APUZ Dossier Bild

13.1.2006 | Von:
Edda Ziegler

Dichterliebe und Denkmalstreit

Ein Denkmal für Heine

Zum Politikum entwickelte sich insbesondere auch das Projekt eines Heine-Denkmals für Düsseldorf. Dabei hatte die Sache ganz unpolitisch begonnen, als Initiative einer prominenten Verehrerin, der österreichischen Kaiserin Elisabeth, genannt Sisi. Sie dilettierte selbst mit Gedichten in seiner Manier. Ihr Heine-Verständnis stand ganz in der liberal-poetischen, identifikatorischen Rezeptionstradition.

1887, im Vorfeld des hundertsten Geburtstags Heines, machte Sisi Düsseldorf ein großzügiges Angebot. Sie wollte Heines Vaterstadt ein nach ihren eigenen Vorstellungen gestaltetes Denkmal des Dichters schenken, das sie bei dem Bildhauer Ernst Herter in Auftrag gegeben hatte: einen Brunnen mit einer Loreleyfigur von germaniahaften Maßen. Die Idee ist im Zusammenhang mit den Schillerfeiern von 1859 zu sehen, die zur nationalen Identitätsstiftung der Deutschen erheblich beigetragen hatten. Mit einem Heine-Denkmal hätte das Gegenbild zum deutschen Nationalheros Schiller etabliert werden können: Heine, der Weltbürger.

Doch Sisis Angebot traf bei den Verantwortlichen in Düsseldorf und bis hinauf in die Reichsregierung auf wenig Gegenliebe. Weder Düsseldorf noch eine andere deutsche Stadt wollten Sisis Denkmal haben. Um es überhaupt seinem Zweck zuzuführen, ging es schließlich ins Exil - wie einst Heine selbst. 1899 fand es in der New Yorker Bronx eine dauerhafte Bleibe, in dem Stadtteil, der später, während der NS-Zeit, jüdischen Emigranten aus Deutschland zum Zufluchtsort werden sollte.

Die großzügige Spenderin zog sich nach diesem missglückten kulturpolitischen Impromptu wieder ganz ins Private zurück. Sie ließ sich 1891 vom niederländischen Bildhauer Louis Hasselriis für ihren Landsitz auf Korfu ein eigenes Heine-Denkmal gestalten. Es war das erste, das überhaupt verwirklicht wurde. Die unterlebensgroße Sitzfigur eines in sich versunkenen, an sich und der Welt leidenden jungen Mannes wurde auf einer Anhöhe mit Blick übers Meer aufgestellt - ein völlig unpolitisches Heine-Bild, in einem völlig unheineschen hellenischen Ambiente, expatriiert wie kurze Zeit später auch das Hertersche Denkmal. Als Kaiser Wilhelm II. 1908, zehn Jahre nach Sisis Tod, deren Besitz in Korfu übernahm, wollte er ein Heine-Denkmal dort nicht länger dulden, widersprach es doch den nationalen Ideen und dem Kunstverständnis des Karl-May- und Ganghofer-Fans.

So gelangte Sisis Privatdenkmal schließlich in den Besitz des Enkels von Heines Verleger Campe. Er bot es - wie seinerzeit die Kaiserin der Stadt Düsseldorf - nun dem Hamburger Senat zur Aufstellung an. Doch auch dort war man an einem Heine-Denkmal nicht interessiert und wies das Angebot mit einem fadenscheinigen, sehr hanseatischen Argument zurück: Die Stadt habe es, wenn sie denn ein Denkmal wolle, nicht nötig, ein "gebrauchtes" aus zweiter Hand zu erwerben. So landete die Figur des leidenden Heine schließlich im Hof eines Hamburger Kontorhauses, durch einen Holzverschlag geschützt vor den Übergriffen heimischer Gegner. Damit war nun, da der Meinungskampf um das Heine-Denkmal immer weiter eskalierte, offenbar zu rechnen.

Doch auch dieses Nebenprodukt der Düsseldorfer Denkmalsidee fand innerhalb Deutschlands keine endgültige Bleibe. Schließlich ging Hasselriis' Heine-Figur 1932, eben noch rechtzeitig vor der nationalsozialistischen Machtübernahme, wieder ins Exil - diesmal nach Frankreich, wie einst ihr lebendes Vorbild. Allerdings führte der Weg nicht nach Paris, sondern in die Provinz, nach Toulon - ein Abstieg, der als symbolisch zu verstehen ist für die abwertende Tendenz der Heine-Rezeption in Zeiten eines extremen Nationalismus.

Der Streit um das Düsseldorfer Denkmalsprojekt hatte sich mittlerweile neu entzündet. Den Anlass bot wiederum ein Gedenktag, Heines 50. Todestag 1906. Auf den Plan trat eine neue Gruppe von Verehrern: die intellektuelle und künstlerische Opposition des Kaiserreichs, angeführt von dem Starpublizisten Alfred Kerr, unterstützt von fortschrittlich denkenden und öffentlich agierenden Künstlerinnen und Künstlern wie Max Liebermann, Ernst Haeckel und Max Klinger, Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Richard Dehmel und Engelbert Humperdinck, Käthe Kollwitz und Else Lasker-Schüler, den Frauenrechtlerinnen Hedwig Dohm und Lily Braun sowie sozialdemokratischen Kreisen. Ihre Intention war es, ein Denkmal des "ganzen Heine" zu verwirklichen, das den berühmten Lyriker ebenso meinte wie den regimekritischen Publizisten, den politischen Denker von europäischem Rang ebenso wie den jüdischen Emigranten. Das intendierte Denkmal des Weltbürgers sollte nicht mehr lokalpatriotisch gebunden sein. Jede deutsche Stadt konnte sich um den Standort bewerben. Als Favorit galt Hamburg, das Heine in seiner deutschen Zeit - als sein Familien- und Verlagssitz - noch am ehesten ein fester Bezugspunkt gewesen war. Doch auch diese neue Gruppe von Heine-Verehrern distanzierte sich von dem in Hamburg deponierten Hasselriis'schen Denkmal. Es sei - so Kerr - zu "zuckrig, rührselig. Betrübt, betropft, betränt", und es entspreche nicht seiner Idee vom Weltbürger Heine.

Das neue Denkmalsprojekt entfachte noch einmal den Streit zwischen den alten Lagern, jetzt zwischen den liberalen Befürwortern von Kerrs transnationaler Intention und deren Gegnern aus den Reihen der Deutschnationalen. Repräsentativ für letztere ist der vom Heine-Verehrer zum -Fresser gewandelte Weimarer Lehrer Adolf Bartels, der es später als literaturgeschichtlicher Chefideologe des Nationalsozialismus zu trauriger Berühmtheit brachte.

Und wieder blieb der Streit ohne Ergebnis. Zwar wurde auch diesmal ein Heine-Denkmal in Auftrag gegeben, jedoch nicht, wie von den Liberalen auf Seiten Kerrs gewünscht, bei dem Symbolisten Max Klinger, der dafür durch sein Wiener Beethoven-Denkmal bestens ausgewiesen gewesen wäre, sondern bei dem Kompromisskandidaten Hugo Lederer. Dessen Legitimation wies eher ins Deutschnationale, war er doch als Schöpfer des Hamburger Bismarck-Denkmals zu Ehren gekommen. Lederers Denkmal zeigte den jungen Heine, lebensgroß, in zugleich kontemplativer und auch selbstbewusster Haltung - so, wie er 1831 Deutschland verließ. Die Figur kam damit Kerrs Idee vom "ganzen Heine" sehr nahe. Fertig wurde das Denkmal erst 1912, sechs Jahre nach dem Jubiläum. Die Stadt Hamburg hatte es mit der öffentlichen Aufstellung nicht eilig. Man zögerte sie durch eine offenbar schon seinerzeit in politisch brisanten Fällen beliebte Standortdiskussion bis 1926 hinaus. Schon sieben Jahre später, im Jahr der NS-Machtübernahme, wurde die Bronzestatue - aus rassischen Gründen - entfernt und 1943 eingeschmolzen. So verwandelte sich das Bildnis Heines als "sinnender Europäer" in Waffen für den Zweiten Weltkrieg.

In der Zwischenzeit hatten es immerhin zwei weitere deutsche Städte zu einem Heine-Denkmal gebracht; Halle an der Saale und Frankfurt am Main - nicht aber Düsseldorf. Dort erledigten sich die anhaltenden Diskussionen um das Projekt mit der nationalsozialistischen Machtübernahme - zumindest für die nächsten zwanzig Jahre. Sogar die Gedenktafel an Heines Geburtshaus wurde 1940 abmontiert und landete in der Metallsammlung. Die Zwischenbilanz, die Kurt Tucholsky schon 1929, nach mehr als 40 Jahren der ergebnis- und würdelosen Auseinandersetzung um ein Denkmal für Düsseldorf, gezogen hatte, galt mehr denn je: "Die Zahl der deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie die Macht zum Geist."