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13.1.2006 | Von:
Joseph Anton Kruse

Warum Heine heute?

Autor und Publikum

Es ist häufig festzustellen, dass nach einer privaten Heine-Lektüre oder nach Rezitationen von Heine-Texten das Publikum staunend feststellt, wie gegenwärtig oder heutig ihm der Autor vorgekommen sei. Man fühle sich durch und durch verstanden, und andererseits sei dasjenige, was einem längst auf den Nägeln brenne, vom Dichter ebenso treffend wie witzig ausgesprochen worden. Solche Bemerkungen über die Nähe eines Autors, der uns dennoch, was die Lebensumstände angeht, durchaus fern ist, fallen gegenwärtig allenthalben noch genauso oft, wie das schon bei früheren Generationen der Fall gewesen ist. Das lässt sich übrigens auch schon für die kritischen Auslassungen seiner Zeitgenossen feststellen. Die beiden ersten Herausgeber der interessanten Quellenfolge mit dem Titel "Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen" notieren gleich zu Anfang der Sammlung, es bleibe trotz allem erstaunlich, wie schnell Heine einer der meistgelesenen und -zitierten jungen Autoren geworden sei. Es sei manchmal behauptet worden, Heine habe vom Beginn seines literarischen Schaffens an mit einer harten und ablehnenden Kritik zu tun gehabt. Das sei in dieser Form falsch. Die Fülle der Rezensionen, die seinem Werk von vornherein echte dichterische Qualität bescheinigten, beweise das Gegenteil. Allerdings seien kritische Bemerkungen schon anfangs fast immer dem Lob beigemischt worden.[2]

Die zeitgenössische Kritik kann in der Tat, bei aller Distanz, nicht umhin, immer wieder die Frische, das kecke Wesen, die Unbekümmertheit, den mangelnden Respekt vor eingefahrenen Systemen hervorzuheben. Im emphatischen Deutsch nennen wir diese Form der Wirkung von Persönlichkeit und Werk: gültig, oder klassisch, obgleich eine solche Charakteristik gerade auf Heine schwer anwendbar scheint und oft als unvereinbarer Gegensatz zum Autor empfunden wird. Auch wenn uns häufig genug der Glaube an einen allgemein akzeptierten Standard abhanden gekommen ist, wollen wir ihn angesichts der Heine'schen Themen und Formulierungen dennoch gerne gelten lassen. Etwas die Generationen Übergreifendes haben seine Gedichte und Schriften offensichtlich an sich. Sie verleugnen nicht die Eierschalen von damals, sind aber dennoch mit dem modernsten Gefieder ausgestattet. Die Begabung zur Verquickung von Tradition und eigenständiger Anwendung erzeugt den eigenen Ton, der das Alte in Erinnerung bringt, dem das Neue allerdings auf Schritt und Tritt anzumerken ist. Dabei ist es dem Autor Heine gelungen, von Beginn an ein sehr persönliches und vor allem ein funktionierendes Verhältnis zu seinem Publikum aufzubauen.

Ob in seinen frühen Fingerübungen, den "Briefen aus Berlin" an seine im Rheinland und in Westfalen lebenden Landsleute, denen er aus der preußischen Hauptstadt als Student die abwechslungsreichsten Einblicke in das turbulente Berliner Leben gönnt, oder im Nachwort zur Gedichtsammlung "Romanzero" von 1851 aus den ersten Jahren seiner Matratzengruft, in dem er sich dreißig Jahre später von seinem Publikum verabschiedet, an das er sich gewöhnt habe, als handele es sich um ein vernünftiges Wesen - stets bleibt er mit seiner Leserschaft im Gespräch. Heine lässt gewissermaßen seine Leser an der Entstehung des Gedankens und der spontanen Formulierung Anteil nehmen. Somit bildet eine immer ironisch schwirrende Gleichberechtigung die Voraussetzung jeglichen weiteren Interesses beim Publikum. Heine wählt damit von vornherein ein demokratisches Schreibverfahren, das den andern nicht für dümmer hält, sondern das die eigene Beschaffenheit nur als ein Muster nimmt, dem eine positive Aufnahme von Seiten des Lesers gewiss sein kann, auch wenn dieser sich über abweichende Urteile oder sprachliche Finessen ärgern mag.

Heine schreibt in der Tat mit Blick auf die anderen, gerade wenn und weil er oft genug über sich selber schreibt. Das autobiografische Schreiben, das in mancherlei Facetten sein gesamtes Werk grundiert, kommt gerade dem Leser und seinen Problemen entgegen. Oder, wie es eine der begeistertsten Heine-Anhängerinnen überhaupt, die Kaiserin Elisabeth von Österreich, die für seine Denkmalsgeschichte und Nachwirkung eine große Rolle spielte, auf den Punkt gebracht hat: Heine verachte alle Scheinheiligkeit und Heuchelei; er zeige sich als menschlicher Dichter mit seinen Schwächen und Vorzügen.[3] Dadurch war er seinem Publikum nahe, dem er trotz der Beherrschung notwendiger Schreibstrategien nichts vormachen wollte.

Wie sehr ihn bereits seine Zeitgenossen verstanden haben, belegt nicht zuletzt die damals herrschende Zensur. Heines Art und Weise, die Wahrheit zu sagen, hat die Machthaber beunruhigt und das Publikum in der Erkenntnis jener Prinzipien weiter gebracht, die als Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit kurz zuvor noch in den Losungsworten der Französischen Revolution lebendig waren und die Heine unter dem Signum der Menschenrechte bereits als Höhepunkt der biblischen Tradition betrachtet hat. Dass Heine sich trotz der Zensur und des Exils zum ambivalenten Liebling des Publikums in das Gedächtnis der Literatur hat einschreiben können, ist ein Wunder. Das Bundestagsverbot von 1835 als Totalverbot der "Jungdeutschen" hat entgegen seiner Absicht Heines herausragende Stellung im literarischen Kontext erst recht gefestigt. Die Kastration des Genius der Freiheit, den der Dichter verkörpert, wird am Ende des "Wintermärchens" auf tragikomische Weise geträumt. Dennoch ist die Freiheit für Europa nicht verloren, und das Publikum erhält in den literarischen Schöpfungen jenen Spiegel, der das Unrecht benennt und in die ewige Hölle fixierter Sprache verweist. Die kritische Weltliteratur in Gestalt von Aristophanes und Dante lässt grüßen! Heine reiht sich bewusst in eine Traditionslinie ein, weil er weiß, dass trotz aller historischen Untergänge die zum Buch gewordenen Botschaften überleben werden.


Fußnoten

2.
Vgl. Eberhard Galley/Alfred Estermann (Hrsg.), Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen, Bd. 1, Hamburg 1981, S. 8. Die umfangreiche Sammlung wurde zur Hälfte von E. Galley und A. Estermann betreut, anschließend (Stuttgart und Weimar) von Christoph auf der Horst und Sikander Singh; sie ist auf 12 Bände angelegt, deren beide letzten im Erscheinen begriffen sind; 2006 wird ein (13.) Abschlussband von S. Singh das Material würdigen.
3.
Vgl. Joseph A. Kruse, Heinrich Heine. Leben und Werk in Daten und Bildern, Frankfurt/M. 1983, S. 11.