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25.1.2006 | Von:
Manfred Osten

Digitalisierung und kulturelles Gedächtnis - Essay

Kollektiver Wissensschwund?

Die zentrale Frage lautet: Muss mit einem kollektiven Wissensschwund auf Grund der raschen Alterungsprozesse der digitalen Systeme gerechnet werden? Nachdem auch das in den letzten 150 Jahren in Büchern mit säurehaltigem Papier materialisierte Gedächtnis Auflösungserscheinungen zeigt, droht den digitalen Gedächtnisträgern eine noch wesentlich kürzere Halbwertszeit des Verfalls. Die Produzenten optischer Gedächtnisspeicher versprechen zwar eine Haltbarkeit von hundert Jahren etwa für CD-ROMs. Aber das Versprechen eines hundertjährigen Langzeitgedächtnisses der optischen Speicherproduzenten ist nicht verifizierbar. Ein Beweis der produktbegleitenden Behauptungen wird nicht angetreten. Und bevor die digitalen Gedächtnisdaten Opfer von Materialermüdung werden, verschwinden bereits jene Geräte, mit denen diese Daten ursprünglich bearbeitet wurden. Hinzu kommt, dass auch die Programme, welche die binären Reihen von Nullen und Einsen in lesbare Information umwandeln können, spätestens auf den Rechnern der übernächsten Generation nicht mehr präsent sind. Inzwischen verlangt die schwindende Dauerhaftigkeit von Hardware zusätzlich neue Strategien des Personalmanagements zur Sicherung digitaler Gedächtnisinhalte. Das bedeutet vor allem die Entwicklung und Aufrechterhaltung spezieller Mitarbeiterfähigkeiten für das Überleben digitaler Informationen angesichts technischer Geräte verschiedener Generationen, Hersteller und Verfahrensweisen.

Die höchste Dringlichkeit dürfte aber angesichts der Unmöglichkeit eines digitalen Langzeitgedächtnisses jene Schlüsseltechnologie beanspruchen, mit der zurzeit die digitalen Evangelisten einen Ausweg aus dem Dilemma ihrer vergänglichen Memorabilien prophezeien: das Storage Area Network (SAN). Das von einer Gruppe ("Internet Engineering Task-Force") von Komponenten- und Computerherstellern geplante SAN-System nutzt eine signifikante Eigenschaft digitaler Information: die Unmöglichkeit, Kopien vom Original zu unterscheiden. Eine Langzeit-Überlebensfähigkeit von Memorabilien könnte daher zumindest potenziell durch eine globale Ubiquität digitaler Informationsklone gesichert werden. Das heißt, die jeweilige Information müsste durch digitales "Spiegeln" (mirroring) weltweit geografisch verteilt werden - Sicherung also durch wiederholte automatische Spiegelung, eine bereits von der Open-Software-Bewegung implementierte Strategie, die jetzt Teil der SAN-Standards wurde.

Und dies mit doppelter Zielsetzung: Einerseits ermöglicht SAN, dass Datenspeichergeräte mit sehr hoher Speicherkapazität, die an einem bestimmten Ort installiert werden, über private oder auch öffentliche Netzwerke als Komponenten des Computers oder eines lokalen Netzwerks genutzt werden können. Andererseits führt es zur Langzeitsicherung der Informationen regelmäßig Updates durch und überprüft automatisch die Konsistenz aller "gespiegelten", das heißt "verteilten" Kopien. SAN erlaubt die kostengünstige und langfristige Speicherung von Informationen durch die Nutzung von Speichergeräten aller möglichen Hersteller; allerdings unter der Voraussetzung, dass die Produkte dieser Hersteller dem SAN-Standard entsprechen müssen. Das Fazit lautet: "SAN-Spiegelungsstrategien ermöglichen das periodische, vollkommen automatisierte Übertragen von Information von einer Speicherungshardware, die am Ende ihrer Haltbarkeit steht, auf eine neue, die mit dem SAN verbunden ist."[12]

Immerhin wären auch bei SAN die Fundamente zunächst weiterhin nicht nur von der Gedächtnisfragilität der Trägermedien geprägt, sondern auch von der Abhängigkeit von Energie und der ständig notwendigen Adaption an aktuelle technische Standards, ganz abgesehen davon, dass auch SAN-Langzeitdaten nicht geschützt sind gegen Naturgewalten. Sicher ist, dass die digitalen Systeme vorteilhaft bleiben werden für diejenigen, die sie mit eigener gedächtnisgestützter Urteilskraft zu nutzen verstehen. Zu den großen Verdiensten der Digitalisierung zählt die damit verbundene Demokratisierung des Wissens im Sinne einer globalen Verfügbarkeit des in Archiven, Bibliotheken und Museen gesammelten kulturellen Erbes.


Fußnoten

12.
Peter Cromwell, Digitale Systeme und Nachhaltigkeit, München 2003, S. 20f.