Arbeiter nehmen am 04.04.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf dem Dach des Kölnischen Stadtmuseums das Flügelauto entgegen

18.10.2019 | Von:
Birgit Priemer

Mit dem E-Auto in die Zukunft? Chancen und Herausforderungen der Elektromobilität

Rettung des Autos?

In vielen europäischen Städten gibt es bereits Fahrverbote für Diesel: Paris hat Diesel ab der Schadstoffklasse Euro 2 bereits verbannt, bis 2024 sollen alle Selbstzünder, bis 2030 auch Benziner ausgesperrt werden. Nach Oslo dürfen Diesel-Pkw nicht mehr fahren, und auch in Kopenhagen sind Diesel seit 2019 nicht mehr zugelassen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Mit Blick auf das Pariser Klimaabkommen von 2015 ist der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bereits geregelt, die Zukunft des Verbrenners ist also endlich. In dieser Hinsicht könnten Stromer also die Zukunft des Autos retten. Doch die Städte wehren sich nicht nur gegen Luftverschmutzung und CO2-Belastungen, die Metropolen dieser Welt brauchen auch neue Mobilitätskonzepte. Es ist eben nicht einfach damit getan, Alternativen wie E-Bikes, Lastenräder oder E-Scooter auf den Markt zu bringen, wenn dafür nicht neue Räume geschaffen werden – davon zeugen schon die ansteigenden Unfallzahlen auf diesem Gebiet.

Wenn Verkehrspolitik jedoch nicht moderiert wird, dann nützen auch neue Mobilitätskonzepte nichts – dies zeigt etwa die Tatsache, dass der Individualverkehr in Städten wie New York durch Fahrdienstvermittler wie Uber und Lyft gestiegen ist, weil viele Menschen die bequemere Lösung bevorzugen und die Fahrdienste dem öffentlichen Nahverkehr vorziehen. In Zukunft wird es in den Städten immer voller werden. Vielerorts wird daher mit Hochdruck an tragfähigen Konzepten jenseits des Individualverkehrs gearbeitet. "Der heutige Normalfall, wonach die meisten Menschen selber in ihrem eigenen Fahrzeug fahren, wird in wenigen Jahren nur noch ein Mobilitätskonzept unter vielen sein", prognostizierte der Global Lead Analyst Christoph Stürmer von der Beratungsfirma Pricewaterhouse Coopers bereits 2017. Car- und Ridesharing, die Elektrifizierung des Antriebs sowie die Entwicklung selbstfahrender Autos seien Megatrends, die in Kombination dazu führten, "dass sich der Straßenverkehr als solcher radikal verändern wird".[13]

Stellen wir uns den urbanen Mobilitätsmix der Zukunft also aus mehreren Komponenten vor: öffentlicher Verkehr mit Bus und Bahn ergänzt durch autonom fahrende Autos, dazu der selbstgelenkte Individualverkehr mit eigenem Fahrrad oder kurzzeitig geliehenem Auto, Roller, Fahrrad oder E-Scooter. Eine weitere Komponente sind Mitfahrdienste wie etwa von der VW-Tochter Moia. Bei diesem sogenannten ride hailing führt ein Algorithmus die Anfragen der Passagiere zusammen und koordiniert die Fahrtenroute, vergleichbar einem Sammeltaxi – aber günstiger. Sofern sie klug genutzt werden und auf eine hohe Auslastungsquote kommen, bieten Mitfahrgelegenheiten durchaus die Chance, den Individualverkehr in Städten zu reduzieren.

Auch die Nachfrage der Verkehrsbetriebe nach autonom fahrenden Bussen dürfte in den nächsten Jahren wachsen. Zum einen können dadurch Personalkosten reduziert werden, zum anderen benötigen die Shuttles viel weniger Platz als beispielsweise große Gelenkbusse, die sich am Wochenende oder in der Nacht oft nur mit einer geringen Anzahl Passagieren durch die Städte quälen. In mehr als zehn deutschen Kommunen laufen mittlerweile Tests mit autonom fahrenden Kleinbussen, unter anderem in Keitum auf Sylt und Bad Birnbach. Die Kostenbilanzen fallen unterschiedlich aus. In einer Studie der Harvard University wird geschätzt, dass die Kosten für die Benutzung eines Robotaxis pro Meile fast dreimal so hoch wären wie die Benutzung eines eigenen alten Wagens.[14] Allerdings könnte die Zeit im autonom fahrenden Shuttle künftig für andere Dinge genutzt werden, weshalb es bereits interessante Kooperationen gibt – zwischen Toyota und Pizza Hut zum Beispiel. Und der Autohersteller e.GO Mobile aus Aachen will den e.GO Moover, der in einer Kooperation mit dem Zulieferer ZF entsteht, an Läden vorbeifahren lassen, die appbasiert Gutscheine anbieten und die Insassen so zu einem Stopp einladen. Attraktiv könnte das Geschäft auch für Krankenkassen werden, die jedes Jahr Milliarden Euro an Taxiunternehmen für Krankenfahrten zahlen müssen. Die selbstfahrenden Autos sind längst noch nicht serienreif, aber Ideen für Geschäftsmodelle gibt es schon viele.

Die Automobilindustrie kann von Geschäften dieser Art durchaus profitieren, zunächst einmal in der Rolle des Hardware-Herstellers. Ob sie in Zukunft auch an den digitalen Geschäftsmodellen beteiligt sein wird, bleibt abzuwarten. Trotz aller Bemühungen und Kooperationen im Bereich der neuen Mobilität – prominentes Beispiel ist der Mobilitätsdienst Share Now, für den die Konkurrenten BMW und Daimler zu Partnern wurden – verdient im Moment niemand auch nur ansatzweise so viel Geld wie mit dem klassischen Automobilgeschäft. Und die meisten Erfahrungen auf dem Gebiet des autonomen Fahrens haben nicht BMW, Daimler und Volkswagen, sondern die Google-Tochter Waymo, die bereits Kooperationen mit Herstellern wie Jaguar Land Rover eingegangen ist, um sich den Zugriff auf deren Plattformen zu sichern. Dass die Sharing-Shuttles hauptsächlich elektrisch betrieben werden sollen, ergibt Sinn. Denn Shuttle-Fahrten gehen in der Regel über kürzere Strecken. Große, energieaufwändige und zugleich teure Akkus werden da nicht benötigt.

Die Nationale Plattform Elektromobilität, ein Beratungsgremium der Bundesregierung aus Vertretern der Industrie, Politik, Wissenschaft, Verbänden und Gewerkschaften, ging in ihrem Fortschrittsbericht 2018 davon aus, dass Deutschland sich "zu einem Treiber für Elektromobilität mit einer hohen Dynamik bei den Neuzulassungen" entwickeln wird und prognostizierte, dass der "Anteil von Elektrofahrzeugen an der weltweiten Gesamtproduktion von aktuell weniger als ein Prozent auf über zehn Prozent im Jahr 2020 und bis zu 25 Prozent im Jahr 2025 ansteigen" wird.[15] Demnach käme die Elektromobilität in Kürze mit Wucht – genau so, wie es Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche im Sommer 2016 im Interview mit der "Wirtschaftswoche" mit einem anschaulichen Vergleich beschrieb: "Das ist wie mit der umgedrehten Ketchup-Flasche. Wenn man draufschlägt, weiß man, irgendwann kommt was raus. (…) Du weißt nicht wann, aber wenn’s kommt, dann richtig."[16]

Fußnoten

13.
Pricewaterhouse Coopers, 2030 braucht der Verkehr in Europa 80 Millionen weniger Autos als heute, Pressemitteilung, 11.9.2017, http://www.presseportal.de/pm/8664/3732554«.
14.
Vgl. Ashley Nunes/Kristen Hernandez, The Cost of Self-Driving Cars Will Be the Biggest Barrier to Their Adoption, 31.1.2019, https://hbr.org/2019/01/the-cost-of-self-driving-cars-will-be-the-biggest-barrier-to-their-adoption«.
15.
Nationale Plattform Elektromobilität, Fortschrittsbericht 2018 – Markthochlaufphase, Mai 2018, http://www.nationale-plattform-elektromobilitaet.de/fileadmin/user_upload/Redaktion/NPE_Fortschrittsbericht_2018_barrierefrei.pdf«, S. 72.
16.
Zit. nach Sebastian Schaal, Wie steht es um die Elektroautos, Herr Zetsche?, 22.7.2016, http://www.wiwo.de/13907888.html«.
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