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29.11.2007 | Von:
Carsten L. Wilke

Die Einbürgerung der jüdischen Religion in Europa

Der Große Sanhedrin als europäisches Projekt

In diesen Wochen des Jahres 1807 wurde dem modernen europäischen Judentum eine Tradition erfunden, der die beiden Pariser Versammlungen auch den zentralen politischen Kampfbegriff lieferten. Anstelle des verachteten talmudischen "Juden" bezeichnete nun der ehrwürdige biblische "Israelit" den kulturell angepassten, patriotischen jüdischen Staatsbürger. Wie der Sanhedrin, so kam auch diese Anleihe am biblischen Altertum dem antikisierenden Empirestil entgegen. Durch die Protokolle des Sanhedrin in alle Winkel Europas getragen, hatte der "Israelit" einen durchschlagenden Erfolg bei Juden aller Weltteile und aller religiösen Richtungen. Eine ähnlich schwere Erschütterung war vonnöten, um ihn im 20. Jahrhundert wieder zu verdrängen.

Die "Lehrbeschlüsse" fußten auf den Antworten der Notabeln, fundamentierten sie aber mit religiösen Argumentationen. Die anfängliche Unterteilung zwischen politischen und religiösen Geboten des Judentums hatte Napoleon selbst den Rabbinern in die Feder diktiert;[6] sie selbst allerdings führten diesen Gedanken auf die talmudische Maxime Dina de-malchuta dina zurück, "Das Recht der Obrigkeit gilt als jüdisches Recht". Mit klugen Formulierungen gelang es Sintzheim, zugleich der Halacha (dem biblisch-talmudischen Gesetz) und dem Landesgesetz religiöse Treue auszudrücken. Seine von geradezu messianischem Schwung getragene Kompromissformel über die heikelsten theologisch-politischen Themen stellte sowohl Staatsreformer als auch Rabbiner zufrieden, darunter sogar den gesetzesstrengen Oberrabbiner Moses Sofer in Bratislava, den geistigen Vater der heutigen Ultraorthodoxie.

Napoleon wollte die gelungene Reform des Judentums durch ein künftiges jüdisches Kirchenregiment als eine Rabbinerhierarchie aus großen und kleinen "Sanhedrins" verewigen. Die Notabeln indes entwarfen eine Ordnung, die nach protestantischem Vorbild Rabbiner und Laien gemeinsame geistliche Gremien, Konsistorien, bilden lassen sollte. Der Entwurf ging mit wenigen Änderungen in das Dekret von 1808 ein, der erste Fall, in dem das Staatskirchenrecht die Organisation und Rechte der jüdischen Religionsgemeinschaft als Parallele zur christlichen entwarf. Der Kultus der Juden unterstand einem Zentralkonsistorium und 13 regionalen Konsistorien, von denen sechs in den annektierten deutschen und italienischen Gebieten lagen. Nach demselben Modell entstanden kurz darauf jüdische Konsistorialordnungen in vier Satellitenstaaten des Empire, in Italien, den Niederlanden, dem Königreich Westphalen und dem Großherzogtum Baden. Napoleon hatte gehofft, dass die Beschlüsse des Sanhedrin eine europaweite Reform der jüdischen Religion einleiten würden. Die Proklamation, welche die Notabeln im Oktober 1806 an die Juden ganz Europas richteten, lenkte tatsächlich große Aufmerksamkeit auf die Pariser Versammlungen. Deren Protokolle erschienen unverzüglich in französischer, hebräischer, englischer, deutscher, niederländischer und italienischer Ausgabe. Gemeindedelegationen aus Amsterdam und aus Frankfurt am Main machten dem Sanhedrin ihre Aufwartung; böhmische und ungarische Rabbiner bestärkten Sintzheim.

Wenngleich sich nur wenige, sehr konservative Rabbiner der neuen Erziehungsaufgabe entzogen, hatten doch die hohen Kosten der Konsistorien, in Westphalen auch einzelne liturgische Reformversuche, dem neuen Reglement manche Gegnerschaft eingetragen. Das napoleonische Konsistorialregime überlebte außer im französischen Kernland nur in Baden sowie in der preußischen Rheinprovinz, in der die neuen Berliner Machthaber die Konsistorien "im Interesse des Staats, und in dem der Veredlung und des moralischen Fortschreitens der Israeliten" bis 1847 bewahrten. Aussagekräftig für den Erfolg des jüdischen Staatskirchentums napoleonischer Prägung ist der Umstand, dass es noch während der 1830er Jahre in Belgien, Württemberg und Mecklenburg eingeführt wurde, zumeist mit dem Auftrag, Rabbinat, Kultus und Schule durchgreifend zu modernisieren.

Zu ihrer Vollendung kam die kirchenrechtliche Gleichstellung der jüdischen Religion erstmals im Jahr 1831 in Frankreich, das nun Rabbinern und Rabbinerseminar staatliche Finanzierung gewährte. Eine straff hierarchische Zentralisierung und ein ideologischer Konsens waren die Bedingungen für den Genuss dieser staatlichen Rechte. In den Niederlanden, in denen ein "Säulensystem" die Bildungs- und Sozialarbeit der verschiedenen Glaubensgemeinschaften fördert, einigten sich die jüdischen Gemeinden 1870 auf eine "Kirchengemeinschaft".

Das französische Judentum zeichnete sich mit den Worten von Jay Berkovitz durch eine "an Obsession grenzende Bestrebung nach Einheit" aus.[7] Frankreich stand in dieser Hinsicht in scharfem Kontrast mit den meisten anderen Staaten Europas. Preußen zum Beispiel erkannte zwar die Gemeinden als öffentlich-rechtliche Korporationen an, behandelte aber die Rabbiner als Angestellte nach privatem Recht. Dieses Defizit an öffentlicher Anerkennung für die jüdische Religion führte zu vielen Nachteilen: ihre Abwesenheit aus dem öffentlichen Leben, innere Konflikte um die Reformfrage sowie Schwierigkeiten bei der Versorgung ärmerer Gemeinden, der Gründung theologischer Ausbildungsstätten, der eigenständigen Verwaltung jüdischer Schulen und der Erteilung von Religionsunterricht an öffentlichen.

Legion sind daher die publizierten Wunschträume mitteleuropäischer Juden zu einer Zentralisierung ihrer religiösen Angelegenheiten nach französischer Art. Detailverliebte Pläne zu preußisch-jüdischen Konsistorialordnungen veröffentlichten Modernisten wie Leopold Zunz 1819 oder Ludwig Philippson 1842. Besonders zahlreich waren solche Pläne in Bayern; sie fanden ihre Verfasser unter den Staatsreformern und bei fortschrittlicheren Vertretern der Orthodoxie. Der pfälzische Reformrabbiner Elias Grünebaum plädierte 1843 sogar dafür, "ein Sanhedrin von wissenschaftlich gebildeten Rabbinern durch Einverständniß der deutschen Regierungen" einzuberufen und die Juden ganz Deutschlands in Konsistorialbezirke einzuteilen.[8] Den Vorschlag zu den deutschen Rabbinerversammlungen der Jahre 1844 bis 1846 machte der Gießener Rabbiner Benedikt Levi im Geiste des Sanhedrin, an dem sein Vater teilgenommen hatte. Bei der ersten dieser Versammlungen wollte Philippson die Sanhedrin-Beschlüsse als Diskussionsbasis anerkannt wissen. Er sah in ihnen den perfekten Ausgleich zwischen der Religionsfreiheit und dem legitimen Anspruch des Staates, der "von allen Religionsgesellschaften, die in seinem Schooße bestehen, Garantien haben muß, daß sie keine antisocialen Grundsätze und Tendenzen haben".[9]

Gegner der Einigungsoption gab es vor allem auf den Flügeln des religiösen Spektrums. Nach der liberalen Revolution in Österreich-Ungarn, als 1851 eine Notabelnversammlung der böhmischen Juden in Prag einberufen wurde, sprachen sich die meisten Delegierten scharf gegen die vorgeschlagene Kultusordnung aus, denn "die Judenschaft habe sich jahrtausendelang die Dezentralisierung gewahrt, daher seien sie entschieden gegen ein Zentralorgan, ein Ungeheuer, aus dessen Haut sich ein Wolf entpuppen und die Krallen zeigen könne, den religiösen Zwang, die schädliche Hierarchie".[10] Aus freier Entscheidung verzichteten sowohl die böhmischen als auch die ungarischen Juden auf eine übergemeindliche Instanz.

Fußnoten

6.
Vgl. René Gutman (Hrsg.), Le Document fondateur du judaïsme français. Les décisions doctrinales du Grand Sanhédrin 1806 - 1807, Straßburg 2000, S. 20 - 21.
7.
Jay R. Berkovitz, The Shaping of Jewish Identity in Nineteenth-Century France, Detroit 1989, S. 16.
8.
Elias Grünebaum, Zustände und Kämpfe der Juden, Mannheim 1843, S. 35.
9.
Vgl. Protocolle der ersten Rabbiner-Versammlung abgehalten zu Braunschweig, Braunschweig 1844, S. 19ff., zit. S. 94.
10.
Frantisek Roubík, Die Verhandlungen über die Regelung der jüdischen Kultus- und Schulverhältnisse in Böhmen im Jahre 1850, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Cechoslowakischen Republik, 7 (1935), S. 349.