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25.1.2006 | Von:
Manfred Osten

Digitalisierung und kulturelles Gedächtnis - Essay

Das Erodieren des kulturellen Gedächtnisses

Andererseits ist mit der Französischen Revolution auch jenes Phänomen verschwistert, das eingangs angedeutet wurde: jene Geschichte eines raschen Erodierens des kulturellen Gedächtnisses, dessen Spätfolgen sich bis in die Gegenwart verfolgen lassen. Die Französische Revolution hatte 1792 radikal mit dem alten Gedächtnis, mit 1800 Jahren christlicher Tradition Europas, gebrochen. Denn 1792 endete (mit der Ausrufung des Jahres 1 des Revolutionskalenders) die bisherige christliche Zeitrechnung nach dem Gregorianischen Kalender. Und es blieb Napoleon 1803 vorbehalten, im Wege des Reichsdeputationshauptschlusses in Regensburg den Traditionsbruch, das Zerreißen der Ankerketten der alten Zeit, zu vollenden durch die Auslöschung des Gedächtnisses der Kirchen, Klöster, Archive und Bibliotheken.

Goethe hat früh am Beispiel dieses Vergangenheitshasses der Französischen Revolution und der nachfolgenden Säkularisation bemerkt, dass sich das kulturelle Gedächtnis im Umbau befindet und wir nur deshalb keine Barbaren sind, weil "noch Reste des Altertums" um uns sind. Er versuchte im "West-Östlichen Divan", dem rapiden Erodieren des kulturellen Gedächtnisses zu begegnen: "Wer nicht von dreitausend Jahren / sich weiß Rechenschaft zu geben, / mag im Dunkeln unerfahren / von Tag zu Tage leben." Die Folgen dieses sich rasch verkürzenden Gedächtnisses brachte er lakonisch auf die Formel: "Nichts Entsetzlicheres als tätige Unwissenheit". Und es war Franz Grillparzer, der schon 1848 das "Entsetzliche" dieser "tätigen Unwissenheit" mit einer Formulierung über den Gang der "neueren Bildung" zugespitzt hat: "Von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität".

Goethe hatte die Folgen einer gedächtnislosen Fortschritts-Idolatrie im II. Teil der "Faust"-Tragödie vorweggenommen: Faust, der bereits im Hinblick auf die Schleifspur seiner Untaten im Tau von Lethes Fluten Orgien des Vergessens feiert, agiert im 5. Akt als Protagonist eines modernen Vergangenheitshasses. Er lässt die "Überreste des Altertums" beseitigen, die Goethe als letztes Bollwerk gegen eine gedächtnislose Barbarei verstanden hatte. Er lässt Philemon und Baucis auslöschen mit der Konsequenz, dass damit auch die mit der alten Gedächtniskultur verschwisterte Metaphysik eliminiert wird: Der unerkannt unter den Menschen wandelnde Göttervater Zeus, der bei Philemon und Baucis Gastrecht genießt, wird ebenfalls ermordet.

Den II. Teil seines "Faust" hat Goethe vorsorglich versiegelt. Hierdurch wollte er möglicherweise seinen Zeitgenossen die Einsicht in diese schwarze Büchse der Pandora ersparen. Erst Nietzsche hat Ende des 19. Jahrhunderts diese Büchse wieder geöffnet - mit dem Hinweis, dass der inzwischen erreichte Verlust des kulturellen Gedächtnisses bereits den neuen Menschentyp der "Legionäre des Augenblicks" hervorgebracht habe. Die barbarischen Traditions- und Gedächtnisbrüche der beiden Weltkriege, die metaphorische Gedächtnisauslöschung der Bücherverbrennung von 1933 und die Liquidation der bürgerlichen Gedächtniskultur in der Folge der 68er Revolte haben die weitere Entwicklung dieses Typs begünstigt. Hinzu kommt das historische Kurzzeitgedächtnis mit dem Jahr 1945 als "Stunde Null" und der inzwischen zunehmende monetäre Rechtfertigungsdruck für alle gedächtnisgestützten Phänomene und Institutionen vor allem in den Bereichen der Kultur und der Geisteswissenschaften.