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28.12.2005 | Von:
Andrea Janßen
Ayça Polat

Soziale Netzwerke türkischer Migrantinnen und Migranten

Fazit: Türkische Parallelgesellschaft?

Bezug nehmend auf unsere zu Beginn des Beitrages formulierte Fragestellung lässt sich das gängige, in den Medien reproduzierte Bild von türkischen Clans mit großen, weitläufigen sozialen Netzwerken, die räumlich, sozial und kulturell abgeschottet sind, durch unsere Forschungsergebnisse nicht bestätigen. Der in den Medien kursierende Begriff der Parallelgesellschaft taucht zwar gelegentlich auch in soziologischen Kontexten auf,[10] eine systematische Auseinandersetzung hat bislang aber nicht stattgefunden.[11] Nimmt man die von Raymond Breton formulierte "institutionelle Vollständigkeit"[12] von ethnischen Gemeinschaften als Kriterium für eine Parallelgesellschaft und überprüft dieses anhand der dargestellten Lebenssituation der befragten Migrantinnen und Migranten, so gibt es nur wenige Überschneidungspunkte: Trotz einer relativ starken ethnischen Homogenität der Netzwerke sind die hier beschriebenen türkischen Lebenswelten nicht völlig von deutschen Lebenswelten abgetrennt. Die beschränkte Leistungsfähigkeit, das geringe soziale und kulturelle Kapital und die kleine Größe der Netze verhindern zudem eine institutionelle Unabhängigkeit. Selbst wenn man wie Thomas Meyer nach "unvollständigen",[13] das heißt institutionell unselbständigen ethnischen Gemeinschaften Ausschau hält, scheint das ökonomische Potenzial der türkischen Migranten nicht ausreichend zu sein, um eine eigenständige Ökonomie aufzubauen: So lag die Selbständigenquote bei den türkischen Erwerbstätigen 2003 bei 6,1 Prozent und damit deutlich sowohl unter der Selbständigenquote der Deutschen (10,5 Prozent) als auch unter jener der italienischen (13,1 Prozent) und griechischen Erwerbstätigen (14,8 Prozent). Auch das Nettoeinkommen von türkischen Selbständigen lag mit einem Median von etwa 1 400 Euro unter den Durchschnittswerten von italienischen und griechischen (jeweils 1 600 Euro) und deutschen (1 850 Euro) Selbständigen.[14]

Auf der räumlichen Ebene von Stadtvierteln ist eine solche Unabhängigkeit ebenfalls nicht zu erwarten: Die ethnisch segregierten Stadtviertel können fehlende Ressourcen der sozialen Netze nur zum Teil ausgleichen. Zwar bieten segregierte Quartiere meist mehr Gelegenheiten für Jobs in der ethnischen Ökonomie; ausschlaggebender für eine erfolgreiche Integration ist aber neben einer generellen - das heißt nicht zwingend ethnischen - funktionalen Mischung die soziale Mischung im Quartier. Die Migrantinnen und Migranten im sozial gemischten Altbauquartier verfügten insgesamt über ein höheres soziales Kapital, von dem sie bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche profitieren konnten. Dieses Kapital zeigt sich weniger in engen Netzwerkverbindungen als in weitläufigen und relativ oberflächlichen Bekanntschaften - ein Phänomen, das Mark Granovetter als "strength of weak ties" tituliert hat.[15]

Eine soziale und eine funktionale Mischung sind in ethnisch segregierten Quartieren nicht selbstverständlich; hierfür spielen Lage, Architektur, Bausubstanz und Geschichte des jeweiligen Quartiers eine wesentliche Rolle. Vor allem aber zeigen die Ergebnisse, dass die ethnische Gemeinschaft nicht solche Strukturen aufweist und Ausmaße annimmt, dass ein völliger Rückzug für türkische Migranten eine Option wäre. Wenn überhaupt, so findet ein Rückzug in die Kleinfamilie statt. Bezogen auf dieses Ergebnis, wäre sogar die Schlussfolgerung nahe liegend, die türkischen Migranten verfügten über zu geringe Community-Strukturen, da ein höherer Grad an eigenständiger Ökonomie etwa eine sozioökonomische Verbesserung zur Folge haben sollte.

Die ethnische Segregation hat sich in unserer Studie als wenig bedeutend herausgestellt. Demgegenüber können die ethnische Homogenität der sozialen Netzwerke, die von einigen der Befragten geäußerte kulturell begründete Distanz zu Deutschen und vor allem das transnationale Heiratsverhalten als Hinweise auf eine Isolierung türkischer Netzwerke interpretiert werden. Während sich die ethnisch homogenen Netzwerke als ressourcenreicher herausstellen als ethnisch heterogene, erschwert das Heiratsverhalten nicht nur die Integration der Migranten in den Arbeitsmarkt, sondern kann auch Einfluss auf die Deutschkenntnisse ihrer Kinder haben. Ob dieser Befund ausreicht, um eine Parallelgesellschaft auszurufen, erscheint fragwürdig. Er verweist allerdings auf ein verschärftes, dauerhaftes Ausgrenzungsrisiko der Migranten und ihrer Nachfolgegenerationen in unserer Gesellschaft und hier vor allem im Bildungsbereich und auf dem Arbeitsmarkt.

Neben einer Verbesserung der Bildungschancen von Einwandererkindern ist jedoch nicht zuletzt der politisch-mediale Diskurs über ethnische Minderheiten im Zusammenhang mit deren gesellschaftlicher Akzeptanz von Bedeutung. Wie in der eingangs beschriebenen Alltagsdefinition` deutlich wird, bezieht sich der Begriff der Parallelgesellschaft auf eine spezifische Gruppe: die der türkischen/muslimischen Minderheit. Wendet man die Kriterien der räumlichen, kulturellen und sozialen Abschottung aber auf alle in Frage kommenden Gruppen an, zeigt sich, dass es in der Gesellschaft durchaus auch andere Gruppen gibt, die das Etikett Parallelgesellschaft` tragen könnten. Josef Eckert und Mechthilde Kißler beschreiben beispielsweise eine weitgehende Isolierung der linksalternativen Szene im Kölner Stadtviertel Ehrenfeld.[16] Für Georg Simmel, der sich auf städtischer Ebene mit dem Zusammenleben unter den Bedingungen von hoher Dichte und Heterogenität auf geringem Raum beschäftigt hat, stellt ein tolerantes, aber auch gleichgültiges Nebeneinander eine Voraussetzung für den Umgang mit der Heterogenität in den Städten dar.[17] Dies kann auch als Argument für kulturelle Vielfalt gelten, die sich aufgrund eines bestimmten städtischen Klimas entfalten kann und die zu geringen Überschneidungspunkten zwischen den jeweiligen Gruppen führt. Ein gleichgültiges Nebeneinander trifft nicht nur auf ethnische, sondern auf viele soziale Gruppen zu; es kennzeichnet moderne städtische Gesellschaften. In diesem Sinne könnten verschiedene kulturelle Milieus verschiedene Parallelgesellschaften bilden, womit die unterschwellige Bedrohlichkeit des Begriffs abhanden kommt.

Findet jedoch, wie im derzeitigen politisch-medialen Diskurs, der Begriff Parallelgesellschaften nur auf türkische oder muslimische Minderheiten Anwendung, erhält er auf der symbolischen Ebene eine ausgrenzende Bedeutung. Dass mit kultureller und religiöser Vielfalt auch ganz anders umgegangen werden kann, zeigt das Beispiel der kanadischen Stadt Toronto, die zu den ethnisch heterogensten Städten der Welt gehört. Die wachsende kulturelle Vielfalt wird durch die offizielle kanadische Politik der Einheit-in-Verschiedenheit (unity-within-diversity), die auf der Grundlage einer gemeinsamen Verfassung und gemeinsamer Gesetze auf das Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit und gegenseitiger Toleranz abzielt, gefördert.[18] Zudem steht die Mehrheit der kanadischen Bevölkerung (83 Prozent) der wachsenden Multikulturalität in der Gesellschaft positiv gegenüber.[19] Auf Seiten der Einwanderer zeigen die hohen Einbürgerungszahlen und das hohe Zugehörigkeitsgefühl zur Aufnahmegesellschaft (79 Prozent), dass eine tolerante Einwanderungspolitik, die Einwanderer nicht unter einen Assimilationsdruck setzt bzw. ethnisch segregierte Quartiere nicht mit dem Bild des Bedrohlichen assoziiert, sich positiv auf die Hinwendung von Einwandern zur Aufnahmegesellschaft auswirken kann.[20]


Fußnoten

10.
Vgl. z.B. Wilhelm Heitmeyer, Versagt die "Integrationsmaschine" Stadt? Zum Problem der ethnisch-kulturellen Segregation und ihrer Konfliktfolgen, in: Wilhelm Heitmeyer/Rainer Dollase/Otto Backes (Hrsg.), Die Krise der Städte. Analysen zu den Folgen desintegrativer Stadtentwicklung für das ethnisch-kulturelle Zusammenleben, Frankfurt/M. 1998, S. 443 - 467.
11.
Norbert Gestring, Parallelgesellschaften - ein Kommentar, in: Jahrbuch StadtRegion 2004/2005, Wiesbaden 2005, 163 - 169.
12.
Raymond Breton, Institutional Completeness of Ethnic Communities and the Personal Relations of Immigrants, in: AJS, 70 (1964), S. 193 - 205. Unter "institutioneller Vollständigkeit" versteht Breton eine in sich geschlossene Gesellschaft, die ihr Leben weitgehend selbständig organisiert hat, d.h. die räumlich, sozial, ökonomisch, kulturell und institutionell unabhängig ist und keinerlei Beziehungen zur Mehrheitsgesellschaft unterhält.
13.
Vgl. T. Meyer (Anm. 1), S. 211.
14.
Vgl. Mikrozensus 2003, faktisch anonymisierte 70 %-Substichprobe, eigene Berechnungen. Der Median teilt die Stichprobe in zwei Hälften, so dass 50 % unter und 50 % über dem Wert des Medians liegen.
15.
Vgl. Mark Granovetter, The Strength of Weak Ties, in: AJS, 78 (1973), 6, S. 1260 - 1380.
16.
Vgl. Josef Eckert/Mechthilde Kißler, Südstadt, wat es dat? Kulturelle und ethnische Pluralitäten in modernen urbanen Gesellschaften am Beispiel eines innerstädtischen Wohngebietes in Köln, Köln 1997.
17.
Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, in: ders., Das Individuum und die Freiheit, Frankfurt/M. 1993, S. 192 - 204.
18.
Vgl. Rainer Geißler, Multikulturalismus in Kanada - Modell für Deutschland?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2003) 26, S. 19 - 25.
19.
Minister of Public Works and Government Services Canada, Annual Report on the Operation of The Canadian Multiculturalism Act 2003-2004, in: www. multiculturalism.pch.gc.ca (18.6. 2005).
20.
Vgl. ebd.