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25.1.2006 | Von:
Patrick Radden Keefe

Der globale Lauschangriff

Die Illusion globaler Allwissenheit

Nun könnte man einwenden, den Geheimdiensten könne getrost unterstellt werden, dass sie vom Bestreben geleitet werden, ihren Job gut zu erledigen, die nationalen Interessen ihrer Länder zu fördern und künftige Terrorangriffe zu verhindern. Eine typisch amerikanische Einstellung, die in den Jahren seit dem 11. September 2001 häufig geäußert wurde, lautet: "Warum sollte ich mich um meine Privatsphäre oder um Antiabhör-Gesetze sorgen, wenn ich nichts Verbotenes tue? Schließlich dient diese Form der Abhörtechnologie unser aller Sicherheit."

In unsicheren Zeiten scheint jeder Konflikt zwischen den Bedingungen der Freiheit und der Sicherheit zugunsten letzterer entschieden zu werden. Das größte Problem der elektronischen Nachrichtenbeschaffung ist, dass sie mit so viel Geheimniskrämerei betrieben wird. Wir sind nicht in der Lage, ihre Wirksamkeit einschätzen zu können. In vielerlei Hinsicht müssen wir uns nicht mit der Frage aufhalten, wie bedrohlich diese Technologie für die Privatsphäre oder bürgerliche Freiheiten sein kann, wenn wir uns nicht zuvor einer wichtigeren, der entscheidenden Frage zuwenden: Funktionieren diese Technologien überhaupt? Wenn viel mehr Kommunikation abgehört wird, als gesichtet und übersetzt werden kann, wäre Sigint, das Abhören und Auswerten elektronischer Signale, nicht nur eine Gefährdung der bürgerlichen Freiheiten, sondern eine gigantische Verschwendung von Ressourcen und finanziellen Mitteln.

Schließlich haben sich auch die meisten Versprechungen der "dot-com-Blase" als Illusion erwiesen. Die meisten jener ehrgeizigen Geschäftspläne kurz vor der Jahrtausendwende warfen kaum greifbare Resultate ab. Ist es nicht möglich, dass die Investitionen in die Überwachungstechnologie eine ähnliche Enttäuschung garantieren? Und, wenn das zutrifft: Ist es nicht möglich, dass sich die Vorstellung von der globalen Allwissenheit durch Abhörtechnologie ebenso als Illusion erweisen wird? Könnte nicht auch diese Blase platzen?

Es ließe sich mit Recht behaupten, dass dies schon längst geschehen ist. Der Höhepunkt der amerikanischen Begeisterung über die neue Geheimdiensttechnologie traf mit der "großen" Abhöraktion zusammen, um die Frank Koza von der NSA nachgesucht hatte. Am 5. Februar 2003 trat US-Außenminister Colin Powell an das Podium des Weltsicherheitsrates und erklärte: "Vor wenigen Wochen erst haben wir ein Gespräch zwischen zwei Befehlshabern des Zweiten Korps der Republikanischen Garden im Irak abgehört, bei dem einer der beiden dem anderen eine Anweisung gibt." Begleitet von Übersetzungen ließ Powell daraufhin eine arabische Tonbandaufnahme abspielen. "Sie werden im Verlauf des Gesprächs hören, was der eine dem anderen mitteilen möchte", so Powell weiter, "er will durch Wiederholungen sichergehen, dass der andere Kerl alles auch deutlich versteht, so dass es niedergeschrieben und vollständig verstanden werden konnte. Hören Sie zu."

Der Raum war erfüllt von zwei arabischen Männerstimmen, die sich ein von Störgeräuschen verzerrtes Frage-und-Antwort-Spiel lieferten. Die Übersetzung lautete: Oberst: "Captain Ibrahim?" - Captain: "Ich höre Sie, Sir." - Oberst: "Streichen Sie das." - Captain: "Streichen Sie das [wiederholt die Anweisungen]." - Oberst: "Den Begriff." - Captain: "Den Begriff." - Oberst: "Nervengas." - Captain: "Nervengas." - Oberst: "Wo auch immer es auftaucht." - Captain: "Wo auch immer es auftaucht." - Oberst: "In den Anweisungen über Funk." - Captain: "In den Anweisungen." - Oberst: "Über Funk." - Captain: "Über Funk."

"Warum wiederholt er das auf diese Weise?", fragte Powell, nachdem das Band abgespielt worden war. "Warum drängt er so beharrlich darauf, dass dies verstanden worden ist? Und warum verweist er so eindringlich auf die Anweisungen über Funk? Weil der höhere Offizier besorgt ist, dass jemand dies abhören könnte." Powell machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen: "In der Tat", so Powell weiter, "jemand hat gelauscht." Im scharfen Tonfall des Anklägers erklärte Powell, dass die Unterhaltung die "zurückhaltende Einschätzung" der Bush-Regierung bestätige, nach der die Irakis über einen Vorrat von 100 bis 500 Tonnen chemischer Kampfstoffe verfügten.

Dies taten sie aber nicht. Acht Monate nach Powells Vorführung, am 2. Oktober 2003, teilte der Waffenexperte David Kay, der von George Tenet ernannte Chef des CIA-Überwachungsteams im Irak, den Mitgliedern des Geheimdienstausschusses des amerikanischen Kongresses mit, dass er keinen Beweis für die Existenz von chemischen Kampfstoffen vorlegen könne. Kay ging sogar so weit zu sagen, dass es nach bestem Wissen des Überwachungsteams seit 1991 kein Chemiewaffenprogramm im Irak mehr gegeben habe. Die abgehörten Telefongespräche hatten nur scheinbar einen schlüssigen Beweis für Powells Behauptungen geliefert.

Hier liegt die Achillesferse von Echelon und des monströsen weltweiten Überwachungsapparates: Gespräche sind eine derart veränderliche, mehrdeutige Angelegenheit, so beladen mit Täuschungen und Doppelzüngigkeit, Schönfärberei und Verschleierung, dass man die Welt beim Zuhören wie durch eine geschwärzte Glasscherbe sieht. Es ist eine Sache, eine Nachricht aufzufangen, hingegen eine ganz andere zu verstehen, was sie bedeutet - selbst unter der Annahme, dass alles andere nach Plan verläuft, dass ein Gespräch abgehört, pünktlich übersetzt, in seiner wörtlichen Bedeutung verstanden und an die zuständigen Stellen weitergegeben und verbreitet wird. Gespräche nach Hinweisen auf künftige Ereignisse zu durchsuchen ist so willkürlich und unsicher wie Kaffeesatzleserei.

Es war eine der merkwürdigen Ironien des Sommers 2001, dass sich nur eine Woche nach der Annahme des Echelon-Abschlussberichts im Europäischen Parlament, der die Umrisse eines angeblich allmächtigen anglo-amerikanischen Überwachungsnetzes aufzeichnete, ein massiver und verheerender Angriff ereignete, der keinerlei Eingang in die Ohren der damit befassten Geheimdienste gefunden hatte. Dem System, das nach Aussage eines ehemaligen kanadischen Horchpostens "alles erfasst, was zu jedem beliebigen Zeitpunkt weltweit ausgestrahlt wird (...). Jeden Quadratzentimeter", ist es nicht gelungen, auch nur die Vorboten einer Warnung aufzufangen. Nach diesem doppelten Versagen der Geheimdienste im Vorfeld des 11. September 2001 und im andauernden Irak-Konflikt lässt sich kaum mehr bestreiten, dass der globale Lauschangriff seine Zukunft bereits hinter sich hat. Er ist gescheitert.