APUZ Dossier Bild

13.1.2006 | Von:
Joseph Anton Kruse

Warum Heine heute?

Ton und Sprache

Die Nähe zum Publikum, die Spontaneität, die Herstellung von Einvernehmlichkeit und gegenseitigem Verständnis kann also nur zum Teil über Themen und Motive verlaufen, durch die Heine den Nerv seiner Zeit trifft. Stets sind es auch der besondere Ton und die sprachliche Glanzleistung, die dem Publikum noch so schwierige Sachverhalte darzubieten vermögen. In der Heine-Philologie wurden seine Fähigkeit zur Ironie und Satire, sein Humor, seine anregende Schreibweise im Verhältnis zur manchmal notgedrungen esoterischen Aussage mit ihren gleichwohl auflösbaren Fingerzeigen immer wieder untersucht und geortet. Gerade die Herkunft aus der Romantik mit ihrem Hang zur Unendlichkeit und Beseelung findet bei ihm ständig modern empfundene Brechungen durch realistische Einsprengsel, durch quasi zur Seite gesprochene Kommentare, die neben der Sentimentalität im besten Sinn mit ihren hochsprachlichen Ausflügen auch das alltägliche und banale Wort gelten lassen und einfügen. Auf diese Weise gewinnen die Gedichte seines "Buchs der Lieder" von 1827 oft genug in den für die Komponisten noch so attraktiven Zyklen ihren unverwechselbaren Reiz. So erlangen die Liebesgeschichten eine Bedeutung über die individuelle Verliebtheit hinaus. Der Einzelne wird zum Vertreter mindestens seiner eigenen Gegenwart, wenn nicht zum Exempel der humanen Bedingungen überhaupt. Das gilt selbst für Heines immer noch neue Deutungen herausfordernden Verse von der Loreley, in denen der Sprecher anfangs nicht weiß, wie es um seine Gemütsverfassung bestellt ist, und am Ende nur glaubt, dass die Lokalsage von der Sirene des Abendsonnenscheins und die persönliche Melancholie eine unauflösbare Verbindung von individueller Landschaftsbetrachtung und existenziellem Lauf aller Dinge mit darin eingebettetem Untergang besitzen.

Die Vorstellungswelten werden durch unerwartete sprachliche Muster geradezu aufgemischt. Der überraschende Lakonismus hat bereits in den "Reisebildern" ein immer wieder bis heute verführerisches Feld gefunden. Der begeisterte Wanderer in der "Harzreise" bewegt sich mitten zwischen den abgebrühten Realisten, denen nichts mehr schön und heilig ist, sondern die alles mit der Natürlichkeit erklären, und den unerträglichen Schwärmern, die den Boden unter den Füßen verloren haben. Heine kennt seine Narren. Das stellt er beispielsweise in "Ideen. Das Buch Le Grand" unter Beweis. Von deren Beschreibung hat er leben können und dafür ganze sprachliche Arsenale von Darstellungsmöglichkeiten erschlossen, über die wir herzlich lachen können. Das gilt auch für die italienischen "Reisebilder" insgesamt und selbst noch für die in den "Bädern von Lucca" vorgenommene, mehr als ungerechte Abfertigung des Grafen Platen, die aus dem nur schwer aufzulösenden Konflikt zweier Außenseiter zu verstehen ist.

Unbekümmert oder besser: im tiefsten Sinne getroffen bezeichnet Heine sich selber im Verein mit Shakespeares Helden als "Narr des Glücks", der Geschehen und Verlautbarung zu vereinigen sucht, und erlaubt sich, an Donquichotterien teilzuhaben, die immer auch die Sprache zu einem jeweils passenden Notbehelf umformen. Sogar das Versepos "Deutschland. Ein Wintermärchen" aus dem für Heine hoch politischen Jahr 1844 gibt für die Kunst passender Verquickung von Inhalt und Form die aufregendsten Beispiele. Hier kommen seine "Nachtgedanken" an ein realistisches Ende, das dennoch immer mit bedeutungsvollen Träumen zu tun hat. Trotz aller Bitternis angesichts der herrschenden duckmäuserischen Verhältnisse bleibt die Liebe zur Heimat das Hauptmotiv und ist die deutsche Sprache, sind die herzlichen Eigenschaften der Deutschen ein Versprechen einer besseren Zukunft. Deutschland hat ihn zwar um den Schlaf gebracht, die Tränen fließen, doch die Sehnsucht gilt der Mutter in Hamburg, und die Beruhigung erfolgt durch die französische Frau an seiner Seite im Morgenlichte eines bereits besseren Lebens. Thema und Motiv dieses Zeitgedichts möchten einem als Übertreibung von Nebensachen vorkommen. Beides, Heimatliebe und Sehnsucht nach der Mutter, jedoch auf zitierfähige Weise ausgedrückt zu haben, macht das Gedicht zum Stachel im Fleisch der deutschen Erinnerung an eben nicht die hellsten Seiten des Biedermeiers.

Heine hat dem Volk in so vielem aufs Maul geschaut, dass er dessen Ton traf, auch wenn er nicht nach dessen Mund redete. Stellvertretend hat er die soziale Not und Ungerechtigkeit auf eine Weise dargestellt, die ihresgleichen sucht. Ein herausragendes Beispiel bildet das Gedicht "Die schlesischen Weber", dessen scharfe Anklage gegen Gott, König und Vaterland per Flugblatt Verbreitung fand, während zur selben Zeit der mündliche Vortrag mit Gefängnis bestraft wurde. Vor allem hat Heine die Sprache dann erst recht gegen den Strich gebürstet in seinen späten Gedichten, die von Krankheit und Sterben handeln und eigene Räume entwerfen, denen auch durch die raffinierte Alltagssprache und manche exotischen Einsprengsel jede weihevolle Atmosphäre fehlt. Hier ist er ganz bei sich selber und gerade auch in solchen Texten dem Leser von heute und dessen Lebensumständen nahe. Wie heißt es im postum erschienenen Fragment seines Versepos "Bimini" über das "Zauberschiff" und "Narrenschiff" der Poesie, dem die Magie der Dichtkunst zugute kommen soll? Aus Trochäen wie Eichen seien Kiel und Planken gezimmert, Phantasie sitze am Steuer, gute Laune blähe die Segel, Schiffsjunge sei der flinke Witz - ob Verstand an Bord, daran zweifelt der Verfasser jedoch. Das ist der Dichter Heine, wie er leibt und lebt, selbst wenn er nach eigenem Ermessen längst lebendig begraben ist und Gespenster im Schädel des Dichters ihren Umzug halten. Wie hatte er am Ende des Gedichtes "Enfant perdu" seine Lebensleistung in literarisch-militärischer Weise beschrieben? Seine Waffen seien ungebrochen: "Nur mein Herze brach".

Trotz solch, alles in allem, positiven Befundes darf nicht vergessen werden, dass Heine in Bezug auf Wirkung und Kritik einen schwierigeren Weg zu beschreiten hatte als viele Altersgenossen. Was wir als Leistungen von Publikumsnähe und sprachlichem Mehrwert beschrieben haben, wurde durchaus auch negativ in arrogant verletzenden Klischees und ständig wiederkehrenden Stereotypen ausgedrückt und nach den Ritualen von Ablehnung und Verdammung ins Wort gebracht. Nicht nur, dass Heine ein Vierteljahrhundert lang von Paris aus als Emigrant das deutsche Leben begleitet hatte, was man ihm oft genug als Vaterlandsverrat auslegen wollte. Seine sprachlichen Glanzstücke wurden als Eskapaden betrachtet, die obendrein auch in einem anderen Sinne von außen kamen und damit dem deutschen Publikum nicht ohne Weiteres schmeckten und deshalb als fremd verteufelt wurden: Heine war Jude und blieb es für die Wirkung über seinen Tod hinaus. Er hatte selbst in seinen das Werk begleitenden Notizen bemerkt, dass die Taufe das Entreebillet in die europäische Kultur darstelle. Aber selbst die Akzeptanz der damals geltenden Bedingungen war nicht dazu angetan, die Aufnahme in die Gesellschaft wirklich zu garantieren. Zur selben Zeit wurde ihm daher auch bewusst, wie schwer die Anerkennung zu erreichen war, und dass äußere Zeichen wie seine mit dem Abschluss des Studiums erfolgte Aufnahme in die evangelische Kirche noch keineswegs eine Integration in die deutsche Literatur zur Folge hatten. Die Erfahrung, ständig von außen die Dinge betrachten zu müssen, obwohl man sich durchaus mitten darin befindet, ist vielleicht eine der tragischsten Verbindungslinien zur Gegenwart, die aufgrund ihrer veränderten Bedingungen für einen solchen Dichter nach so vielen bitteren Erfahrungen endlich das rechte Gespür erworben hat.