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9.2.2006 | Von:
Kathrin Kaschura

Politiker als Prominente - die Sicht der Zuschauer

Forschungsinteresse und Methode

Ungeachtet einer nicht unerheblichen Publikumsresonanz wird die wissenschaftliche Diskussion über die Auswirkungen einer Verquickung von Unterhaltung und Politik überwiegend theoretisch geführt. Es gibt immer noch zu wenig empirische Daten zur Nutzung und Wirkung von Entertainisierungsstrategien politischer Akteure. Diese Überlegungen dienten als Grundlage für die im Jahr 2004 durchgeführte Studie Politiker als Prominente.[5] Ziel der Untersuchung war es, Rezeptionsmotive und Wirkung von Politikerauftritten in Personality-Talks zu rekonstruieren. Im Zentrum standen Fragen nach persönlichem Verständnis und individuellen Motiven der Rezeption von Politikerauftritten.

Die Entscheidung, keine quantitative, sondern eine qualitative Untersuchung durchzuführen, hatte unterschiedliche Gründe. Bei der Frage nach der Wahrnehmung der Rezipienten stehen diese als Experten ihrer Lebenswelt, ihrer Einstellungen und Gefühle im Mittelpunkt. Es geht nicht um die Häufigkeit beobachteter Phänomene, sondern um die Qualität und die Festlegung eines Rahmens, um das Abstecken eines in der sozialen Realität anzutreffenden Forschungsfeldes. Qualitative Befragungen haben außerdem den Vorteil, dass sie dort interessante Ergebnisse liefern können, wo quantitative Befragungen mit sozial erwünschten Antworten zu kämpfen haben. Wer würde in einer standardisierten Befragung zugeben, sich stärker für das Privatleben von Politikern als für Parteiprogramme zu interessieren? Des Weiteren lagen bis zu diesem Zeitpunkt keine Befunde zum subjektiven Erleben von Politikerauftritten in Personality-Talks oder zu individuellen Rezeptionsmotiven vor. Die Spannbreite von Meinungen und Einstellungen war daher nicht bekannt. Die Entscheidung für einen quantitativen Ansatz hätte bedeutet, die befragten Menschen mittels eines Forschungsrasters zu untersuchen, das Gefahr läuft, die "Differenziertheit der sozialen Gegenstände" nicht genau zu erfassen.[6]

Zur Beantwortung der Forschungsfrage "Wie nehmen Fernsehzuschauer Politikerauftritte in Personality-Talks wahr?" wurden Interviews mit Personen geführt, die sich, wie obige Darstellung zeigt, hinsichtlich ihrer soziodemografischen Merkmale Alter, Geschlecht und formaler Bildungsgrad stark voneinander unterschieden. Insgesamt wurden in der Zeit vom 10. bis 29. September 2004 dreizehn leitfadengestützte Einzelinterviews durchgeführt. Die Dauer variierte zwischen 28 und 50 Minuten. Der Schwerpunkt der Befragung lag im Raum Heidelberg, Mannheim und Weinheim.

Zu Beginn der Interviews wurden Gesprächsausschnitte aus zwei Personality-Talks vorgeführt, die chronologisch auf ein Videoband geschnitten waren. Es handelte sich um Angela Merkel in der Sendung Beckmann sowie Franz Müntefering und Tochter Mirjam in der Sendung Menschen bei Maischberger. Im Anschluss daran begann jedes Interview mit der identisch gestellten, allgemein gehaltenen Frage: Und wie wirkt das so auf Sie? Der weitere Verlauf des Gesprächs gestaltete sich durch Aufgreifen der Themen, die von den Interviewpartnern angesprochen wurden, sowie durch Nachfragen.


Fußnoten

5.
Vgl. Kathrin Kaschura, Politiker als Prominente. Wie nehmen Fernsehzuschauer Politikerauftritte in Personality-Talks wahr? Eine qualitative Analyse, Münster 2005. Der vorliegende Aufsatz bietet eine Zusammenfassung zentraler Ergebnisse der Studie, die am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zur Erlangung eines akademischen Grades einer Magistra Artium vorgelegt wurde. Die Buchpublikation bietet detaillierte Informationen zu Forschungsdesign, Analyse der Interviews sowie die Darstellung der Ergebnisse des Fallvergleichs und der Typenbildung.
6.
Uwe Flick, Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung, Reinbek 2002, S. 12 f.