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28.12.2005 | Von:
Jürgen Leibold
Steffen Kühnel
Wilhelm Heitmeyer

Abschottung von Muslimen durch generalisierte Islamkritik?

Empirische Ergebnisse zur Verbreitung von "Islamophobie" in Deutschland

Wie verbreitet sind die generalisierten Abwertungen, Unterstellungen und Distanzierungen in der Mehrheitsbevölkerung? Eine Antwort darauf ermöglichen die repräsentativen Bevölkerungsbefragungen im Rahmendes Langzeitprojektes "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" (GMF), in denen auch das erhoben wird, was wir als "Islamophobie"[3] bezeichnen.[4]

Längere Zeitreihen, welche die Entwicklung der Islamophobie aufzeigen können, gibt es allerdings bislang noch nicht. Da wir in unseren GMF-Studien erst in der zweiten Umfrage 2003 ein fundierteres Instrument zur Messung von Islamophobie entwickeln konnten, beschränkt sich der folgende Zeitvergleich auf die Entwicklung von 2003 bis 2005. Bei den beiden Fragen zur generellen Ablehnung von Muslimen (vgl. Tabelle 1 der PDF-Version) in Deutschland zeigen sich dabei nur sehr geringe Veränderungen. Stimmten 2003 knapp 27 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte, sank dieser Wert 2005 auf gut 24 Prozent. Umgekehrt stieg der Anteil derjenigen, die sich durch Muslime wie Fremde im eigenen Land fühlen, von 31 Prozent in der Befragung 2003 auf knapp 34 Prozent in 2005.[5]

Während das Ausmaß der generellen Ablehnung von Muslimen in den letzten drei Jahren weitgehend stabil blieb, gab es deutliche Veränderungen bei den Antworten auf zwei andere Fragen, die wir zur Erfassung der kulturellen Abwertung des Islam formuliert haben. Lehnten 2003 knapp 37 Prozent der Befragten die Meinung ab, dass der Islam eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht habe, waren 2005 bereits knapp 50 Prozent dieser Ansicht. Der schon 2003 sehr hohe Anteil von knapp 66 Prozent der Befragten, welche die Aussage ablehnten, dass die muslimische Kultur in unsere westliche Welt passe, stieg 2005 bis auf gut 74 Prozent an. Islamischen Kulturen scheinen deutsche Befragte also mit steigender Tendenz eher skeptisch gegenüberzustehen.

Die Distanz in der Bevölkerung zu Muslimen und muslimischen Kulturen zeigt sich auch darin, dass nur selten eine differenzierte Sicht auf den Islam vorzufinden ist.[6] In unserer Umfrage 2005 stimmte eine große Mehrheit von 72 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass die Glaubensrichtungen des Islams sehr ähnlich seien (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version). Noch größer ist mit 81 Prozent der Anteil derjenigen, welche die Ansicht teilen, dass die verschiedenen Glaubensrichtungen kaum zu unterscheiden seien. Diese geringe Differenzierungskompetenz gegenüber den islamischen Glaubensrichtungen korrespondiert mit der Ansicht, dass Muslime kaum Distanz zu islamistischen Terroristen aufweisen. So stimmen 60 Prozent unserer Befragten der GMF-Umfrage 2005 der Aussage zu, dass islamistische Terroristen einen starken Rückhalt bei den Muslimen finden. Und 64 Prozent der Befragten teilen die Ansicht, dass islamistische Terroristen von vielen Muslimen als Helden verehrt werden.

Die Fremdheit der Befragten gegenüber dem Islam drückt sich schließlich auch in der Vermutung aus, dass Muslime in Deutschland ihrerseits den Kontakt zu Deutschen meiden. 80 Prozent der Befragten unserer Umfrage stimmten 2005 der Ansicht zu, wonach Muslime in Deutschland lieber unter sich bleiben wollen; und zwei Drittel gehen offenbar von einer Realisierung dieser Haltung aus, wenn sie der Aussage zustimmen, dass die Mehrheit der Muslime große Distanz zur restlichen Bevölkerung hält.

Weiterhin gibt es auch empirische Hinweise darauf, dass große Teile der Mehrheitsbevölkerung zu Muslimen deutliche Distanz halten. In unseren GMF-Umfragen haben wir die Aussage bewerten lassen, ob man Probleme damit habe, in eine Gegend zu ziehen, in der viele Muslime wohnen. Von 2002 bis 2004 stieg der Anteil derjenigen, die dieser Aussage zustimmten, von 47 über 51 auf 58 Prozent an. Erst in der letzten Umfrage 2005 sank der Anteil wieder auf den Ausgangswert von 47 Prozent. Unabhängig davon, ob zukünftig mit keinen Veränderungen, mit einem weiteren Rückgang oder einem neuerlichen Anstieg der Zahlen zu rechnen ist, lässt sich konstatieren, dass es zurzeit in der deutschen Bevölkerung große Vorbehalte gibt, in der Nähe von Muslimen zu wohnen.[7]

Es ist zu vermuten, dass sich die Vorbehalte, in Gegenden mit hohen Anteilen von Muslimen zu ziehen, zu einem guten Teil auf islamophobe Einstellungen zurückführen lassen. Unsere Analysen der GMF-Umfrage 2005 zeigen nämlich, dass Befragte, die den oben vorgestellten Fragen nach der generellen Ablehnung von Muslimen und der offenen Islamfeindlichkeit zustimmen, es tendenziell eher ablehnen, in Gegenden mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil zu ziehen, als Befragte, die diesen Fragen nicht zustimmen.


Fußnoten

3.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, in: ders. (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 1, Frankfurt/M. 2002, S. 15 - 34; Jürgen Leibold/Steffen Kühnel: Islamphobie. Sensible Aufmerksamkeit für spannungsreiche Weichen, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 2, Frankfurt/M. 2003, S. 100 - 119.
4.
Der Begriff "Islamophobie" fand erstmals 1997 durch einen Bericht der gemeinnützigen britischen Stiftung Runnymed Trust Eingang in die wissenschaftliche Diskussion.
5.
Für die Erstellung von Tabelle 1 haben wir die Antwortvorgaben so zusammengefasst, dass die aufgeführten Prozentwerte für Antworten stehen, die mit islamophoben Haltungen korrespondieren.
6.
Eine detailliertere Analyse zur Bedeutung einer fehlenden Differenzierung gegenüber Muslimen und ihren Glaubensrichtungen findet sich in J. Leibold/S.Kühnel, Islamophobie. Differenzierung tut Not, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 4, Frankfurt/M. 2006, S. 135 - 155.
7.
Die Vorbehalte, in eine Gegend mit einem hohen Anteil von Muslimen zu ziehen, dürften allerdings zum Teil auch daran liegen, dass Befragte unterstellen, Muslime in Deutschland lebten eher in Gebieten, die eine geringere Infrastruktur und einen Wohnungsbestand mit einer schlechteren Ausstattung aufweisen.