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25.1.2006 | Von:
Dennis Mocigemba

Computer und Nachhaltigkeit

Hypertext und Wiki

Soziologen wie Pierre Bourdieu haben wiederholt auf den Zusammenhang zwischen Kapitalakkumulation (Anhäufung von materiellen Gütern, aber auch von Wissen und Sozialkapital) und Benennungsmacht, der Autorität, auch in anderen gesellschaftlichen Feldern Einfluss auszuüben, hingewiesen.[11] Die Auflösung der klassischen Rollenverteilung zwischen Kommunikator und Rezipient durch neue Technologien ist vor diesem Hintergrund ein besonders interessantes Phänomen.

Bereits Vannavar Bush deutete in seiner Vision vom Memory Extender, einem Gerät zur assoziativen Verknüpfung und Bewahrung von Informationen unterschiedlicher Natur, das Konzept des Hypertextes an.[12] Ted Nelson griff dieses in den siebziger Jahren auf und verband es explizit mit sozialen Forderungen nach mehr Freiheit und Gleichheit.[13] Personen, denen viele Informationen bisher nur in der passiven Position des Rezipienten verfügbar waren, sollten durch vernetzte Computersysteme in die Lage versetzt werden, auch als Kommunikatoren an Informationsaustauschprozessen teilnehmen zu können. Was ursprünglich mit individueller Website-Gestaltung von Privatleuten begann, findet mit Weblogs (Internettagebüchern), Podcasts (privaten Audio-Dateien) und Video-Podcasts einen vorläufigen Höhepunkt. Ehemals passive Rezipienten können sich zu aktiven Sendern aufschwingen und ihre eigenen Radio- oder Fernsehshows anbieten. Podcasting entwickelte sich seit August 2004 zu einem sozialen Phänomen mit vielen Millionen Zuhörern und mehreren zehntausend aktiven Podcastern.

Eine "vielseitige, aktive und gestaltende Beteiligung am politischen Geschehen und damit eine größere Einflussnahme auf die politische Willensbildung" durch die Bürgerinnen und Bürger verspricht sich auch die Enquete-Kommission des Bundestages "Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft" von den Neuen Medien.[14] Die FDP versuchte im Bundestagswahlkampf 2005 mit der Initiative www.deutschlandprogramm.de die Partizipation mit Hilfe des Internets zu erweitern: In moderierten Foren hatten Interessierte die Möglichkeit, an der Erstellung des Wahlprogramms mitzuwirken.

Der Erfolg des World Wide Web (WWW) seit Anfang der neunziger Jahre ist nicht zuletzt auf die Umsetzung des Hypertextkonzepts zurückzuführen, wie die Begriffe Hypertext Transfer Protocol (HTTP) oder Hypertext Markup Language (HTML) zeigen. Streng genommen wurde im WWW über viele Jahre hinweg nur ein Aspekt des von Nelson anvisierten Hypertext-Konzepts realisiert: die nicht-lineare Informationsdarbietung. Hypertexte in Form von Websites waren weiterhin von Kommunikatoren verfasst. Zwar erleichterte es die einfach erlernbare HTML-Sprache, sich aus der passiven Rolle des Rezipienten in die profilierte Position des Kommunikators zu versetzen. Man blieb aber weiterhin entweder Kommunikator oder Rezipient.

Das Phänomen, dass diese Rollen gezielt aufgelöst werden, findet sich erst in neueren Angeboten, etwa bei den so genannten Wikis: "Bei Wikis handelt es sich um im Internet verfügbare Seitensammlungen, die nicht nur von jedem Nutzer gelesen, sondern auch geändert und gelöscht werden können. Sie sind somit offene Content-Management-Systeme, die ohne vorherige Anmeldung und Authentifizierung auf jede Art der Kontrolle verzichten. Trotz dieses zunächst chaotisch und unkontrolliert anmutenden Konzepts verbirgt sich dahinter ein äußerst erfolgreicher Ansatz eines kollaborativen Wissensmanagements, das Schreiben wird als offener, kollektiver Prozess verstanden. Die gleichberechtigte Gestaltungsfreiheit jedes einzelnen Nutzers macht es zu einem demokratischen und partizipativen Ansatz der Wissensgenerierung."[15]

Ein besonders erfolgreiches Projekt dieser auf freies Teilen von Information ausgerichteten sozialen Bewegung ist Wikipedia, eine freie Enzyklopädie, zu der jeder sein Wissen beisteuern kann. 2001 startete die von der Non-Profit-Organisation Wikimedia betriebene Enzyklopädie in englischer Sprache. Mittlerweile enthält Wikipedia hunderttausende Artikel in über hundert Sprachen. Für die Nachhaltigkeitsdebatte sind Projekte wie Wikipedia trotz aller Negativschlagzeilen der jüngsten Vergangenheit hinsichtlich der Zuverlässigkeit "sozialer Software"[16] deshalb bedeutsam, weil sie die soziale Forderung nach mehr Gleichheit im Informationsaustausch und die Unabhängigkeit von Benennungsmacht und ökonomischem Kapital umsetzen.

Die Leichtigkeit, mit der man im WWW als Kommunikator aktiv werden kann, ist gelegentlich auch kritisiert worden. Joseph Weizenbaum etwa verglich das Internet mit einem Schrottplatz, in dem durchaus die eine oder andere Perle zu finden sei, die jedoch müsse man lange suchen.[17] Er kritisiert vor allem, dass die zentrale Stellung im Internet und somit die wahrgenommene Wichtigkeit einer Information nicht länger vom Wissen oder der Fachkompetenz ihres Verfassers, sondern vornehmlich von ihrem Google-Ranking abhängig sei. Auf diese Weise, so seine Sorge, würden sich langfristig nicht die besten Informationen, sondern die am schnellsten erreichbaren durchsetzen.


Fußnoten

11.
Vgl. Pierre Bourdieu, Sozialer Raum und Klassen. Leçon sur la leçon. Zwei Vorlesungen, Frankfurt/M. 1985.
12.
Vgl. Vannevar Bush, As we may think, in: Atlantic Monthly, 176 (1945), S 101 - 108.
13.
Vgl. Theodor-Holm Nelson, Literary Machines, (Eigenverlag) 1981, S. 0/2 ff. und 2/61.
14.
Deutscher Bundestag, Schlussbericht der Enquete-Kommission "Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft". Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft, Drucksache 13/1104, Bonn 1998, S. 79.
15.
Matthias Barth, Internetbasierte Nachhaltigkeitskommunikation, in: Gerd Michelsen/Jasmin Godemann (Hrsg.), Handbuch Nachhaltigkeitskommunikation, München 2005, S. 270.
16.
Vgl. z.B. Bernd Graff, Unleserlicher Mist. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist entzaubert, in: Süddeutsche Zeitung vom 7.12. 2005.
17.
Vgl. Joseph Weizenbaum, Computermacht und Gesellschaft, Frankfurt/M. 2001, S. 15ff.