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13.1.2006 | Von:
Joseph Anton Kruse

Warum Heine heute?

Textmixturen: Lyrik und Prosa

Heine erfindet nicht alles neu, sondern fügt sich in überlieferte Traditionen ein. In der Verskunst lernt er von August Wilhelm Schlegel und blickt auf Goethe. Seine Prosa bildet er an den Romantikern und nimmt Stilelemente der europäischen Literatur auf. Dennoch ist seine Publikationsstrategie vor allem davon geprägt, verschiedene Ausdrucksformen und damit auch die unterschiedlichsten Themen und Bereiche miteinander zu verknüpfen und zusammen erscheinen zu lassen. Abwechslung gehört zu seinem Programm. Dadurch will er das Interesse wach halten und gleichzeitig die Verschiedenartigkeit der uns umgebenden Welt durch das Medium der Literatur vereinigen. Solche Wechselbäder von Begabung und Darstellungsform hat ihm das Publikum stets gedankt, zumal die Bücher jeweils die Probleme und Interessen der Zeit trafen und in geradezu nervöser Aktualität dem Puls der Zeit gerecht wurden. Der allerdings, das stellt die Heine-Lektüre immer wieder unter Beweis, schlägt im Heine'schen Takt so, als wären wir gewissermaßen als prüfende Beobachter damals wie heute dabei.

Wollte man es skeptisch ausdrücken, war Heines literarische Überlebensübung, einmal abgesehen von seiner Lyrik, die zweifellos ohne größere Schwierigkeiten mit ihren unzähligen Kompositionen in sämtlichen Konzertsälen der Welt lebt, ihrer schmalen Bandbreite nach ziemlich anspruchsvoll. Denn auf der Bühne ist er trotz zweier Tragödien und zweier Ballettszenarios nicht präsent, auch wenn das Ballett "Giselle" bis heute unbedingt mit seinem Namen verknüpft bleibt. Diese Abstinenz in der Bühnenbeachtung seiner theatralischen Werke sollte sich unbedingt ändern. Jedenfalls eignen sich die Dramen und Ballettentwürfe, wenn sie schon zu selten praktische Umsetzungen erfahren, für die Lektüre, damit nicht nur das Wort aus dem "Almansor" über die Bücherverbrennung (Heine spricht vom Koran zur Zeit der spanischen Wiedereroberung Granadas), die der Verbrennung von Menschen vorausgehe, das einzige geflügelte Wort aus diesem Komplex des Heine'schen Schaffens bleibt.

Die Kombinationen von Vers und Prosa in den "Reisebildern", den "Salon"-Bänden und den "Vermischten Schriften" kommen auch dem heutigen Leser entgegen. Dadurch wird die Vielfalt in der Einheit abgebildet, wird das poetische Arrangement zur Botschaft mit unterschiedlichsten Ansatzpunkten. Was in den Versen klingt, ist auch im Rhythmus der Prosaarbeiten spürbar. Heine ist ein Meister der Sprache, der allerdings aus dem klassischen Repertoire der Textarten nur bedingte Anleihen macht und sich von vornherein mit sämtlichen Schriften dem Markt stellt. Damit bedient er zuerst das damals reichhaltige Zeitschriftenwesen, bevor seine Texte zu Büchern komponiert werden. Diese Aufgeschlossenheit für die Medien mit seinem Mangel an hermetischer Struktur macht den Autor als Kommentator gerade auch heutiger Umstände interessant. Wer mit seinen lyrischen und prosaischen Werken sich derart in die laufenden Diskussionen einzumischen verstand, war ein Seismograf ohne zeitliches Verfallsdatum.

Die Antworten Heines auf die Bewegung seiner Zeit erhielten obendrein oft ein fragmentarisches Erscheinungsbild, was man für eine Folge der Romantik halten könnte, was gleichzeitig aber auch die Unmöglichkeit thematisiert, in Umbruchszeiten das harmonische Ganze darstellen und somit ein heiles Gesamtkunstwerk schaffen zu können. Erinnert sei an sein erzählerisches Potenzial, das sich jeweils dem romantischen Fragment auf individuelle Weise beugt. Sein "Rabbi von Bacherach" verläuft aus der jüdischen Rheinromantik ins grotesk anmutende mittelalterliche Frankfurter Ghetto; seine "Memoiren des Herren von Schnabelewopski" lassen sich als pfiffig-tragischer Bildungsroman lesen, und die "Florentinischen Nächte" verbreiten den Zauber der anspruchsvollsten Erotik.

Heines Gesamtkunstwerk bestand in der Mischung, im Wechsel, in der Andeutung eines zufälligen Beginns und eines unvorhergesehenen Endes. Insofern nehmen viele Texte wie ein Drehbuch zum Zeitgeschehen filmische Sequenzen vorweg. Aber auch hier gilt: Die Beschreibungen in Vers und Prosa bilden jeweils Modelle der Weltbetrachtung, die sich darüber hinaus weit über die eigenen Verhältnisse erheben können. Gerade dem kranken Heine ist die ganze Geschichte ein Fundus für die Darstellung. Als geistvoller Teilnehmer am Weltgetriebe hat er gar die Kunst der Agonie zu einer Höhe geführt, die ihresgleichen sucht. Der Augenblick und die sich daraus zusammensetzende, oft genug quälende Zeit sind in der Tat nur aus den großen Zusammenhängen zu erklären. Hier trifft sich Heine mit der Schiller'schen Antrittsvorlesung von 1789.