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13.1.2006 | Von:
Joseph Anton Kruse

Warum Heine heute?

Mixturen aus Absicht und Engagement

Mischungen bestimmen nicht nur die Erscheinungsform seiner Schriften, sondern auch deren Inhalte. Heine ist bei der Konfrontation gegensätzlichster Gegenstände nicht kleinlich. Er zielt auf die Öffentlichkeit. Die soll ohne didaktischen Zeigefinger jeweils eines Besseren belehrt werden, dem der Dichter seinerseits bereits ebenso neugierig wie nachdenklich auf die Spur gekommen ist. Seine Absicht richtet sich immer auf den Dienst im Befreiungskrieg der Menschheit, wie er seine literarischen Bemühungen im hehren Ton zu nennen pflegte. Die vielen großen Fragen, die er erkannte und zum Ausdruck brachte, betreffen das religiöse Feld genauso wie das der sozialen Gerechtigkeit bis hin zur Frauenemanzipation, die er im Unterschied zu anderen Zeitgenossen wenigstens benannte. Ist es angesichts dieser Modernität ein Wunder, dass er im Laufe des Jahres 2005 die Riege der fünfzig wichtigsten deutschen Autoren sogar angeführt hat?[4]

Journalismus

Heine gehört zu den ersten freien Schriftstellern, die aus dem Schreiben ihren Hauptberuf gemacht haben. Zugleich war seine Nähe zu den Zeitschriften und Zeitungen ein bestimmendes Moment seiner literarischen Lebensführung. Seine Leistung bestand darin, aus dem Tagesschriftsteller, der er stets sein musste, doch auch den Dichter für die Ewigkeit hervorgehen zu lassen. Besonders gelang ihm das durch das journalistische Vermögen der Vermittlung zwischen europäischen Ländern und Menschen. Was fern schien, wurde ihm zur geradezu systematisch erschlossenen Nähe, auch wenn seine Darstellungen einem assoziativen Prinzip folgten. Der Sinn für das Naheliegende verband sich mit seinem Engagement für Freiheit und Gerechtigkeit. Er hat sehr früh bereits über Polen berichtet und den notwendigen europäischen Aufbruch mit der Kraft slawischer Innovation begründet. Die Niederlande und England boten ihm Stoff zur Beschreibung, wobei besonders die "Englischen Fragmente" den gewieften Beobachter und Journalisten unter Beweis stellten. Die italienischen "Reisebilder" belegen ebenfalls das breite Interessengebiet. Landschaft, Geschichte und Religion, Volkssitten und Gebräuche, Stereotype und Einzelfälle bilden ein Konglomerat aus Nähe und Ferne, das dem Leser bis heute das Gefühl vermittelt, dabei gewesen zu sein und durch Neugierde und Unbekümmertheit sich die Welt als Teil seiner selbst aneignen zu können.

Der Wechsel nach Paris im Jahre 1831 fördert die Begabung zur europäischen und kosmopolitischen Perspektive um ein Vielfaches. Heine will zwischen den beiden konkurrierenden Nachbarstaaten vermitteln. Deutsche Kultur möchte er den Franzosen näher bringen, französisches Leben seinen deutschen Landsleuten verständlich machen. Das gelang nur durch das von ihm in allen Feinheiten beherrschte Feuilleton. Privates und Öffentliches, Nebensächliches und Wichtiges, Dinge und Menschen werden in der Darstellung von Kunst, Musik, Literatur, Philosophie, Religion, Mythologie, Theater, Politik und Volksleben beider Länder in einen unverwechselbaren Strudel des Heine'schen Stils gezogen und kommen als poetisierte Wirklichkeit der deutschen oder französischen Geschichte, Traditionen und Tagesverhältnisse wieder zum Vorschein. Die beiden Bände der "Lutetia" von 1854 leben vom Vermögen Heines, Zeitzeuge zu sein und seine Beobachtungen der 1840er Jahre einige Zeit später zu immer noch sprechenden Dokumenten zu feilen. Insofern liefert Heine literarische Quellenwerke, die den Vergleich mit heutigen Zuständen immer wieder nahe legen. Die Lektüre lohnt nicht nur aus historischen Gründen, sondern eben auch aus solchen der Assoziation, Transparenz und Analogie.

Thematisches Leitmotiv: Individuum und Geschichte

Napoleons Tod auf St. Helena und der Verlust einer nachhaltigen Jugendliebe im Jahre 1821, die Februarrevolution von 1848 und die eigene unheilbare Krankheit - Heine hat sein persönliches Schicksal in öffentlichen Chiffren abgebildet gesehen. Sein Grabspruch auf dem Pariser Montmartre-Friedhof vom Wandermüden, der unter dem Mausoleum des Nachthimmels den einzigartigen Ort von Andenken und Erinnerung erworben hat, macht darauf aufmerksam, dass wir unser Leben nicht als blindes kleines Geflecht individueller Ansprüche und Enttäuschungen zu ertragen haben, sondern dass es Teil im großen Ganzen ist. Wo der "Wandermüde" ans Ziel kommt, ob unter Linden am Rhein oder Palmen im Süden, in Sand- oder Wasserwüste, immer umgibt den Einzelnen das monumentale Mausoleum des bestirnten Himmels. Die grandiose Einsamkeit ist zugleich eine Überhöhung der individuellen Bedeutung, ohne uns selber findet die Erfahrung von Welt und Geschichte nicht statt.

"Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte", heißt es im XXX. Kapitel der "Reise von München nach Genua". Dies ist das Resümee seiner Betrachtung über die Schlachten seines großen Helden Napoleon. Ist der Einzelne weniger wert als das Ganze? Heine nimmt die Ansprüche der Revolution ernst. Nicht die Vertröstung auf einen hübsch geschilderten Himmel, sondern die Bedingungen der Realität sind der Maßstab für das Glück des je einzelnen Menschen. Trotz der Krankheitserfahrung hat Heine der Versuchung nach Verzweiflung und Depression nicht stattgegeben. Seine Melancholie war eine aus Weisheit und Optimismus, auch noch die Rückschläge im Leben nutzte er produktiv und ließ den Mut nicht sinken. Die Lust am Leben und die unumwunden ausgesprochenen Überzeugungen führen häufig genug zu persönlichen Auseinandersetzungen. Auch Personalsatiren und Streitschriften sind Meilensteine auf dem Weg der Historie in eine bessere Zukunft. Heines Motto lautete darum noch in den miserabelsten Zeiten, wie er seinem in St. Petersburg tätigen Arztbruder Maximilian am 12. September 1848 schrieb: "Und ich liebe doch das Leben mit so inbrünstiger Leidenschaft." Gerade die Brüche, Höhen und Tiefen machen Heines Leben, Werk und Wirkung spannend.[5] Glück, das Recht auf Leben und Leidenschaft für die Ansprüche des Menschen, sind die wichtigen Motive für Heines Verständnis von Geschichte und Individuum.

Prophetie und Prognostik, Frömmigkeit und Kritik

Heines Verhältnis zur jüdischen Herkunft bestimmt in vielen Einzelheiten auch sein literarisches Schaffen. Diese Tradition und die Erfahrungen mit einer im Prinzip abweisenden Umwelt war ihm unter die Haut gegangen. Seine Anspielungen auf dieses Wissen liegen ebenfalls häufiger, als man bei einer Betrachtung der Oberfläche seines Werkes meinen möchte, unter den Schichten seines Schreibprozesses verborgen. Zweifellos weiß er sich von der Idee ergriffen, vom Geist begeistert und insofern in der Tradition der Propheten. Seine Prophezeiungen enthalten freilich weniger utopische als prognostische Seiten. Wie der Kritiker aus der Literatur die Zukunft eines Volkes herauszulesen versteht, wie es in der "Romantischen Schule" heißt, so ist der Schriftsteller Verkünder von Wahrheiten, die er dem alltäglichen Zusammenleben entnimmt und die in der Zukunft ihre schrecklichen oder schönen Eigenschaften entfalten werden.

Für diese Schreibart und Begabung für die Charakteristik der Gegenwart als Blick in die Zukunft gibt es manche Belege. Eine Stelle ist zu Recht immer wieder herangezogen worden, der Schluss seiner Schrift "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" aus dem 2. "Salon"-Band von 1835. Dort scheint der Furor des Nationalsozialismus in sprachliche Bilder gefasst zu sein, deren Kraft bis heute erschüttert: "Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig, und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen, und sich in ihren königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte."

So religionskritisch Heine sich stets verhalten hat, so sehr hat seine so genannte Bekehrung in der Spätzeit die Gemüter bewegt. Auch hier beschreitet Heine seinen eigenen Weg der Akzeptanz von Tradition und Geschichte und gleichzeitiger ebenso individueller wie origineller Aneignung. Die Bibel hatte sein Schreiben ständig begleitet, aber erst in den letzten Jahren der Krankheit und des physischen Untergangs gewann sie die Rolle eines existenziellen Korsetts ohne ideologische Enge. Die Figuration des Lazarus hat es Heine angetan, des armen Lazarus aus der Beispielerzählung Jesu, sowohl wie des von Jesus auferweckten Freundes aus Bethanien bei Jerusalem, der christlichen Überlieferung nach der erste Bischof von Marseille. Damit wurde die Gestalt Hiobs verknüpft, sodass die großen Menschheitsfragen vom kranken Dichter mit leiblicher und geistiger Präsenz ausgefüllt wurden.

Auch wenn die Fragen nicht zu beantworten waren, zu stellen, zu ertragen, zu wiederholen blieben sie vom Autor immer wieder. Das war sein Beruf. Er tat es stellvertretend, aber offensichtlich in der Hoffnung, dass sich seine Leser anschließen würden und somit ihre eigene Position finden könnten: die des freien, selbstbewussten, aufgeklärten Menschen, denen dennoch keine Geheimnisse fremd sind, auch nicht die von Gebet und Verzweiflung, Fluch und Demut, Humor und Wachsamkeit.

Vor allem diese späten Überlebensstrategien Heines machen ihn zum vorweggenommenen Beispiel des modernen Menschen, wie Heinrich Mann das bei seinem Aufruf für ein Heine-Denkmal in Düsseldorf vor 1933 ausgedrückt hat: "Er war sachlich bei aller seiner Phantasie, scharf zugleich und zärtlich, ein Zweifler, doch tapfer."[6] Die literarischen Arbeiten Heines aus allen Phasen seines Schaffens sind der Beweis für die Unabhängigkeit, die uns Not tut, und für die ironische Akzeptanz von Grenzen, ohne die unser Leben doch nicht denkbar ist.


Fußnoten

4.
Konrad Lischka/Christian Blohm, Der erste echte Kanon. Dies sind die 50 wichtigsten deutschen Autoren!, in: Bücher, (2005) 5, S. 24 - 28.
5.
Diese Einsicht bestimmte auch Titel und Aufbau des vom Verfasser im Heine-Jahr 1997 zum 200. Geburtstag betreuten Bandes: Heinrich Heine, "Ich liebe doch das Leben". Ein Lesebuch, Frankfurt/M.-Leipzig.
6.
J. A. Kruse (Anm. 3), S. 10.