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16.3.2006 | Von:
Holger Backhaus-Maul

Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen

Politische Leitorientierungen

Im Zuge der "nachholenden" Globalisierung von Deutungen und Interpretationen wirtschaftlichen Handelns in Deutschland erfährt die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen besondere Aufmerksamkeit. Spätestens seit Anfang der achtziger Jahre wurde vor allem in den USA mit dem Begriff Corporate Citizenship über die Rolle von Unternehmen in der Gesellschaft diskutiert.[3] Unter den Bedingungen einer marktliberalen Gesellschaft werden Unternehmen als Corporate Citizens - als Unternehmens-Bürger - weitgehende gesellschaftspolitische Rechte eingeräumt und entsprechende Verantwortungen zugewiesen. In der Corporate Citizenship-Debatte geht es folglich um die Rolle von Unternehmen in der Gesellschaft bzw. die Umweltbezüge von Unternehmen und ausdrücklich nicht um eine gesellschaftspolitische Bewertung innerbetrieblicher Abläufe. Die Corporate Citizenship-Debatte geht der Frage nach, wie sich in Unternehmen das Verständnis und die Vorstellungen von Gesellschaft entwickeln und wie sie ihre gesellschaftliche Position und Rolle deuten. Das jeweilige Gesellschaftsbild von Unternehmen ist einerseits nationalstaatlich und -kulturell geprägt und verweist andererseits auf Erfahrungen mit globalen Wettbewerbsbedingungen und Aushandlungsprozessen.[4] In diesem Sinne ist die wissenschaftliche Corporate Citizenship-Debatte und -Forschung in Deutschland in erster Linie sozialwissenschaftlich, insbesondere soziologisch und politikwissenschaftlich, ausgerichtet.[5]

Im Unterschied dazu ist der Begriff Corporate Social Responsibility (CSR), der seit Ende der neunziger Jahre im Mittelpunkt der europäischen Debatte steht, weiter gefasst.[6] Mit diesem Begriff werden sowohl innerbetriebliche Prozesse und Entscheidungen als auch die Umweltbezüge von Unternehmen im Hinblick auf ihre gesellschaftlichen Auswirkungen thematisiert: Die Einhaltung von Menschenrechten sowie von arbeits- und sozialrechtlichen Regelungen, der schonende Umgang mit natürlichen Ressourcen und die Formulierung und Einhaltung ethischer Standards sind typische CSR-Themen. Besondere Aufmerksamkeit finden dabei wirtschaftliche Nutzenerwägungen, die Formulierung und Operationalisierung von CSR-Kriterien sowie deren Messung und Evaluation. In Deutschland ist die Corporate Social Responsibility-Debatte und -Forschung wirtschaftswissenschaftlich, insbesondere betriebswirtschaftlich, ausgerichtet.[7] In der CSR-Perspektive werden unternehmerische Entscheidungen und Prozesse im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Bedeutung und mögliche Auswirkungen diskutiert und bewertet. Damit eröffnet die CSR-Perspektive weitgehende Einblicke in innerbetriebliche Abläufe und ermöglicht deren gesellschaftspolitische Bewertung. Gleichwohl bleiben die zugrunde liegenden Vorstellungen von Gesellschaft in der CSR-Debatte merkwürdig konturenlos. Staat, Bürger und Nonprofit-Organisationen wirken darin wie Fremdkörper, denen allenfalls ordnungspolitisch definierte Positionen zugewiesen werden. Im Unterschied dazu dunkelt der Corporate-Citizenship-Begriff die Sphäre betrieblicher Prozesse und Entscheidungen ab und rückt die Rolle von Unternehmen in der Gesellschaft in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Im Kern geht es in beiden Debattensträngen, das heißt sowohl bei Corporate Citizenship als auch Corporate Social Responsibiliy, einerseits um eine strategische Verknüpfung von wirtschaftlichem Handeln und gesellschaftlichem Engagement und andererseits um zeitgemäße Instrumente und Formen gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme durch Unternehmen, sei es etwa in Form von Geld- und Sachspenden oder als Mitarbeiterengagement.[8]

Beide Stränge der globalen Debatte über die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen sind in Deutschland relativ spät und "zurückhaltend" rezipiert worden.[9] So wurde in den neunziger Jahren - im außerwissenschaftlichen Kontext - etwa argumentiert, dass es sich um ausländische, insbesondere US-amerikanische Erfahrungen handeln würde, die sich auf die spezifische deutsche Situation nicht übertragen ließen, oder dass mit vermeintlich "modischen" Begriffen, wie Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility, gesellschaftliche Phänomene beschrieben werden würden, die seit Jahrzehnten fester Bestandteil der traditionsreichen deutschen Unternehmenskultur seien.


Fußnoten

3.
Vgl. Holger Backhaus-Maul, Corporate Citizenship - liberale Gesellschaftspolitik als Unternehmensstrategie in den USA, in: Frank Adloff/Ursula Birsl/Philipp Schwertmann (Hrsg.), Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Theoretische und empirische Perspektiven. Jahrbuch für Europa- und Nordamerika-Studien, Wiesbaden 2005.
4.
Vgl. André Habisch/Jan Jonker/Martina Wegner/René Schmidtpeter (eds.), Corporate Social Responsibility across Europe, Berlin - Heidelberg - New York 2005.
5.
Vgl. Judith Polterauer, Corporate Citizenship: Systemfunktionalistische Perspektiven, in: F. Adloff u. a. (Anm.3); Frank Heuberger/Maria Oppen/Sabine Reimer, Der deutsche Weg zum bürgerschaftlichen Engagement von Unternehmen, Bonn 2004; Gerd Mutz/Susanne Korfmacher, Sozialwissenschaftliche Dimensionen von Corporate Citizenship in Deutschland, in: Holger Backhaus-Maul/Hasso Brühl (Hrsg.), Bürgergesellschaft und Wirtschaft - zur neuen Rolle von Unternehmen, Berlin 2003.
6.
Vgl. Europäische Kommission/Generaldirektion Beschäftigung und Soziales, Europäische Rahmenbedingungen für die soziale Verantwortung der Unternehmen. Grünbuch, Brüssel 2001.
7.
Vgl. Franz Liebl, Wie verkauft man mit "Gemeinwohl", in: Herfried Münkler/Karsten Fischer (Hrsg.), Gemeinwohl und Gemeinsinn, Rhetoriken und Perspektiven sozial-moralischer Orientierung, Berlin 2002; Henry Schäfer/Axel Hauser-Ditz/Elisabeth C. Preller, Transparenzstudie zur Beschreibung ausgewählter international verbreiteter Rating-Systeme zur Erfassung von Corporate Social Responsibility, Gütersloh 2004; Bernhard Seitz, Corporate Citizenship: Zwischen Idee und Geschäft, in: Josef Wieland/Walter Conradi (Hrsg.), Corporate Citizenship. Gesellschaftliches Engagement - unternehmerischer Nutzen, Marburg 2002.
8.
Vgl. Bradley Googins, The Journey towards Corporate Citizenship in the United States, in: Journal for Corporate Citizenship, 5 (2002) 1, S. 85 - 101; Susanne Lang/Frank Solms Nebelung, Geschäftsstrategie Verantwortung. Corporate Citizenship als Business Case, Bonn 2004.
9.
Vgl. die Beiträge in H. Backhaus-Maul/H. Brühl (Anm.5); Reinhard Lang, Das bürgerschaftliche Engagement von Unternehmen in Deutschland - eine Bestandsaufnahme, in: Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements" (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement und Erwerbsarbeit, Opladen 2002.