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13.1.2006 | Von:
Edda Ziegler

Dichterliebe und Denkmalstreit

Der bürgerlich-liberale Heine

"Wieviele deutsche Philister wüssten denn, was Heine bedeuten soll, wenn nicht Herr Silcher Ich weiß nicht, was soll es bedeuten` in Musik gesetzt hätte?" Der Wiener Publizist Karl Kraus, ein als Kritiker verkappter Heine-Schwärmer, hatte es 1911 auf den Punkt gebracht: Die Heine-Rezeption des liberalen deutschen Bürgertums lebte fast ein Jahrhundert lang durch die Vertonungen seiner Gedichte, allen voran Friedrich Silchers "Loreley"-Lied von 1838. In diesen Vertonungen fand sich das bürgerliche Publikum bestätigt in seiner Liebe zu Heines Gedichten, ihrer Sangbarkeit, den echten oder auch falschen Gefühlen, die sie evozieren.

Doch das war nicht immer so. Als der junge Heine Ende der 1820er Jahre seine Gedichte, darunter auch die "Loreley", im "Buch der Lieder" versammelte, wollte niemand das Manuskript haben. Schon damals hatte sich - mit dem Entstehen eines nach den Kriterien von Angebot und Nachfrage funktionierenden Buchmarkts - ein sehr dauerhaftes verlegerisches Misstrauen gegen Gedichtbände herausgebildet. Heines Verleger Julius Campe, auch er ein ökonomisch denkender Lyrik-Verächter, fasste es in den bis heute gültigen Satz: "Gedichte, wer kauft schon Gedichte." So sah sich Heine schließlich gezwungen, das Manuskript an den Verleger zu verschenken, um es überhaupt gedruckt zu sehen. Campe behielt mit seiner Skepsis zunächst Recht. Zehn Jahre lang sei das "Buch der Lieder" - so beschrieb es Heine selbst - wie ein "harmloses Kauffahrteyschiff (...) ins Meer des Vergessens hinabgesegelt".

Dann aber wurde es von einem neuen, jungen Publikum entdeckt: von Studenten, vor allem den in ihren Anfängen politisch fortschrittlichen Burschenschaften, der damaligen intellektuellen Avantgarde. "Jeder Bursch", kommentierte der Verleger erfreut die Trendwende, "muß seinen Heine haben." Diese neue Leserschicht verstand und goutierte - anders als die konventionelle literarische Kritik - den "maliziös-sentimentalen" Doppelcharakter von Heines Gedichten. Deren zentrale Figur, ein meist unglücklich liebendes und leidendes literarisches Ich in romantischem Gefühlsüberschwang, stand diesen Lesern sehr nah. Und vertraut war ihnen auch die Bereitschaft, diese Gefühle zu brechen und in Frage zu stellen - was Heines Texte in einer damals unerhört wirkenden Radikalität vorführten. Doch dieser Doppelcharakter geriet bald in Vergessenheit. Zurück blieb dersimplifizierte, romantisch-sentimentale Heine.

Diese Entwicklung wurde getragen "Auf Flügeln des Gesanges" - so der Titel eines der bei Komponisten besonders beliebten Heine-Gedichte. Hunderte von Tonsetzern ließen sich verführen von der Sangbarkeit der meist dem "Buch der Lieder" entnommenen Verse, von ihrem so einfachen, liedhaften Ton und der Gängigkeit ihrer Themen und Motive. Bevorzugt wurden die scheinbar ungebrochen gefühlsauthentischen Liebesgedichtewie "Du bist wie eine Blume", "Leise zieht durch mein Gemüth" oder "Ich hab im Traum geweinet". An ihnen versuchte sich alles, was Rang und Namen hatte unter den zeitgenössischen und nachgeborenen Komponisten: Robert Schumann, der mit dem Titel seines berühmt gewordenen Liederzyklus "Dichterliebe" den Grundton dieser problematischen Rezeptionstradition anstimmte, der späte Franz Schubert, das geniale Geschwisterpaar Felix und Fanny Mendelssohn, das Heine aus seiner Berliner Studienzeit kannte, des Weiteren Giacomo Meyerbeer und Franz Liszt, mit denen er in Paris verkehrte, und nicht zuletzt Johannes Brahms und Richard Wagner. Allein bis 1914 hat man etwa 2750 verschiedene Kompositionen nach Heine-Gedichten gezählt.

Heine selbst, der seit 1848 gelähmt in seiner Pariser "Matratzengruft" lag, lernte von diesen Vertonungen nur sehr wenige kennen. Dies beschreibt der Bericht vom tragikomischen Besuch eines deutschen Männergesangvereins beim kranken Dichter: "Mit gedämpfter Stimme, damit es den Kranken nicht behellige, wurde nun - meist nach Mendelssohns Kompositionen - eine Reihe seiner Lieder vorgetragen, unter anderen Am fernen Horizonte`, Der Herbstwind rüttelt die Bäume`, Leise zieht durch mein Gemüt`, Auf Flügeln des Gesanges`, In dem Wald bei Mondenscheine`, und das Quartett Entflieh mit mir und sei mein Weib`. Heine zeigte sich außerordentlich erfreut, mehrmals erhob er sich von seinem Lager und sagte lebhaft: Das ist eine vortreffliche Auffassung! Besser konnte man meine Gedanken nicht wiedergeben.` Einen wehmütigen Eindruck machte es aber, daß von allen diesen Kompositionen beinahe keine einzige ihm bekannt war."[4]

Sehr wohl bewusst war Heine jedoch die Breitenwirkung, die seine Gedichte durch diese Vertonungen erreichten - auch wenn dem gewieften PR-Strategen die Problematik dieser Massenwirkung nicht verborgen geblieben sein dürfte. Exemplarisch dafür steht die Wirkungsgeschichte der "Loreley". Heines Gedicht gibt sich in Sujet und Form bewusst populär. Da ist der scheinbar volkstümlich-sagenhafte Ursprung des Motivs - "ein Märchen aus uralten Zeiten" -, obwohl die Loreley de facto keine Figur aus deutscher Sagen- und Märchenwelt ist, sondern eine romantische Kunstfigur. Da ist des Weiteren die Situierung der Geschichte am Rhein, einem Kerngebiet romantischer deutscher Seelen- und Sehnsuchtslandschaft. Da ist der dem fiktiv volkstümlichen Motiv entsprechende volksliedhafte Ton, mit dem das Thema zusätzlich sentimental simplifiziert wurde. Vor allem anderen aber ist da der Stoff selbst: die todbringende Anziehungskraft, die die unerreichbare, nixenhafte Frauengestalt auf den jungen Rheinschiffer ausstrahlt. All das bot einem breiten Leserkreis reichlich Möglichkeiten zur Identifikation oder auch zur Abgrenzung.

Anders als viele andere Heine-Verse, wurde das Loreley-Gedicht nur ein einziges Mal vertont - jedoch mit durchschlagendem Erfolg. Mit Silchers sentimentalem Lied war es nicht nur ein für alle Mal um den "Schiffer in seinem Kahne", den unglücklichen Helden, geschehen, sondern auch um das Heine-Bild der Deutschen. Der unmittelbar nach der Entstehung einsetzende Erfolg des Lieds zeigt prototypisch, wie Heine von seinen bürgerlichen deutschen Verehrerinnen und Verehrern zum Spätromantiker verklärt und wie dabei die Doppelbödigkeit seiner Gedichte ignoriert wurde. Auch so ließ sich der kritische "Zeitschriftsteller", als der Heine gleichzeitig in Frankreich reüssierte und auch ins vormärzliche Deutschland hineinwirkte, entschärfen, verdrängen und schließlich enteignen.

Denn dass es sich bei der "Loreley" - so wie bei Heines Jugendlyrik generell - um ein "absichtlich falsches" Volkslied handeln könnte, wie Theodor W. Adorno behauptete, um ein durch und durch künstliches Produkt, dessen Gefühlsüberschwang vielfach gebrochen ist, von solcher Einsicht blieb diese Erfolgsgeschichte unberührt. Und so breitete sich der Heine des "Loreley"-Lieds aus; in spätromantisch-bürgerlicher Salongeselligkeit, in Burschenschaften und Männergesangsvereinen und schließlich in der Rheintouristik des 19. Jahrhunderts. Hier wandelte sich die Loreley mit der Reichsgründung und der Umdeutung des Rheins zur Reichsgrenze von der romantischen Allegorie zur Symbolfigur des deutschen Nationalismus. Aus der erotisch attraktiven Jungfrau war eine kraftstrotzende, kriegerische Germania geworden.

Da passte es schlecht, dass Heine, ihr Schöpfer, als ein mit dem deutschen "Erbfeind" Frankreich poussierender jüdischer Vaterlandsverräter in Verruf stand. Und da man auf die Loreley als deutschnationale Symbolfigur nicht verzichten wollte, unterschlug man einfach ihre Herkunft. "Verfasser unbekannt", stand von nun an unter Silchers Lied. So konnte es fester Bestandteil der Liedersammlungen, Kommersbücher, Postkartenmotive und Klavieralben bleiben, von der wilhelminischen Zeit bis hinein ins "Dritte Reich", ja, teilweise bis heute. Karl Kraus' Sentenz, die den Namen Heines an Silchers Loreley-Lied bindet, wurde schon bald durch die politische Entwicklung obsolet. So kommt es, dass Heines "Loreley" - jenseits aller romantischen Ironie ihres Verfassers - aus politischen Gründen zum Volkslied wurde.


Fußnoten

4.
Hermann Hüffer nach Mitteilungen von Andreas Pütz, 1875.