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25.1.2006 | Von:
Patrick Radden Keefe

Der globale Lauschangriff

Das Ende der Geheimagenten

Ungeachtet der Andeutungen Inmans, Echelon werde nicht mehr eingesetzt, sind die amerikanischen Geheimdienste derzeit in einer neuen technologischen Seifenblase gefangen. Während in den späten neunziger Jahren jeder College-Schüler mit einem eilig zusammengeschusterten Geschäftsplan für ein "dot-com"-Unternehmen große Mengen an Risikokapital anlocken konnte, sind es heute die neuen Technologien zur nationalen Sicherheit, die - egal wie teuer sie sind oder wie unklug - lukrative Verträge ermöglichen. Der teuerste Einzelposten im amerikanischen Geheimdienstetat des Jahres 2005 ist die jüngste Generation eines "Stealth"-Spionagesatelliten, der die Erde unentdeckt im Weltraum umkreisen und Ziele auf dem Boden fotografieren soll. Die "Tarnkappen"-Qualitäten dieses Satelliten mit dem Codenamen "Misty" sind jedoch zweifelhaft - als die erste Generation 1990 in den Orbit geschickt wurde, wurde sie fast sofort entdeckt, und das nicht etwa vom sowjetischen Geheimdienst, sondern von Hobbyastronomen in Schottland und Frankreich. Der Preis für dieses von Lockheed-Martin entwickelte "Superding", bei dem mehrere amerikanische Senatoren Vorbehalte angemeldet haben, liegt bei 9,5 Milliarden US-Dollar. Mit diesem Geld, so ein Offizieller aus dem Pentagon, könne man eine zweite CIA aufbauen.

Dies sieht nach einer verfehlten Prioritätensetzung aus, es stimmt aber mit den jüngsten Vorlieben der amerikanischen Geheimdienste überein. Die USA verfügen derzeit über weniger als 2 000 weltweit operierende Geheimagenten, jedoch über mehr als 30 000 Lauscher. Alle drei Stunden sammeln die Satelliten der NSA Informationen vom Umfang der Library of Congress in Washington. Doch Amerika leidet unter einem derart dramatischen Mangel an Sprachwissenschaftlern, welche die Milliarden abgehörten Kommunikationsschnipsel auswerten könnten, dass Ende 2005 ein gewaltiger Rückstau von aufgefangenen Gesprächen zwischen Terrorverdächtigen aufgelaufen war, die noch übersetzt werden mussten - ein Rückstand von rund 8 000 Stunden.

So sieht das undurchschaubare Gesicht der amerikanischen Geheimdienste im 21. Jahrhundert aus. Das Ende des Kalten Krieges veränderte grundlegend die Art der geheimdienstlichen Tätigkeit. Die Dezentralisierung der Bedrohung, die von der Sowjetunion ausgegangen war, führte zusammen mit einem geschrumpften Verteidigungshaushalt, neuem Optimismus und einer niedrigeren Toleranzschwelle der USA für Opfer und Verluste zu einer erheblichen Reduzierung der Spione vor Ort. Verschwunden sind die in einen Trenchcoat gekleideten Kalten Krieger der Romane von John le Carré, die CIA-Spione, die als Vorhut der Geheimdienste ausgesandt wurden, um aus den Botschaften heraus die Opposition zu infiltrieren oder um Maulwürfe und Doppelagenten zu rekrutieren und bei all dem ihr Leben riskierten. Gegen Ende des Kalten Krieges war die operative Aufklärungsarbeit (Human intelligence bzw. Humint im Geheimdienstjargon) bereits im Niedergang begriffen; sie verlor in den neunziger Jahren weiter an Bedeutung.

Die Amerikaner waren nicht länger gewillt, das Leben von Geheimagenten in Ländern aufs Spiel zu setzen, die angesichts des Verschwindens der Sowjetunion keine strategische Rolle mehr spielten, oder das Leben von Soldaten an Orten wie Mogadischu oder Sarajewo zu gefährden. Sie investierten stattdessen kräftig in neue Technologien der Kriegführung und der Nachrichtenbeschaffung durch eine Überwachung aus der Ferne. Die Regierungen unter George Bush sen. und Bill Clinton machten in einer Reihe von Konflikten deutlich, dass die USA von nun an, wo immer dies möglich schien, den Einsatz von Geräten dem von Menschen vorzogen.

Dieser Trend war nicht neu. Seit den siebziger Jahren hatte der Gedanke an Gewicht gewonnen, dass mit dem Fortschritt der Technik der vor Ort operierende Geheimagent überflüssig werden könnte. CIA-Direktor Stansfield Turner traf sich zweimal pro Woche mit Präsident Jimmy Carter, um ihn über die verschiedenen Formen der Nachrichtenbeschaffung durch die USA zu informieren. Beide hielten den "traditionellen Agenten" im Grunde genommen für antiquiert. Nur wenige Wochen vor den Terrorangriffen des 11. September veröffentlichte ein früherer CIA-Agent namens Reuel Marc Gerecht im "Atlantic Monthly" einen Artikel, in dem er die "risikoscheue bürokratische Natur der Behörde" beklagte und durchblicken ließ, dass diese Einstellung dazu geführt habe, dass es im Nahen Osten keine wirkungsvolle operative Aufklärung mehr gebe. Seine Schlussfolgerung lautete: "Solange die Soldaten Osama Bin Ladens nicht selbst in ein Konsulat oder eine Botschaft der USA kommen, stehen die Chancen eines Abwehroffiziers der CIA schlecht, überhaupt jemals einen solchen zu Gesicht zu bekommen."