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25.1.2006 | Von:
Manfred Osten

Digitalisierung und kulturelles Gedächtnis - Essay

Digitale Gedächtnisspeicher

Die damit verbundenen Erosionen des kulturellen, nationalen und individuellen Gedächtnisses werden durch eine Transformation der Speicher des Gedächtnisses begleitet. Die Rede ist von der Verkürzung der Halbwertszeit der digital gespeicherten Memorabilien. Welche Halbwertszeit haben diese Speicher? Wer sind die Archivare? Wie bestimmen die digitalen Betriebssysteme die Art des Erinnerns? In seiner Analyse der "Gegenwartsvergessenheit" hat Wolfgang Hagen betont, dass Presse, Radio und Fernsehen keine Rücksicht auf die Dauerhaftigkeit einer Speicherung nehmen: "Die Gegenwartsfixierung einer pressemaschinellen und elektronischen Kommunikationstechnologie, die auf der Stipulierung von Individualkonsum gründet, ist gegenüber Vergangenheit indifferent und macht in Bezug auf die Zukunft blind."[7]

Womit sich die Frage stellt, ob Ähnliches auch für das digital gespeicherte Gedächtnis gilt. Das Verhältnis von vergänglicher und dauerhafter Erinnerungsspur ist inzwischen zu einem globalen Thema avanciert. In das Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ins Leben gerufene UNESCO-Programm "Memory of the World", ein Register für das kollektive Weltgedächtnis, sollen bedeutende Schrift-, Ton-, Bild- und Filmdokumente aufgenommen werden mit dem Ziel, sie digital im Internet zu präsentieren. Das Programm stellt erstmalig eine digitale Langzeitspeicherung des kulturellen Erbes zur Diskussion, und zwar im Hinblick auf Dokumente, die auf der Weltskala als erinnerungswürdig deklariert werden können.

Daraus ergibt sich das Paradoxon, dass ausgerechnet die Memorabilien des kollektiven Langzeitgedächtnisses einem global verfügbaren Speichermedium mit technisch bedingtem Kurzzeitgedächtnis anvertraut werden sollen. Joachim-Felix Leonhard hat diesen Sachverhalt so beschrieben: "Bei kaum einem Bereich, der sich mit Kulturerbe und Bewertungen befasst, ist deshalb die Frage so virulent, wer denn heute - im Zeitalter digitaler Kommunikation und nicht geklärter Langzeitarchivierung zwecks künftiger Verfügbarkeit - entscheidet, an was wir uns morgen erinnern werden. (...) Es ist, als ob eine imaginäre Invasion aus der Galaxis stattfände und uns vor die Robinsonfrage stellte. So wie einst Noah befragt wurde, welche Werte und Gegenstände wichtig erscheinen und - in notwendiger Beschränkung bzw. Selektion - in ein kleines Boot, eine Art virtuelle Arche, zu legen seien."[8] Hans Magnus Enzensberger hat dieses Gespenst so skizziert: "Das rasante Innovationstempo hat nämlich zur Folge, dass die Halbwertszeit der Speichermedien sinkt. Die National Archives in Washington sind nicht mehr in der Lage, elektronische Aufzeichnungen aus den sechziger und siebziger Jahren zu lesen. Die Geräte, die dazu nötig wären, sind längst ausgestorben. Spezialisten, die die Daten auf aktuelle Formate konvertieren könnten, sind rar und teuer, sodass der größte Teil des Materials als verloren gelten muss. Offenbar verfügen die neuen Medien nur über ein technisch begrenztes Kurzzeitgedächtnis. Die kulturellen Implikationen dieser Tatsache sind bisher noch gar nicht erkannt worden."[9]

Über diese Implikationen streiten sich inzwischen die beiden Fraktionen des digitalen Zeitalters: die Apokalyptiker auf der einen und die Evangelisten auf der anderen Seite. Die digitalen Evangelisten als Anhänger froher Botschaften globaler Natur prophezeien unter anderem das Heraufziehen einer direkten elektronischen Demokratie, den Abbau von Hierarchien und die nachhaltige Nutzung von Ressourcen. Die digitalen Apokalyptiker verkünden demgegenüber die Schrecken einer Zukunft des "rasenden Stillstands" im Sinne des Medienphilosophen Paul Virilio und die Gespensterwelt medialer Simulation und Virtualität im Sinne Jean Baudrillards.

Unbestritten ist, dass die digitalen Speichermedien inzwischen eine zentrale Rolle spielen; ihre rasche Entwicklung führt zu Veränderungen, die niemand wirklich abschätzen kann. Sicher ist auch, dass diese Entwicklung das relativ dauerhafte Buchgedächtnis langfristig in einen völlig neuen Aggregatzustand überführen wird. Der Benutzer digitaler Speichermedien, bislang geübt im Umgang mit selbstgenerierten Assoziationen und Einsichten in Verbindungen, findet sich jedenfalls plötzlich wieder als habitualisierter Nutzer von Speicherkapazitäten mit technisch bestimmten formalen Verknüpfungen und der Abhängigkeit von digitalen "Suchmaschinen". In dem Maße, in welchem sich die Festplatten und Server mit diesen "Digilisaten" füllen, entleeren sich die Bücherregale der alten Bibliotheken: "Es ist ein verlockendes futuristisches Gedankenspiel: Die Buchbestände der Bibliotheken der Welt, von der nichtigsten Broschüre bis hin zur massiven Enzyklopädie, werden vollautomatisch gescannt. Hochleistungsscanner legen Buch für Buch auf seinen Rücken, scannen Seite für Seite den Buchtext, indem sie das Papier der nachfolgenden Seiten ansaugen und selbstständig umlegen. (...) Ein faszinierendes Szenario ist dies, derzeit zwar noch ein wenig utopisch, aber angesichts der rasanten Entwicklungen der IT-Technologie vermutlich in absehbarer Zeit schon als realistisch anzusehen."[10]

Aber auch diese Hoffnung trügt, zumindest für den Einzelkunden. Denn bereits einfache Rechenexempel zeigen, dass kaum ein künftiger Benutzer über die Finanzkraft verfügen wird, um sämtliche für ihn relevanten Volltexte auf eigene Kosten abzurufen: "Vor allem geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Forschungsarbeiten verlangen mitunter nach Dutzenden, ja Hunderten von zu konsultierenden Schriften. Nicht allein Literaturwissenschaftler aber wollen stöbern, sich im Geschriebenen verlieren, zielgerichtet oder ziellos suchen, Anregungen finden, Abseitiges ebenso wie Grundsätzliches entdecken - und zwar in den Bücherregalen des Lesesaales ebenso wie im Kosmos der Netzquellen. Die Chance, Datenmengen zukünftig komfortabel am privaten PC laden zu können, lässt hoffen: Die Notwendigkeit als Einzelkunde, als enduser, horrende Kosten tragen zu müssen, schreckt hingegen ab."[11]


Fußnoten

7.
Wolfgang Hagen, Gegenwartsvergessenheit, Berlin 2003, S. 119.
8.
Joachim-Felix Leonhard, Kulturelles Erbe und Gedächtnisbildung, in: Deutsche UNESCO-Kommission (Hrsg.), Lernziel Weltoffenheit. Fünfzig Jahre deutsche Mitarbeit in der UNESCO, Bonn 2001, S. 131.
9.
Hans Magnus Enzensberger, Nomaden im Regal, Frankfurt/M. 2003, S. 122.
10.
Barbara Schneider-Kempf/Martin Hollender, Brauchen wir im digitalen Zeitalter noch Lesesäle? Eine Berliner Antwort, in: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz, 39 (2002), S. 101 - 114.
11.
Ebd., S. 106.