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25.1.2006 | Von:
Patrick Radden Keefe

Der globale Lauschangriff

Das Echelon-Netzwerk

Eine verbreitete Verschwörungstheorie besagt Folgendes: Die USA sind das beherrschende Mitglied eines geheimen Netzwerks, das gemeinsam mit vier anderen anglophonen Mächten - Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland - die Gespräche von Menschen, den chatter, rund um den Globus belauscht. Der Pakt zwischen diesen Ländern wurde vor einem halben Jahrhundert geschlossen, in einem Dokument, das so geheim ist, dass seine Existenz von keiner der beteiligten Regierungen zugegeben worden ist: UKUSA. Das von den genannten Staaten geknüpfte Netzwerk zeichnet täglich Milliarden von Telefonaten, E-Mails, Faxen und Telexen auf und verbreitet sie über eine Reihe automatischer Kanäle an interessierte Gruppen in den fünf Ländern. Auf diese Art bespitzeln die USA ihre NATO-Verbündeten und Großbritannien seine Verbündeten in der EU: Das Netzwerk hat jede andere Bindung, etwa Loyalität und Zugehörigkeit, ersetzt. Jedes Land hat Gesetze gegen die Bespitzelung seiner eigenen Bürger erlassen, nicht aber dagegen, dass seine Verbündeten diese Bürger ausspionieren - und so wirft Großbritannien auf Betreiben der USA gelegentlich ein Auge auf Einzelpersonen in den Vereinigten Staaten, im stillschweigenden Einvernehmen darüber, dass die Briten jeden auftauchenden Leckerbissen auch über den Tisch reichen.

Die Technologie, die diese fünf Länder zum Abhören der Kommunikation nutzen, ist höchst ausgeklügelt. Unser kleiner Wortschatz zur Beschreibung von "lauschen" strotzt vor Anachronismen. In seinen " Commentaries on the Laws of England" (1765/69) definierte Sir William Blackstone einen Lauscher (eavesdropper) als jemanden, der "hinter Mauern, unter Fenstern oder unter den Dachgesimsen eines Hauses Gespräche mithört und daraus verleumderische und boshafte Geschichten strickt". Der Begriff Lauscher lässt noch immer an Subjekte denken, die sich wie in den Theaterstücken Shakespeares und Molières hinter Wandschirmen verstecken. Selbst wiretap, das Anzapfen eines Kabels, hat etwas Kurioses: Viele Abhörmaßnahmen im vergangenen Jahrhundert hatten nichts damit zu tun, ein Kabel anzuzapfen, sondern damit, Signale ganz einfach aus der Luft zu "pflücken".

Signals intelligence, im Polit- und Agentenjargon auch Sigint genannt, ist die wenig bekannte Bezeichnung, die von den modernen Lauschern für das Abhören und Auswerten elektronischer Signale verwendet wird. Lauschen ist zu einem besonders innovativen Spiel geworden, seit es Abhörstationen gibt, die Gespräche aufzeichnen, die über Satelliten- und Mikrowellenantennen verbreitet werden, seit es Spionagesatelliten gibt, diemeilenweit über uns im Weltraum schweben und sich in Radiofrequenzen auf demBoden einklinken, seit es unhörbare undunsichtbare Internetwanzen gibt, die sichparasitengleich an den Knotenpunkten undKreuzungen der Datenautobahn festsetzen.

Obwohl viele Amerikaner gar nicht wissen, dass sie existiert, ist die National Security Agency (NSA) - jene Behörde, die für elektronische Lauschaktionen zuständig ist - größer als CIA und FBI zusammen. Diese beiden besser bekannten Geheimdienste sind im Vergleich zur NSA belanglos. Während die CIA ungefähr 20 000 Beschäftigte und ein Budget von annähernd drei Milliarden US-Dollar aufweist, verfügt die NSA über mehr als 60 000 Beschäftigte, die über den gesamten Globus verstreut sind, und ihr Budget wird auf jährlich sechs Milliarden US-Dollar geschätzt. Bei der amerikanisch-britischen Zusammenarbeit bei Sigint verfügt die NSA über sehr viel engere Beziehungen zum britischen Abhördienst (Government Communications Headquarters, GCHQ) als zur amerikanischen CIA. Das anglophone Netzwerk, so heißt es, hört absolut alles, und doch ist seine Existenz ein nahezu perfekt gehütetes Geheimnis - manchmal selbst für die gesetzgebenden Körperschaften jener Länder, die es betreiben. Der Codename dieses Netzwerks lautet Echelon.

Wie jede gute Verschwörungstheorie lässt sich auch die eben aufgezeigte nicht falsifizieren. Es lässt sich weder beweisen, dass sie der Realität entspricht, noch lässt sie sich widerlegen. Genährt wird die Theorie durch offizielle Dementis und Weigerungen, sie zu kommentieren. Sie ist das paranoide Märchen des Internetzeitalters. Ihre Verbreitung verlief so epidemisch, wie Geschichten dies online zu tun pflegen; die Verschwörungstheorie spielt mit den Ängsten, die jene Menschen hegen, die große Mengen an persönlichen Informationen in ein Netzwerk einspeisen,ohne zu wissen, wie sicher der Transfer dieser Informationen ist. Gleichzeitig aber scheint die Theorie - trotz der angeblich grenzenlosen Natur des Internets - in Europaeine größere Anhängerschaft gefunden zuhaben als in den USA. Wenn Meldungen über Echelon überhaupt ins BewusstseinderAmerikaner vorgedrungen sind, dannnicht etwa über Tageszeitungen oderdieAbendnachrichten, sondern eher über eine alarmistische Fernseh- und Romanfolklore.

Eigentümlich an dieser besonderen Verschwörungstheorie ist: Zumindest in groben Zügen scheint sie zuzutreffen. Vor einigen Jahren hat das Europäische Parlament einen Untersuchungsausschuss eingesetzt, um die Wahrheit über Echelon herauszufinden. Wird es dazu benutzt, die Europäer auszuspionieren? Der Ausschuss hat ein ganzes Jahr damit verbracht, Nachforschungen zu betreiben und Interviews durchzuführen und stand am Ende doch mit leeren Händen da; seine Mitglieder konnten keinen Beweis erbringen, und die Geheimdienste waren zu keiner Zusammenarbeit bereit. Zumindest eine Zeit lang gelang es der NSA, jenen Nimbus der Unscheinbarkeit bewahren, der in den USA den Witz aufkommen ließ, das Kürzel stehe für "Never Say Anything", oder einfacher noch: "No Such Agency".

Eine kleine Gruppe von Journalisten und Forschern in Großbritannien, Dänemark, Neuseeland und den USA begann, um die Welt zu reisen und "Horchposten" zu identifizieren, jene Einrichtungen des Weltraumzeitalters, die zum Abhören von über Mikrowellen und Satelliten übermittelten Gesprächen genutzt werden und mit denen der Planet seit dem Kalten Krieg regelrecht übersät ist. Sie führten Interviews mit ehemaligen "Lauschern" und durchforsteten öffentliche, nicht länger als geheim eingestufte Dokumente, Unternehmensbeschreibungen, Tagesordnungen von Konferenzen, Patente - alles, was einen Hinweis auf die Existenz und die Konturen des Echelon-Netzwerks geben könnte.

Eine interessante Wende ergab sich, als vor ungefähr einem Jahr ein amerikanischer Journalist des Internet-Magazins "Slate.com" ein Routineinterview mit Admiral Bobby Ray Inman führte, dem ehemaligen Direktor der NSA. Der Fragesteller, A. L. Bardach, hatte den Admiral zum Irak und zum Anti-Terror-Krieg befragt, als er abrupt das Thema wechselte und auf Echelon zu sprechen kam. Inman wurde vielleicht überrumpelt, doch er bestätigte bereitwillig dessen Existenz. Er sprach von dem Programm in der Vergangenheitsform, ganz so, als ob es mit den Jahren von neueren Technologien und Codenamen abgelöst worden sei, nicht zuletzt, nachdem die Medien über das System berichtet hatten, und nach der eingehenden Untersuchung in Brüssel. Er bestätigte, dass Echelon entwickelt worden sei, um die in Europa und anderswo geführte Kommunikation abzuhören. "Tatsächlich beschränkte es sich nicht nur auf Europa", so Inman, "es hatte weltweite Ausmaße." Eine der umstrittensten Behauptungen des Untersuchungsausschusses im EU-Parlament lag darin, dass Echelon zur Wirtschafts- und Industriespionage genutzt worden sei - was US-Offizielle vehement verneinten. Inman hingegen beeilte sich, klarzustellen, dass Echelons "tatsächliche Bedeutung wirtschaftlicher Natur war".