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29.11.2007 | Von:
Carsten L. Wilke

Die Einbürgerung der jüdischen Religion in Europa

Napoleon und der Große Sanhedrin

Nachdem 1795 die Trennung von Religion und Staat in Frankreich eingeführt wurde, verlieh erst die restaurative Politik Napoleons der Religion eine neue politische Wertschätzung als "soziales Bindemittel". Staatstreue Glaubensgemeinschaften erschienen als die beste Gewähr jener religion civile, der "bürgerlichen Religion", die im Denken von Jean-Jacques Rousseau den gesellschaftlichen Konsens verbürgt. Seit dem napoleonischen Konkordat mit dem Heiligen Stuhl 1801 zahlte der Staat wieder die Gehälter der Geistlichen, die dafür den Monarchen zu verherrlichen und Regimegegnern mit der ewigen Verdammnis zu drohen hatten.

Der Unterschied der neuen von der alten Kirchenpolitik bestand darin, dass sie keine Staatskirche mehr kannte. Gleich im Anschluss an das Konkordat regelte das Empire auch die Ordnung und Finanzierung des protestantischen Kultus. Allein die Religion, die jüdische, ging leer aus. Juden, so schrieb Napoleons Minister Jean-Étienne-Marie Portalis, seien ja gar keine Kirche, sondern ein Volk, das es "als eines seiner größten Vorzüge erachtet, nur Gott zu seinem Gesetzgeber zu haben". Jüdische Gemeindevertreter und Rabbiner beklagten, dass der Staat ihre Institutionen damit dem Zerfall überlasse. Im Januar 1806 legten jüdische Vertreter aus Paris einen Organisationsplan vor, der für Synagogen, das Rabbinat und für theologische Seminare denselben staatlichen Schutz vorsah, wie ihn die Kirchen nach dem Konkordat genossen. Diese Pläne trafen sich auf dem Schreibtisch des Kaisers mit Denkschriften anderer Art. Sie kamen aus dem Elsass, wo man die Verschuldung der Bauern nicht der Kriegsnot und Abgabenlast, sondern den Kreditgeschäften der Juden anlastete. Das Drängen der Elsässer setzte bei Napoleon leidenschaftliche Ausbrüche frei, in denen er die Juden mit Heuschrecken und Blutsaugern verglich.[3] Sie bildeten in seiner Sicht einen "Staat im Staat" - ein Schreckbild analog zur heutigen "Parallelgesellschaft".

Zinswucher und jüdische Kultusorganisation hatten per se ungefähr so viel miteinander zu tun wie heute die innere Sicherheit mit der Schaffung einer islamischen Dachverbands. Napoleon aber beschloss, beide Themen konsequent zu amalgamieren. Seine beiden Dekrete, die er am 30. Mai 1806 und am 17. März 1808 über die politische Reform des Judentums verabschiedete (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version), enthalten daher zwei ganz widersprüchliche Teile. Auf der einen Seite entsprach der Kaiser den Forderungen der Judenfeinde, setzte sich über die Ansichten seiner rechtlich denkenden Staatsratsmitglieder hinweg und verfügte Ausnahmebeschränkungen gegen den Kredithandel der Juden - eine Maßnahme, die deren Gleichberechtigung de facto rückgängig machte. Im selben Dekret beschloss er, diesmal gegen den Widerstand der katholisch-reaktionären Partei, den Juden eine präzedenzlose staatliche Hilfe bei der Einrichtung ihrer inneren religiösen Autorität zu geben. Dieses ambivalente Ergebnis ist im jüdischen Gedächtnis zugleich als "infames Dekret" und als Beginn einer neuen Ära der Befreiung bewahrt worden.

Für Napoleon bestand darin kein Widerspruch. Beides, die zeitweilige Beschränkung der jüdischen Rechte und die zentrale Organisation, sah er im Dienst eines Ordnungs- und Erziehungsprogramms, das er mit dem Schlagwort der "Wiederherstellung" (régénération) des Judentums benannte. Der Begriff - eine Übersetzung der "bürgerlichen Verbesserung der Juden" des preußischen Beamten Christian Wilhelm Dohm - war doppeldeutig, da die "Verbesserung" sowohl im Staatsrecht als auch in der jüdischen Kultur und Moral ansetzen sollte. Seiner Strategie des kontrollierten Kulturwandels widmete Napoleon erstaunlich viel Aufmerksamkeit, selbst während der kriegerischen Jahre 1806 und 1807. Weder die Feinde noch die Verteidiger der Juden, sondern die Juden selbst wollte er darüber befragen, wie es sein Kanzler Étienne-Denis Pasquier ausdrückte, "ob ihre Religion es ihnen wirklich erlaube, den Rang des Bürgers in einem Land einzunehmen, wo man ihnen solches einräumen will, und ob diese Religion nicht etwa Vorschriften beinhalte, die ihre völlige Unterwerfung unter die Gesetze nicht verhindere oder zumindest sehr erschwere".[4] Dass in diesem Fall ihre Rechte, ja ihre Duldung im Staat in Frage stünden, verstand sich von selbst.

Eine Versammlung "aufgeklärter" jüdischer Notabeln (Würdenträger) aus dem gesamten Empire sollte dem Judentum ein neues Format und den Erziehungsgesetzen des Monarchen den Anschein einer freien Zustimmung geben. Bei der am 26. Juli 1806 in Paris eröffneten Zusammenkunft waren 111 Mitglieder anwesend. Nur 16 von ihnen gehörten dem Rabbinat an; die modernistische Richtung, vertreten vor allem von den portugiesischen Juden, hatte eine klare Mehrheit. Napoleons Regierung befragte die Notabeln zu zwölf Verdachtsmomenten gegen die Integrationsfähigkeit der Juden: Hielten diese nicht an einer separaten göttlichen Rechtsordnung fest, mit besonderem Eherecht und eigener Gerichtsbarkeit? Betrachteten sie nicht Zion als ihr eigentliches Vaterland? Hielten nicht religiöse Vorschriften sie vom brüderlichen Umgang und insbesondere der Ehe mit Franzosen ab? Waren nicht Wucher und Übervorteilung der Nichtjuden talmudisch gestattet? Die Notabeln gaben zwar die suggerierten patriotischen Erklärungen ab, doch ging ihre Haltung nicht bis zur Unterwürfigkeit. Auf diplomatische Weise widerstanden sie dem kaiserlichen Wunsch, sich Mischehen als Weg zur Integration vorschreiben zu lassen. Die polemische Gegenüberstellung von "Juden" und "Franzosen" in den Fragen korrigierten sie, indem sie in ihren Antworten durchweg von jüdischen und christlichen Franzosen sprachen.

Napoleon war sich dessen bewusst, dass die aufgeklärten jüdischen Notabeln keinen Anspruch auf religiöse Autorität erheben konnten. Er unternahm im August eine spektakuläre Maßnahme, als er befahl, den höchsten Gerichtshof der antiken Juden, den Großen Sanhedrin wieder einzuberufen, um das Loyalitätsbekenntnis der Notabeln zu prüfen. Der Sanhedrin wurde im Februar 1807 traditionsgemäß mit 71 Mitgliedern besetzt, von denen die Mehrheit, nämlich 45, Rabbiner waren. Kaum zur Hälfte bestand er aus Abgesandten ursprünglich französischer Regionen, während allein 18 Abgeordnete aus dem annektierten Norditalien stammten und elf aus den Départements, in die das linksrheinische Deutschland aufgeteilt worden war.

Die Vielsprachigkeit der Versammlung unterstrich den historischen Charakter des Gründungsaktes, der seine europaweite Ausstrahlung auf dreierlei Ebenen entfaltete: in symbolischer durch seine sorgfältig inszenierte Ästhetik, in ideologischer durch die am 8. März 1807 verabschiedeten "Lehrbeschlüsse" und in struktureller durch die organisationstechnischen Ergebnisse des Folgejahres. Der bloße Name war bedeutungsschwer. Napoleons Sanhedrin fügt sich in eine Reihe von Versuchen zur Wiederbelebung dieser antiken Institution ein - der bisher letzte vollzieht sich in unseren Jahren in Israel - und musste die Einbildungskraft jedes talmudisch gebildeten Juden herausfordern. Wie erwähnt kam der Gedanke zu diesem Projekt von einem deutschen Juden: Einen Monat vor Napoleons Sanhedrin-Befehl hatte sich der erwähnte Israel Jacobson aus Braunschweig in einem offenen Brief an den Kaiser gewandt und ihm ein Programm unterbreitet, das den deutsch-jüdischen Aufklärern besonders nahe lag: ein Aufbau moderner religiöser Erziehungsinstitutionen. Es solle, so schreibt Jacobson in seinem Brief, "ein souveräner jüdischer Rat mit einem Patriarchen an der Spitze" Reformen der Religion und eine hierarchische Gliederung des Gemeindewesens durchführen.

Zur Idee, den Sanhedrin zu erneuern, hatte sich Jacobson freilich nicht verstiegen. Es gehört zur Ironie des Unterfangens, dass das Gedächtnis des Sanhedrin auch im Christentum stets wach gehalten und mit scharfen, feindseligen Zügen ausgestattet worden war, macht doch das Evangelium eben diesen Sanhedrin, den "Hohen Rat", für die Hinrichtung Jesu verantwortlich. In diesem Geiste hatte der katholische Reaktionär Louis de Bonald noch im Februar 1806 die Juden für politisch nicht integrierbar erklärt: Sollte man ihnen jemals Machtpositionen im Staat einräumen, so würde ihr Sanhedrin Robespierres Schreckensherrschaft an Grausamkeit übertreffen. "Welch eine Herausforderung an Napoleon!", kommentierte der französische Politologe Pierre Birnbaum, welch ein Zweifel an seiner Staatskunst.[5] Napoleon schuf den von den Katholiken so sehr gefürchteten Sanhedrin und ließ gerade ihn die religiöse Einbürgerung der Juden vornehmen.

Auf die symbolischen Details des Geschehens verwendete Napoleon persönliche Mühe. Ein Regiment hatte beim Eintritt der Abgeordneten Spalier zu stehen. Der Trommelwirbel, mit dem es vor den Rabbinern salutierte, hallte noch lange im europäisch-jüdischen Gedächtnis nach: Vertreter einer verachteten Religion glaubten in eine zur Zukunft verklärte Vergangenheit zu schreiten. Ihre feierliche Amtstracht schloss erstmals das weiße Beffchen ein, das Generationen moderner Rabbiner übernehmen sollten. Beinahe unheimlich mutete der "geistliche Hut" an, der dem Vorsitzenden des Sanhedrin verordnet wurde: Der Straßburger Rabbiner Joseph David Sintzheim trug eine Fellmütze, deren seitlich hochgeklappte Spitzen an Hörner erinnern und offensichtlich der Mitra des jüdischen Patriarchen nachempfunden waren, die auf christlichen Sanhedrin-Darstellungen erscheint. Symbolisch war auch der Rahmen der Zusammenkunft: der klassizistische Saal des Rathauses. Die Delegierten des Sanhedrin verhandelten öffentlich, im Halbkreis wie einst im Tempel (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).

Fußnoten

3.
Vgl. ebd., S. 83 - 85.
4.
Lilly Marcou, Napoléon face aux juifs, Paris 2006, S. 57.
5.
Vgl. P. Birnbaum (Anm. 1), S. 100 - 101.