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13.1.2006 | Von:
Edda Ziegler

Dichterliebe und Denkmalstreit

Die zeitgenössische Rezeption

Als Heines frühe Gedichte Ende der 1820er Jahre erstmals erschienen, war die zeitgenössische Kritik voll des Lobes. Der Autor des "Buchs der Lieder" wurde als Sprachkünstler, als Stilist und ausgebuffter Metriker gefeiert. Die sprachlichen und metrischen Brüche, die er seinen Lesern zumutete, ja sogar die durchweg ironische Behandlung so ernsthafter, für die Lyrik zentraler Themen wie das der unglücklichen Liebe, nahm man als Zeichen der Originalität billigend in Kauf. Doch bald schieden sich die Geister, gingen die Meinungen auseinander.

Das lässt sich exemplarisch an den Reaktionen der bürgerlichen, jüdisch-assimilierten Familie Lewald nachzeichnen, von denen die Schriftstellerin und Heine-Verehrerin Fanny Lewald berichtet. Ihr sei das "Buch der Lieder" "zehn, fünfzehn Jahre lang" ein ständiger Begleiter gewesen. "Viele der Heine'schen Lieder", so schreibt sie, "haben mich als Lieblinge durch das ganze Leben begleitet, ihr Rhythmus hat mich erquickt in Tagen schwerer Leiden, ich habe mich erfrischt an ihrer Lebensfülle." Doch mit dieser bewusst ästhetisch begründeten Wertschätzung stand Fanny Lewald in ihrem Umfeld allein. Im gebildeten Haus Lewald teilte man zwar Heines Kritik am politischen System, distanzierte sich jedoch, wie die meisten Leser, von seinem frechen, unernsten Ton. Die "Reisebilder" galten den Lewalds als "Schmutzbücher" mit "Commis-Voyageur-Witzen". Auch Fannys Lebensgefährte Adolf Stahr lehnte Heine ab; vor allem aus Gründen der Moral und guten Sitte.[3]

Diese Haltung war typisch für die bürgerlichen Heine-Leser seiner Zeit. Dass die Lewalds jüdischer Herkunft waren, spielte dabei keine Rolle. Die jüdische Heine-Rezeption unterschied sich nicht wesentlich von der nichtjüdischen und war auch keineswegs weniger national kontaminiert. Doch wie umstritten Heine auch immer gewesen sein mag: Seine Gedichte waren ein Erfolg - in jeder Hinsicht. Das "Buch der Lieder" wurde, nach anfänglicher Käuferzurückhaltung, bald zum Bestseller. Schon in den 1840er Jahren, der Hochzeit der zeitgenössischen Rezeption, befassten sich jährlich mehr als 250 Artikel und Rezensionen mit Heine. Er war schon zu Lebzeiten einer der bekanntesten Schriftsteller Europas.

Gleichzeitig aber kam es zur Polarisierung. Die Wende setzte ein mit Heines Deutschlandkritik in den "Reisebildern", zeigte sich in den Reaktionen auf seine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Konkurrenten Ludwig Börne und wurde schließlich manifest in den explizit politischen Texten der 1840er Jahre, vor allen anderen im Versepos "Deutschland. Ein Wintermärchen" von 1844. Damit waren die Hauptthemen der künftigen Rezeption schon zu Lebzeiten des Dichters fixiert. Es war eine Mixtur aus moralischen, ästhetischen und politischen Ressentiments. Sie wurden projiziert auf eine provokativ "andere", die normative bürgerliche Selbstfindung des 19. Jahrhunderts verletzende Existenzform und auf ein bewusst anti-idealistisches ästhetisches Literaturverständnis. Heine verweigerte sich jener Vereinnahmung durch die bürgerliche Gesellschaft und Stilisierung des Dichters zum Nationalheros, wie sie damals in Deutschland an Friedrich Schiller vorexerziert wurde.

Schillers 100. Geburtstag 1859, zwei Jahre nach Heines Tod, wurde - eingeleitet von einer längeren Inkubationsphase - zur Geburtsstunde des Schiller-Nationalkults. Das mit ihm errichtete öffentliche Schillerbild diente als Muster für das, was ein Dichter den Deutschen des 19. Jahrhunderts sein sollte, nämlich Genie und Nationalheld zugleich. Diesem Dichterideal entsprach Heine nie. Ja, er wurde nach seinem Tod geradezu zum Anti-Schiller.


Fußnoten

3.
Fanny Lewald, Zwölf Bilder nach dem Leben. Erinnerungen, Berlin 1888, S. 200f.