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25.1.2006 | Von:
Manfred Osten

Digitalisierung und kulturelles Gedächtnis - Essay

Angesichts der Problematik digitaler Speichersysteme und der Ergebnisse der Hirnforschung muss der Verlust unseres kulturellen Gedächtnisses befürchtet werden - mit Implikationen für die Zukunft unserer Gesellschaft.

Einleitung

Ein russisches Sprichwort besagt: "Wer die Vergangenheit anfasst, verliert ein Auge. Wer aber die Vergangenheit vergisst, verliert beide Augen." Haben wir beide Augen verloren? Wenn ja, wo liegen die Ursachen dafür? Gibt es eine Geschichte des erodierenden Gedächtnisses, die erklärt, warum wir heute, wie es der Ägyptologe und Gedächtnisforscher Jan Assmann formuliert hat, eine "Gesellschaft des Vergessens" sind?[1]



Man könnte gegen diese Vermutung einwenden, dass zum Beispiel seit weit mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland nicht mehr von einem Vergessen der Geschichte des Nationalsozialismus die Rede sein kann. Allerdings hat Karl Heinz Bohrer mit guten Gründen darauf hingewiesen, dass unsere Erinnerungskultur sich in Wahrheit nur als ein historisches "Nahverhältnis" manifestiere. Es fehle jedes "Fernverhältnis" zur Geschichte: "Die Nichtexistenz eines Verhältnisses zur geschichtlichen Ferne, das heißt, zur deutschen Geschichte jenseits des Bezugsereignisses Nationalsozialismus, das wird sofort evident, ist nicht das Resultat eines Willensaktes, der heute oder morgen revidierbar wäre, sondern ist eine Art mentales Apriori, eine zweite Haut bundesrepublikanischen Bewusstseins."[2] Bohrer hat diese "zweite Haut" definiert als "vollkommenen Verlust jeder Erinnerung an eine national-orientierte kollektive Vergangenheit". Diese Erinnerungslosigkeit werde allerdings "verdeckt durch die memoria-Rede, die zu einem Kitsch-Ritual der akademischen Intelligenz zu pervertieren drohe".

Nach Einschätzung Peter Kümmels spricht gegen diesen Befund bundesdeutscher Erinnerungslosigkeit auch keineswegs die Tatsache neuerer und neuester erinnerungsorientierter Fernsehsendungen. Es handele sich hierbei vielmehr um erinnerungsschonende Pauschalreisen in die NS-Vergangenheit, die das Verdikt Sigmund Freuds einlösen, nach dem man sich erinnere, um zu vergessen. Da aber eine solche Strategie des Vergessens "für die Deutschen nicht statthaft ist, wählen sie gern eine Art der Erinnerung, die dem Vergessen nahe kommt. Es ist die Erinnerung als Zerstreuung."[3]

Nun könnte man hilfesuchend einwenden, dass ja gerade die Bundesrepublik eine inflationsartige Fülle von historischen Ausstellungen - von den Staufer- und Preußen-Ausstellungen bis hin zur umstrittenen Schau "Verbrechen der Wehrmacht" - vorweisen könne. Aber auch hier fehlt, nach Bohrers Einschätzung, jedes historische Langzeitgedächtnis. Es handele sich vielmehr nur um scheinbar Kontinuität behauptende Events und Happenings des Erinnerns: "Das seit den 80er Jahren aufgetauchte Interesse breiter Bevölkerungsschichten an früheren Kulturen (...) kann nicht für die hier veranschlagte Fernerinnerung in Anspruch genommen werden. Bei solchen Geschichtsinszenierungen, die heute einer generellen Ausstellungspraxis der großen Museen entsprechen, wird eine neue Art des durchaus legitimen Voyeurismus angesprochen, in dem sich eine von Abstraktionen übermüdete Gesellschaft ausruht: Bilder statt Buchstaben, beziehungsweise Argumenten. Mit historischer Fernerinnerung (...) hat das wenig zu tun. Eher zeigt sich hier das eigentümliche Phänomen einer unendlichen Gegenwart, die sowohl Vergangenheit als auch Zukunft auf das ewige Jetzt kulturellen Konsums schrumpfen lässt."[4] In der fehlenden Fernerinnerung sieht Bohrer den wesentlichen Grund für die Unfähigkeit der Nachkriegsdeutschen zu trauern und für die Schwierigkeiten, das Holocaust-Mahnmal in Berlin zu akzeptieren: "Denn selbst ein Gedächtnis, das sich des Holocaust bewusst ist, (...) verdient nur dann diesen Namen, wenn es sich nicht nur der Holocaust-Zeit, sondern der Zeit und der Zeiten bewusst ist, die vor dieser Zeit liegen."[5]

Wie aber müsste sich ein solches Bewusstsein konstituieren? Es müsste vor allem der Einsicht Kierkegaards in den grundsätzlichen Ambivalenz-Charakter des Gedächtnisses geschuldet sein: Dass nämlich das Leben zwar vorwärts gelebt, aber nur rückwärts verstanden wird. Beide Richtungen der Zeitachse, die Zukunft wie die Herkunft, müssten im Interesse einer erfolgreichen Bewältigung der Gegenwart im Blick behalten werden. Das heißt einerseits, Nietzsches Gedanken beherzigen: "Wer handeln will, muss vergessen können." Aber es heißt auch andererseits, zu beherzigen, dass, wer die Vergangenheit vergisst, dazu verdammt ist, sie zu wiederholen. Hinzu kommt, dass ein Minimum an Gedächtniskultur konstitutiv ist für die Entwicklung von Urteilskraft, Qualitätsbewusstsein und Humanität - mit der Konsequenz, dass das Ziel jeder Erziehung die Entwicklung gedächtnisgestützter Urteilskraft sein müsste. Bildung mit dem Ziel bloßer Vermittlung von Zukunftskompetenz ohne Herkunftsgedächtnis erscheint demnach als problematische Zukunftsvorsorge. Denn eine Ausbildung, die vorrangig auf die Vorbereitung für einen zur Zeit marktgängigen Beruf ausgerichtet ist, läuft Gefahr, auf künftige neue Berufsfelder nicht ausreichend reagieren zu können. Nur eine gedächtnisgestützte Urteilskraft wird über jenen Bildungsmehrwert verfügen, der sich nicht allein an einer zur Ideologie geronnenen Betriebswirtschaftslehre mit rein monetärer Kosten-Nutzen-Rechnung orientiert.

Die volkswirtschaftlichen Folgen des grassierenden Mangels einer gedächtnisgestützten Kultur zeigen sich beispielsweise im zuletzt (August 2005) veröffentlichten Arbeitsmarkthandbuch des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Von rund 2,8 Millionen Arbeitslosen, die seit mehr als einem Jahr ohne Beschäftigung sind, besitzt ein wesentlicher Teil keine Berufsausbildung oder verfügt nur über veraltete Fachkenntnisse. Zurzeit werden rund 400 000 Jugendliche durch berufsvorbereitende Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit (BA) "nachqualifiziert" - in einem Bildungs-Reparaturbereich, für den jährlich 1,2 Milliarden Euro aufgewendet werden müssen und der bereits ein Fünftel jedes Jahrganges betrifft. Die IAB-Chefin Jutta Allmendinger kommentiert: Diese Jugendlichen seien "nicht dumm geboren", sondern würden durch das deutsche Bildungssystem "dumm gemacht (...). Wir vergeuden die wichtigste Zukunftsressource in erheblichem Umfang."[6]

Gedächtnisgestützte Herkunftskompetenz muss indes in die Irre führen, wenn sie sich als Selbstzweck einer bloßen Restauration desVergangenen versteht. Erinnert sei an dasAmnesiegebot im antiken Griechenland. Amnesie, das Nicht-Erinnern, hatte sich schon früh als probates Mittel einer Friedensstrategie erwiesen. Um Bürgerkriege und endlose Revanchekriege zu vermeiden, wurde daher das kollektive Vergessen vergangener Fehler und Gräueltaten verordnet, eine Art "Flurbereinigung des Gedächtnisses" zur Sicherung von Gegenwart und Zukunft. In diesem Sinne hat Cicero drei Tage nach Cäsars Ermordung ein Amnesiegebot verkündet. Sogar die Schlussakte des Friedensschlusses von Osnabrück und Münster zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges enthält eine Amnesie. Und noch Ludwig XVIII. hat Amnesie verkündet im Hinblick auf die Schandtaten der französischen Revolutionäre gegenüber seinen Vorfahren.

Das Erodieren des kulturellen Gedächtnisses

Andererseits ist mit der Französischen Revolution auch jenes Phänomen verschwistert, das eingangs angedeutet wurde: jene Geschichte eines raschen Erodierens des kulturellen Gedächtnisses, dessen Spätfolgen sich bis in die Gegenwart verfolgen lassen. Die Französische Revolution hatte 1792 radikal mit dem alten Gedächtnis, mit 1800 Jahren christlicher Tradition Europas, gebrochen. Denn 1792 endete (mit der Ausrufung des Jahres 1 des Revolutionskalenders) die bisherige christliche Zeitrechnung nach dem Gregorianischen Kalender. Und es blieb Napoleon 1803 vorbehalten, im Wege des Reichsdeputationshauptschlusses in Regensburg den Traditionsbruch, das Zerreißen der Ankerketten der alten Zeit, zu vollenden durch die Auslöschung des Gedächtnisses der Kirchen, Klöster, Archive und Bibliotheken.

Goethe hat früh am Beispiel dieses Vergangenheitshasses der Französischen Revolution und der nachfolgenden Säkularisation bemerkt, dass sich das kulturelle Gedächtnis im Umbau befindet und wir nur deshalb keine Barbaren sind, weil "noch Reste des Altertums" um uns sind. Er versuchte im "West-Östlichen Divan", dem rapiden Erodieren des kulturellen Gedächtnisses zu begegnen: "Wer nicht von dreitausend Jahren / sich weiß Rechenschaft zu geben, / mag im Dunkeln unerfahren / von Tag zu Tage leben." Die Folgen dieses sich rasch verkürzenden Gedächtnisses brachte er lakonisch auf die Formel: "Nichts Entsetzlicheres als tätige Unwissenheit". Und es war Franz Grillparzer, der schon 1848 das "Entsetzliche" dieser "tätigen Unwissenheit" mit einer Formulierung über den Gang der "neueren Bildung" zugespitzt hat: "Von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität".

Goethe hatte die Folgen einer gedächtnislosen Fortschritts-Idolatrie im II. Teil der "Faust"-Tragödie vorweggenommen: Faust, der bereits im Hinblick auf die Schleifspur seiner Untaten im Tau von Lethes Fluten Orgien des Vergessens feiert, agiert im 5. Akt als Protagonist eines modernen Vergangenheitshasses. Er lässt die "Überreste des Altertums" beseitigen, die Goethe als letztes Bollwerk gegen eine gedächtnislose Barbarei verstanden hatte. Er lässt Philemon und Baucis auslöschen mit der Konsequenz, dass damit auch die mit der alten Gedächtniskultur verschwisterte Metaphysik eliminiert wird: Der unerkannt unter den Menschen wandelnde Göttervater Zeus, der bei Philemon und Baucis Gastrecht genießt, wird ebenfalls ermordet.

Den II. Teil seines "Faust" hat Goethe vorsorglich versiegelt. Hierdurch wollte er möglicherweise seinen Zeitgenossen die Einsicht in diese schwarze Büchse der Pandora ersparen. Erst Nietzsche hat Ende des 19. Jahrhunderts diese Büchse wieder geöffnet - mit dem Hinweis, dass der inzwischen erreichte Verlust des kulturellen Gedächtnisses bereits den neuen Menschentyp der "Legionäre des Augenblicks" hervorgebracht habe. Die barbarischen Traditions- und Gedächtnisbrüche der beiden Weltkriege, die metaphorische Gedächtnisauslöschung der Bücherverbrennung von 1933 und die Liquidation der bürgerlichen Gedächtniskultur in der Folge der 68er Revolte haben die weitere Entwicklung dieses Typs begünstigt. Hinzu kommt das historische Kurzzeitgedächtnis mit dem Jahr 1945 als "Stunde Null" und der inzwischen zunehmende monetäre Rechtfertigungsdruck für alle gedächtnisgestützten Phänomene und Institutionen vor allem in den Bereichen der Kultur und der Geisteswissenschaften.

Digitale Gedächtnisspeicher

Die damit verbundenen Erosionen des kulturellen, nationalen und individuellen Gedächtnisses werden durch eine Transformation der Speicher des Gedächtnisses begleitet. Die Rede ist von der Verkürzung der Halbwertszeit der digital gespeicherten Memorabilien. Welche Halbwertszeit haben diese Speicher? Wer sind die Archivare? Wie bestimmen die digitalen Betriebssysteme die Art des Erinnerns? In seiner Analyse der "Gegenwartsvergessenheit" hat Wolfgang Hagen betont, dass Presse, Radio und Fernsehen keine Rücksicht auf die Dauerhaftigkeit einer Speicherung nehmen: "Die Gegenwartsfixierung einer pressemaschinellen und elektronischen Kommunikationstechnologie, die auf der Stipulierung von Individualkonsum gründet, ist gegenüber Vergangenheit indifferent und macht in Bezug auf die Zukunft blind."[7]

Womit sich die Frage stellt, ob Ähnliches auch für das digital gespeicherte Gedächtnis gilt. Das Verhältnis von vergänglicher und dauerhafter Erinnerungsspur ist inzwischen zu einem globalen Thema avanciert. In das Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ins Leben gerufene UNESCO-Programm "Memory of the World", ein Register für das kollektive Weltgedächtnis, sollen bedeutende Schrift-, Ton-, Bild- und Filmdokumente aufgenommen werden mit dem Ziel, sie digital im Internet zu präsentieren. Das Programm stellt erstmalig eine digitale Langzeitspeicherung des kulturellen Erbes zur Diskussion, und zwar im Hinblick auf Dokumente, die auf der Weltskala als erinnerungswürdig deklariert werden können.

Daraus ergibt sich das Paradoxon, dass ausgerechnet die Memorabilien des kollektiven Langzeitgedächtnisses einem global verfügbaren Speichermedium mit technisch bedingtem Kurzzeitgedächtnis anvertraut werden sollen. Joachim-Felix Leonhard hat diesen Sachverhalt so beschrieben: "Bei kaum einem Bereich, der sich mit Kulturerbe und Bewertungen befasst, ist deshalb die Frage so virulent, wer denn heute - im Zeitalter digitaler Kommunikation und nicht geklärter Langzeitarchivierung zwecks künftiger Verfügbarkeit - entscheidet, an was wir uns morgen erinnern werden. (...) Es ist, als ob eine imaginäre Invasion aus der Galaxis stattfände und uns vor die Robinsonfrage stellte. So wie einst Noah befragt wurde, welche Werte und Gegenstände wichtig erscheinen und - in notwendiger Beschränkung bzw. Selektion - in ein kleines Boot, eine Art virtuelle Arche, zu legen seien."[8] Hans Magnus Enzensberger hat dieses Gespenst so skizziert: "Das rasante Innovationstempo hat nämlich zur Folge, dass die Halbwertszeit der Speichermedien sinkt. Die National Archives in Washington sind nicht mehr in der Lage, elektronische Aufzeichnungen aus den sechziger und siebziger Jahren zu lesen. Die Geräte, die dazu nötig wären, sind längst ausgestorben. Spezialisten, die die Daten auf aktuelle Formate konvertieren könnten, sind rar und teuer, sodass der größte Teil des Materials als verloren gelten muss. Offenbar verfügen die neuen Medien nur über ein technisch begrenztes Kurzzeitgedächtnis. Die kulturellen Implikationen dieser Tatsache sind bisher noch gar nicht erkannt worden."[9]

Über diese Implikationen streiten sich inzwischen die beiden Fraktionen des digitalen Zeitalters: die Apokalyptiker auf der einen und die Evangelisten auf der anderen Seite. Die digitalen Evangelisten als Anhänger froher Botschaften globaler Natur prophezeien unter anderem das Heraufziehen einer direkten elektronischen Demokratie, den Abbau von Hierarchien und die nachhaltige Nutzung von Ressourcen. Die digitalen Apokalyptiker verkünden demgegenüber die Schrecken einer Zukunft des "rasenden Stillstands" im Sinne des Medienphilosophen Paul Virilio und die Gespensterwelt medialer Simulation und Virtualität im Sinne Jean Baudrillards.

Unbestritten ist, dass die digitalen Speichermedien inzwischen eine zentrale Rolle spielen; ihre rasche Entwicklung führt zu Veränderungen, die niemand wirklich abschätzen kann. Sicher ist auch, dass diese Entwicklung das relativ dauerhafte Buchgedächtnis langfristig in einen völlig neuen Aggregatzustand überführen wird. Der Benutzer digitaler Speichermedien, bislang geübt im Umgang mit selbstgenerierten Assoziationen und Einsichten in Verbindungen, findet sich jedenfalls plötzlich wieder als habitualisierter Nutzer von Speicherkapazitäten mit technisch bestimmten formalen Verknüpfungen und der Abhängigkeit von digitalen "Suchmaschinen". In dem Maße, in welchem sich die Festplatten und Server mit diesen "Digilisaten" füllen, entleeren sich die Bücherregale der alten Bibliotheken: "Es ist ein verlockendes futuristisches Gedankenspiel: Die Buchbestände der Bibliotheken der Welt, von der nichtigsten Broschüre bis hin zur massiven Enzyklopädie, werden vollautomatisch gescannt. Hochleistungsscanner legen Buch für Buch auf seinen Rücken, scannen Seite für Seite den Buchtext, indem sie das Papier der nachfolgenden Seiten ansaugen und selbstständig umlegen. (...) Ein faszinierendes Szenario ist dies, derzeit zwar noch ein wenig utopisch, aber angesichts der rasanten Entwicklungen der IT-Technologie vermutlich in absehbarer Zeit schon als realistisch anzusehen."[10]

Aber auch diese Hoffnung trügt, zumindest für den Einzelkunden. Denn bereits einfache Rechenexempel zeigen, dass kaum ein künftiger Benutzer über die Finanzkraft verfügen wird, um sämtliche für ihn relevanten Volltexte auf eigene Kosten abzurufen: "Vor allem geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Forschungsarbeiten verlangen mitunter nach Dutzenden, ja Hunderten von zu konsultierenden Schriften. Nicht allein Literaturwissenschaftler aber wollen stöbern, sich im Geschriebenen verlieren, zielgerichtet oder ziellos suchen, Anregungen finden, Abseitiges ebenso wie Grundsätzliches entdecken - und zwar in den Bücherregalen des Lesesaales ebenso wie im Kosmos der Netzquellen. Die Chance, Datenmengen zukünftig komfortabel am privaten PC laden zu können, lässt hoffen: Die Notwendigkeit als Einzelkunde, als enduser, horrende Kosten tragen zu müssen, schreckt hingegen ab."[11]

Kollektiver Wissensschwund?

Die zentrale Frage lautet: Muss mit einem kollektiven Wissensschwund auf Grund der raschen Alterungsprozesse der digitalen Systeme gerechnet werden? Nachdem auch das in den letzten 150 Jahren in Büchern mit säurehaltigem Papier materialisierte Gedächtnis Auflösungserscheinungen zeigt, droht den digitalen Gedächtnisträgern eine noch wesentlich kürzere Halbwertszeit des Verfalls. Die Produzenten optischer Gedächtnisspeicher versprechen zwar eine Haltbarkeit von hundert Jahren etwa für CD-ROMs. Aber das Versprechen eines hundertjährigen Langzeitgedächtnisses der optischen Speicherproduzenten ist nicht verifizierbar. Ein Beweis der produktbegleitenden Behauptungen wird nicht angetreten. Und bevor die digitalen Gedächtnisdaten Opfer von Materialermüdung werden, verschwinden bereits jene Geräte, mit denen diese Daten ursprünglich bearbeitet wurden. Hinzu kommt, dass auch die Programme, welche die binären Reihen von Nullen und Einsen in lesbare Information umwandeln können, spätestens auf den Rechnern der übernächsten Generation nicht mehr präsent sind. Inzwischen verlangt die schwindende Dauerhaftigkeit von Hardware zusätzlich neue Strategien des Personalmanagements zur Sicherung digitaler Gedächtnisinhalte. Das bedeutet vor allem die Entwicklung und Aufrechterhaltung spezieller Mitarbeiterfähigkeiten für das Überleben digitaler Informationen angesichts technischer Geräte verschiedener Generationen, Hersteller und Verfahrensweisen.

Die höchste Dringlichkeit dürfte aber angesichts der Unmöglichkeit eines digitalen Langzeitgedächtnisses jene Schlüsseltechnologie beanspruchen, mit der zurzeit die digitalen Evangelisten einen Ausweg aus dem Dilemma ihrer vergänglichen Memorabilien prophezeien: das Storage Area Network (SAN). Das von einer Gruppe ("Internet Engineering Task-Force") von Komponenten- und Computerherstellern geplante SAN-System nutzt eine signifikante Eigenschaft digitaler Information: die Unmöglichkeit, Kopien vom Original zu unterscheiden. Eine Langzeit-Überlebensfähigkeit von Memorabilien könnte daher zumindest potenziell durch eine globale Ubiquität digitaler Informationsklone gesichert werden. Das heißt, die jeweilige Information müsste durch digitales "Spiegeln" (mirroring) weltweit geografisch verteilt werden - Sicherung also durch wiederholte automatische Spiegelung, eine bereits von der Open-Software-Bewegung implementierte Strategie, die jetzt Teil der SAN-Standards wurde.

Und dies mit doppelter Zielsetzung: Einerseits ermöglicht SAN, dass Datenspeichergeräte mit sehr hoher Speicherkapazität, die an einem bestimmten Ort installiert werden, über private oder auch öffentliche Netzwerke als Komponenten des Computers oder eines lokalen Netzwerks genutzt werden können. Andererseits führt es zur Langzeitsicherung der Informationen regelmäßig Updates durch und überprüft automatisch die Konsistenz aller "gespiegelten", das heißt "verteilten" Kopien. SAN erlaubt die kostengünstige und langfristige Speicherung von Informationen durch die Nutzung von Speichergeräten aller möglichen Hersteller; allerdings unter der Voraussetzung, dass die Produkte dieser Hersteller dem SAN-Standard entsprechen müssen. Das Fazit lautet: "SAN-Spiegelungsstrategien ermöglichen das periodische, vollkommen automatisierte Übertragen von Information von einer Speicherungshardware, die am Ende ihrer Haltbarkeit steht, auf eine neue, die mit dem SAN verbunden ist."[12]

Immerhin wären auch bei SAN die Fundamente zunächst weiterhin nicht nur von der Gedächtnisfragilität der Trägermedien geprägt, sondern auch von der Abhängigkeit von Energie und der ständig notwendigen Adaption an aktuelle technische Standards, ganz abgesehen davon, dass auch SAN-Langzeitdaten nicht geschützt sind gegen Naturgewalten. Sicher ist, dass die digitalen Systeme vorteilhaft bleiben werden für diejenigen, die sie mit eigener gedächtnisgestützter Urteilskraft zu nutzen verstehen. Zu den großen Verdiensten der Digitalisierung zählt die damit verbundene Demokratisierung des Wissens im Sinne einer globalen Verfügbarkeit des in Archiven, Bibliotheken und Museen gesammelten kulturellen Erbes.

Die Zukunft des Gedächtnisses

Ein letzter Blick soll der Zukunft der Memorabilien des individuellen und kollektiven Gedächtnisses gelten. Die Rede ist vom CREB (camp - responsive - element - binding)- Protein, einer Entdeckung des Neurobiologen Eric R. Kandel, der dafür im Jahr 2000 den Medizin-Nobelpreis erhielt. Das CREB-Protein spielt eine biochemische Schlüsselrolle in jenen neuronalen Aktivitäten des Gehirns, die für die Erinnerung zuständig sind: Es schaltet Gene ein, die für eine stärkere Signalübertragung zwischen zwei Neuronen sorgen, mit dem Ergebnis, dass ein flüchtiger Eindruck dauerhaft im Gedächtnis verankert wird. Sollte es gelingen, dieses Protein künstlich zu produzieren, wären Science-Fiction-Vorstellungen aller Art Tor und Tür geöffnet für die Erinnerungs- und Vergessensgesellschaft der Zukunft.

Inzwischen hat die Neurowissenschaft auch Goethes Erkenntnis bestätigt, dass das Gedächtnis mit dem Interesse wächst. Das heißt, Memorabilien, die emotional positiv begleitet werden, haften offenbar besonders lange im Gedächtnis. Und neurobiologische Forschungsergebnisse der Stanford University haben gezeigt, wie dem Menschen selektives Vergessen gelingt, indem er die Aktivität jener Instanz dämpft, die im Gehirn für den Prozess der Bewusstwerdung und Langzeitspeicherung verantwortlich ist: der Hippocampus. Die gewünschte Verdrängung von Erinnerungen gelingt durch einen gesteigerten Erregungszustand der beiden Seiten des Vorderhirns, des präfrontalen Kortex.

Auch die Geschichtswissenschaft ist inzwischen ins Visier der Hirnforschung geraten: als Epiphänomen neuronaler Vorgänge, die die Vergangenheit immer wieder neu interpretieren und konstituieren, je nachdem, wofür wir im kollektiven Gedächtnis jeweiliger Erinnerungsgemeinschaften sozialen Rückhalt finden. Diese Einsicht hat bereits Walter Benjamin mit seinem Hinweis bestätigt, dass das Gedächtnis nicht etwa ein Instrument zur Erkundung der Vergangenheit sei, sondern vielmehr ihr Schauplatz. Diesem könnten mit Hilfe des CREB-Proteins künftig erhebliche künstliche Eingriffe und Veränderungen drohen in Gestalt von Gedächtnismedikamenten, die bereits in wenigen Jahren zur Auswahl als memory blocker oder memory enhancer zur Verfügung stehen dürften, mit zurzeit noch unabsehbaren Folgen des Ge- und Missbrauchs.

Das Gedächtnis ist seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf dem Wege, sich auch zum Leitbegriff einer kulturwissenschaftlichen Neuorientierung zu entwickeln. Und dies als ein transdisziplinärer Forschungsgegenstand, der sich immer mehr gegenüber ganz unterschiedlichen Disziplinen öffnet und seit den neunziger Jahren sogar neue Formen der Vergangenheitspolitik initiiert hat. Verschiedene Staaten haben damit begonnen, sich verstärkt zu einem "negativen Gedächtnis" zu bekennen, um damit von jenem fragwürdigen heroischen Positiv-Gedächtnis, das bereits Nietzsche als "monumentalische Geschichtsschreibung" gerügt hat, abzurücken. Für jede Erinnerungsgemeinschaft aber wird weiterhin die unaufhebbare Ambivalenz des Goethe'schen Verdikts gelten: "Wir alle leben vom Vergangenen und gehen am Vergangenen zugrunde." Dies könnte auch als Einladung verstanden werden, im Akt des Erinnerns das Heute, die Zukunft und das Vergangene zu umfassen - jenes janusköpfige Bewusstsein also, das zurück und voraus blickt und sich als Aufhebung der Zeit durch Vergessen versteht, und zugleich als Hingabe an die Zeit, der das Gedächtnis Dauer verleiht. Der jüdische Lyriker Paul Celan hat 1952 dieses schwierige Kunststück in ein Gedicht gefasst: "Wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis."

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Fußnoten

1.
Vgl. allgemein zum Thema dieses Essays: Symposium "Das kulturelle Gedächtnis im 21. Jahrhundert" am 23.4. 2005 in Karlsruhe, dort der Vortrag von Manfred Osten, Gespeichert, das heißt vergessen - moderne Speichertechnologien, Aufbewahrungspraktiken und gesellschaftliche Implikationen, http://digbib.ubka.uni-karlsruhe.de/diva/2005 - 314; ferner Manfred Osten, Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur, Frankfurt/M. 2004.
2.
Karl Heinz Bohrer, Ekstasen der Zeit, München 2003, S. 20f.; dort auch die folgenden Zitate.
3.
Peter Kümmel, Ein Volk in der Zeitmaschine, in: Die Zeit, Nr. 10 vom 26.2. 2004, S. 41.
4.
K. H. Bohrer (Anm. 2), S. 14.
5.
Ebd., S. 51.
6.
Zit. in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.8. 2005, S. 11.
7.
Wolfgang Hagen, Gegenwartsvergessenheit, Berlin 2003, S. 119.
8.
Joachim-Felix Leonhard, Kulturelles Erbe und Gedächtnisbildung, in: Deutsche UNESCO-Kommission (Hrsg.), Lernziel Weltoffenheit. Fünfzig Jahre deutsche Mitarbeit in der UNESCO, Bonn 2001, S. 131.
9.
Hans Magnus Enzensberger, Nomaden im Regal, Frankfurt/M. 2003, S. 122.
10.
Barbara Schneider-Kempf/Martin Hollender, Brauchen wir im digitalen Zeitalter noch Lesesäle? Eine Berliner Antwort, in: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz, 39 (2002), S. 101 - 114.
11.
Ebd., S. 106.
12.
Peter Cromwell, Digitale Systeme und Nachhaltigkeit, München 2003, S. 20f.