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16.3.2006 | Von:
Holger Backhaus-Maul

Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen

Veränderte Rahmenbedingungen erfolgreichen wirtschaftlichen Handelns

Aber hierzulande erfährt seit einigen Jahren gepflegte "philanthropische" Tradition oder "bewährte Routine" gesellschaftlicher Verantwortungswahrnehmung von Unternehmen durch zwei grundlegende Veränderungen besondere Dynamik: erstens durch die Globalisierung des Wirtschaftens und zweitens durch den Wandel des nationalen Sozialstaates.

Globalisierung des Wirtschaftens

Die Globalisierung des Wirtschaftens forciert die gesellschaftliche Verantwortungsübernahme von Unternehmen als Teil der wirtschaftlichen Unternehmensstrategie. Gesellschaftliches Engagement ist für global tätige Unternehmen eine Strategie zur sozialen Verankerung an Betriebsstandorten und darüber hinaus in Gesellschaften, in denen man produziert und verkauft. So ist etwa für zahlreiche global tätige US-amerikanische Unternehmen gesellschaftliches Engagement ein integraler Bestandteil der Firmenstrategie. Und in Großbritannien - um ein weiteres Land mit strategisch ausgerichtetem Unternehmensengagement zu nennen - zeigt die gesellschaftliche Verantwortungsübernahme von Unternehmen als Teil der wirtschaftlichen Unternehmensstrategie eine andere Ausprägung. Die Unternehmen engagieren sich im Sinne eines Community Involvements gezielt an den Betriebsstandorten. Unternehmerisches Engagement bedeutet hier, kommunalpolitisch mitzugestalten und mitzuentscheiden.

In diesem Sinne werden Corporate Giving, das heißt Geld- und Sachspenden, und Corporate Volunteering, das heißt die Bereitstellung von Personalressourcen für Engagementprojekte, als ein Investment in Social Capital[10] verstanden: Das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen zielt in erster Linie darauf ab, Sozialkontakte und Netzwerke zu schaffen, also Sozialkapital zu bilden. In modernen Gesellschaften ist Sozialkapital das Nadelöhr bzw. ein knappes, wertvolles und ungleich verteiltes Gut.[11] Und dort, wo Sozialkapital vorhanden ist und gepflegt wird, ist die Einwerbung finanzieller Ressourcen erfahrungsgemäß eine vergleichsweise leicht zu bewältigende Herausforderung.

Vor dem Hintergrund einer forcierten Globalisierung des Wirtschaftens bleibt - insbesondere für die deutsche Diskussion - festzuhalten, dass gesellschaftliches Engagement von Unternehmen nach wie vor auf freiwilliger Initiative basiert. Engagierte Unternehmen verstehen sich folglich nicht als Ausfallbürgen des Staates. Gesellschaftliches Engagement wird vielmehr als gesellschaftspolitische Partizipation und Einmischung aufgefasst, wobei dieses Engagement nicht als Ausdruck einer diffusen Gemeinwohlorientierung oder als schmückendes Beiwerk philanthropischen Unternehmerhandelns, sondern als ein integraler Bestandteil der wirtschaftlich begründeten Unternehmensstrategie zu verstehen ist.

Wandel des nationalen Sozialstaates

In Deutschland ist ein vielfach hinausgezögerter Wandel der Staatlichkeit zu beobachten und zu erleben. Manche meinen, es würde sich um den Rückzug des Staates handeln. Da sozialstaatliche Veränderungen institutionellen Entwicklungspfaden folgen und nicht eine Abfolge abrupter Systemwechsel sind, ist es angemessener, von einer Veränderung des Staates zu sprechen. Gleichzeitig sind aber auch Wandlungen im Selbstverständnis und im Handeln von Unternehmen, Bürgern und gemeinnützigen Organisationen festzustellen. Im gesellschaftlichen Gefüge kommt es zu einer Neuverteilung von Rechten und Verantwortung zwischen Staat, Bürgern, gemeinnützigen Organisationen und nicht zuletzt Unternehmen.

Ein konventionell denkendes Unternehmen würde unter Verweis auf das deutsche Sozialstaatsmodell verkünden, wir zahlen Beiträge und Steuern und bilden aus, damit ist der sozialen Verantwortung Genüge getan. Diese Argumentationsfigur wird zum Auslaufmodell. Es ist zu erwarten, dass Unternehmen künftig weniger Steuern zahlen werden und auch bei den Beiträgen zu den Sozialversicherungen mit weiteren Entlastungen rechnen können. Diese finanziellen Entlastungen wiederum lassen einen weiteren Bedeutungsverlust des Staates erwarten. Im Zuge dessen werden die politischen und gesellschaftlichen Anforderungen an Unternehmen - unter gleichzeitig verschärften globalen Wettbewerbsbedingungen - öffentlich vernehmbar steigen.

Gesellschaftspolitisch geht es im Wesentlichen um nichts Geringeres als einen neuen Welfare Mix, dass heißt eine neue Rollenverteilung zwischen Staat, Bürgern, Nonprofit-Organisationen und Unternehmen. Diese wurde in Deutschland früher mit einem so sperrigen Begriff wie Subsidiarität umschrieben und war etwa konstitutiv für genossenschaftliche Unternehmen.[12] Äußerst bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich in Deutschland Regierungen und Parteien mit Regulierungsüberlegungen in Fragen des gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen bisher weitgehend zurückgehalten haben. So können gesellschaftlich engagierte Unternehmen nach wie vor mit einem beachtlich breiten politischen Wohlwollen rechnen, das allenfalls saisonal bedingt von "Warnhinweisen vor Insektenplagen" überlagert wird.

Angesichts dieser günstigen politischen Bedingungen eröffnen sich für Unternehmen weitreichende Gestaltungsspielräume bis hinein in Kernbereiche hoheitlichen Handelns. So verdeutlicht das seit Jahren zunehmende Engagement von Unternehmen und Unternehmensberatungen an deutschen Schulen die Chancen und auch Risiken einer engagementpolitischen Mitgestaltung und -entscheidung von Unternehmen im Kernbereich der Kulturhoheit der Länder. Unternehmen übernehmen vielerorts - vor dem Hintergrund gravierender Ressourcenmängel - eine Führungsrolle bei der Unterrichts- und Lehrplangestaltung in Fragen des Wirtschaftens. Damit können einerseits wichtige Lücken im Lehrangebot geschlossen werden, andererseits kann es aber auch zu einer einseitigen Einflussnahme auf Lehrinhalte und schulische Abläufe, einer Begünstigung bereits privilegierter Schulen und auch zu einer Zweckentfremdung von Unterricht zur Nachwuchsrekrutierung kommen. Bereits an diesem einen Beispiel wird deutlich, dass für Unternehmen neuartige und weitreichende gesellschaftspolitische Mitentscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten entstehen, die staatlich kaum noch zu steuern und nur bedingt zu regulieren sind, gleichzeitig aber - im Sinne der Idee einer Bürgergesellschaft - auch nicht öffentlich diskutiert zu werden scheinen.


Fußnoten

10.
Vgl. Robert D. Putnam, Making Democracy Work. Civic Traditions in Modern Italy, Princeton 1993.
11.
Vgl. Claus Offe/Susanne Fuchs, Schwund des Sozialkapitals? Der Fall Deutschland, in: Robert D. Putnam (Hrsg.), Gesellschaft und Gemeinsinn. Sozialkapital im internationalen Vergleich, Gütersloh 2001; Sebastian Braun, Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ), (2002) 29 - 30, S. 6 - 12.
12.
In diesem Zusammenhang sei nur auf die Volksbanken und Raiffeisenbanken, die EDEKA als größtem Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen in Deutschland und die zahlreichen lokalen Wohnungsbaugenossenschaften verwiesen; vgl. Stefan Nährlich, Bürgerstiftungen als Ausdruck modernen Corporate Citizenships, in: ders. u.a. (Hrsg.), EDEKA Juniorengruppe (Hrsg.), 75 Jahre EDEKA Juniorengruppe e.V., Hamburg 2005. Bürgerstiftungen in Deutschland, Wiesbaden 2005; Genossenschaftsforum (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement als genossenschaftliche Ressource, Berlin 2003.