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25.1.2006 | Von:
Manfred Osten

Digitalisierung und kulturelles Gedächtnis - Essay

Die Zukunft des Gedächtnisses

Ein letzter Blick soll der Zukunft der Memorabilien des individuellen und kollektiven Gedächtnisses gelten. Die Rede ist vom CREB (camp - responsive - element - binding)- Protein, einer Entdeckung des Neurobiologen Eric R. Kandel, der dafür im Jahr 2000 den Medizin-Nobelpreis erhielt. Das CREB-Protein spielt eine biochemische Schlüsselrolle in jenen neuronalen Aktivitäten des Gehirns, die für die Erinnerung zuständig sind: Es schaltet Gene ein, die für eine stärkere Signalübertragung zwischen zwei Neuronen sorgen, mit dem Ergebnis, dass ein flüchtiger Eindruck dauerhaft im Gedächtnis verankert wird. Sollte es gelingen, dieses Protein künstlich zu produzieren, wären Science-Fiction-Vorstellungen aller Art Tor und Tür geöffnet für die Erinnerungs- und Vergessensgesellschaft der Zukunft.

Inzwischen hat die Neurowissenschaft auch Goethes Erkenntnis bestätigt, dass das Gedächtnis mit dem Interesse wächst. Das heißt, Memorabilien, die emotional positiv begleitet werden, haften offenbar besonders lange im Gedächtnis. Und neurobiologische Forschungsergebnisse der Stanford University haben gezeigt, wie dem Menschen selektives Vergessen gelingt, indem er die Aktivität jener Instanz dämpft, die im Gehirn für den Prozess der Bewusstwerdung und Langzeitspeicherung verantwortlich ist: der Hippocampus. Die gewünschte Verdrängung von Erinnerungen gelingt durch einen gesteigerten Erregungszustand der beiden Seiten des Vorderhirns, des präfrontalen Kortex.

Auch die Geschichtswissenschaft ist inzwischen ins Visier der Hirnforschung geraten: als Epiphänomen neuronaler Vorgänge, die die Vergangenheit immer wieder neu interpretieren und konstituieren, je nachdem, wofür wir im kollektiven Gedächtnis jeweiliger Erinnerungsgemeinschaften sozialen Rückhalt finden. Diese Einsicht hat bereits Walter Benjamin mit seinem Hinweis bestätigt, dass das Gedächtnis nicht etwa ein Instrument zur Erkundung der Vergangenheit sei, sondern vielmehr ihr Schauplatz. Diesem könnten mit Hilfe des CREB-Proteins künftig erhebliche künstliche Eingriffe und Veränderungen drohen in Gestalt von Gedächtnismedikamenten, die bereits in wenigen Jahren zur Auswahl als memory blocker oder memory enhancer zur Verfügung stehen dürften, mit zurzeit noch unabsehbaren Folgen des Ge- und Missbrauchs.

Das Gedächtnis ist seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf dem Wege, sich auch zum Leitbegriff einer kulturwissenschaftlichen Neuorientierung zu entwickeln. Und dies als ein transdisziplinärer Forschungsgegenstand, der sich immer mehr gegenüber ganz unterschiedlichen Disziplinen öffnet und seit den neunziger Jahren sogar neue Formen der Vergangenheitspolitik initiiert hat. Verschiedene Staaten haben damit begonnen, sich verstärkt zu einem "negativen Gedächtnis" zu bekennen, um damit von jenem fragwürdigen heroischen Positiv-Gedächtnis, das bereits Nietzsche als "monumentalische Geschichtsschreibung" gerügt hat, abzurücken. Für jede Erinnerungsgemeinschaft aber wird weiterhin die unaufhebbare Ambivalenz des Goethe'schen Verdikts gelten: "Wir alle leben vom Vergangenen und gehen am Vergangenen zugrunde." Dies könnte auch als Einladung verstanden werden, im Akt des Erinnerns das Heute, die Zukunft und das Vergangene zu umfassen - jenes janusköpfige Bewusstsein also, das zurück und voraus blickt und sich als Aufhebung der Zeit durch Vergessen versteht, und zugleich als Hingabe an die Zeit, der das Gedächtnis Dauer verleiht. Der jüdische Lyriker Paul Celan hat 1952 dieses schwierige Kunststück in ein Gedicht gefasst: "Wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis."