die Zustimmungen zu den Aussagen, in der Politik müsse vieles verbessert werden und Jugendliche sollten mehr zu sagen haben, verteilen sich ähnlich. Die meisten stimmen dem zu: 79,8 bzw. 69,2 Prozent.

Vor dem Hintergrund dieser ausgeprägten Unzufriedenheit erklärt sich auch ein Ergebnis, das zur Besorgnis Anlass geben kann: Die Aussage "Ich finde, eine starke Hand müsste wieder mal Ordnung in unseren Staat bringen" erhält große Zustimmung. 35,3 Prozent der Jugendlichen finden, diese Aussage "trifft völlig zu", und noch 20 Prozent entscheiden sich für "trifft ziemlich zu". Nur 11,1 Prozent meinen, die Aussage "trifft wenig zu", und 9,6 Prozent sagen, sie "trifft gar nicht zu". Das scheint für eine ins rechte politische Spektrum tendierende Strömung unter den Jugendlichen zu sprechen.

Ob aber die eindeutig hohe Zustimmung zu dieser Aussage tatsächlich ein Anzeichen für eine rechtsextreme politische Orientierung ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Denn aus den Antworten auf die Frage, wie sich die Kinder und Jugendlichen auf einer Links-Rechts-Skala (von 0 = links bis 10 = rechts) selbst einschätzen, ergibt sich ein Mittelwert von 4,2, also links von der Mitte. Im linken Spektrum (zwischen 0 und 4) positionieren sich 44,2 Prozent der Befragten, während es im rechten Spektrum (zwischen 6 und 10) nur 19,4 Prozent sind. Auch wenn die Extremwerte (0 und 10) betrachtet werden, liegen die sich ganz links Einschätzenden mit 10,7 Prozent weit über denjenigen, die sich ganz rechts verorten (mit 3,6 Prozent). Zusammengefasst heißt das: Im linken politischen Spektrum positionieren sich mehr als doppelt so viele Jugendliche wie im rechten.

Es ist dabei zu bedenken, dass offenbar viele Jugendliche Verständnisschwierigkeiten mit den politischen Begriffen "links" und "rechts" haben. Auch lässt sich empirisch kein starker Zusammenhang zwischen der politischen Selbsteinschätzung und der Mitwirkungsintensität feststellen. In der politischen Realität scheint die herkömmliche Einteilung ebenfalls unklar geworden zu sein. Aus diesem Grunde ist eher anzunehmen, dass vor dem Hintergrund einer stark ausgeprägten Unzufriedenheit mit der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation in Deutschland bei einer stattlichen Mehrheit der Kinder und Jugendlichen der Wunsch nach mehr Ordnung im Staat und nach eindeutiger Orientierung in der Gesellschaft vorherrscht. Damit dies nicht zum Einfallstor für extremistische Ideologien wird, gilt es, das Vertrauen der Kinder und Jugendlichen in die Politik und in den Staat dadurch zu festigen, dass mehr und attraktivere Möglichkeiten zu einer ernsthaften und in den Ergebnissen wie im Prozess zufrieden stellenden Partizipation geschaffen werden. Dies wird auch dadurch unterstrichen, dass die negativen Einschätzungen der Kinder und Jugendlichen zur Politik offenbar nicht mit einem allgemeinen Desinteresse an gesellschaftspolitischem Engagement einhergehen. Vielmehr geben 78 Prozent der Befragten an, sich bei attraktiveren Beteiligungsangeboten und besseren Rahmenbedingungen stärker einbringen zu wollen.


Fußnoten

6.
Zum Untersuchungsdesign sowie zur Stichprobe vgl. auch Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Reinhard Fatke/Helmut Schneider, Kinder- und Jugendpartizipation in Deutschland. Daten, Fakten, Perspektiven, Gütersloh 2005 (auch als Download unter http://www.mitwirkung.net).
7.
Vgl. Manuela du Bois-Reymonds, Die moderne Familie als Verhandlungshaushalt, in: dies./Peter Brückner/Hans Hermann Krüher/Burkhard Fuhs (Hrsg.), Kinderleben. Modernisierung von Kindheit im interkulturellen Vergleich, Opladen 1994, S. 137 - 219, sowie Christian Alt/Markus Teubner/Ursula Winklhofer, Partizipation in Familie und Schule - Übungsfelder der Demokratie, in Aus Politik und Zeitgeschichte, (2005) 41, S. 24 - 31.
8.
Dieser hohe Anteil dürfte sich daraus erklären, dass die Befragten darunter sehr wahrscheinlich nicht formelle kommunale Abstimmungsvorlagen (z.B. Bürgerbegehren), sondern auch Umfragen und Unterschriftenaktionen aller Art verstanden haben.