APUZ Dossier Bild

29.11.2007 | Von:
Elke-Vera Kotowski

Der Fall Dreyfus und die Folgen

Der Fall Dreyfus

Beim Entleeren des Papierkorbs des Militärattachés Max von Schwartzkoppen in der deutschen Botschaft in Paris fischte eine Putzfrau, die für den französischen Geheimdienst tätig war, am 25. September 1894 ein Schriftstück heraus, das sie dem Nachrichtenbüro des Kriegsministeriums übergab. Dieses Dokument, das als bordereau (Ankündigungsschreiben, Lieferschein) in die Geschichte einging, listete geheime Informationen auf (beispielsweise "eine Aufzeichnung über die hydraulische Bremse des 120-mm-Geschützes und über die Erfahrungen, die man mit ihm gemacht hat"), die dem Adressaten in Aussicht gestellt wurden. Das bordereau war handschriftlich verfasst und wies keinen Verfasser auf. Allerdings konnte dieser nur im Generalstab in Paris zu finden sein, da die avisierten Informationen nur dort zugänglich waren.

Anhand einer fotografischen Kopie wurde im Büro des Generalstabs ein Handschriftenvergleich vorgenommen. Der Verdacht fiel schnell auf einen patriotischen und sehr ehrgeizigen jüdischen Artilleriehauptmann namens Alfred Dreyfus (1859 - 1935), der seit Januar 1893 eine zweijährige Schulung im Generalstab absolvierte und zurzeit in ein Pariser Infanterieregiment abkommandiert war. Er war verdächtig - so die einhellige Meinung im Generalstab -, weil er nicht nur Elsässer und somit quasi Deutscher, sondern auch Jude und damit als Verräter prädestiniert war. Am 14. Oktober 1894, einem Sonntag, liefen die Vorbereitung für die Verhaftung Dreyfus' auf Hochtouren. Der Kriegsminister, Divisionsgeneral Auguste Mercier, ernannte Major Armand du Paty de Clam zum Officier de police judiciare und beauftragte ihn mit Voruntersuchungen, derweil bereits Dreyfus' Haftbefehl unterzeichnet wurde. Unter einem Vorwand wurde Dreyfus am 15. Oktober zum Generalstab zitiert und dort aufgefordert, ihm vorgetragene Sätze per Hand niederzuschreiben. Es handelte sich um Worte und Satzteile aus dem bordereau. Obwohl einige Tage zuvor ein Handschriftensachverständiger es abgelehnt hatte, Dreyfus als Verfasser des bordereau zu bestätigen, bot den Offizieren des Nachrichtenbüros eine oberflächliche Ähnlichkeit in der Handschrift den hinreichenden Beweis dafür, dass Dreyfus der Urheber des Schriftstücks und somit Vaterlandsverräter war. Dreyfus wurde abgeführt und noch am selben Tag für unbestimmte Zeit in Untersuchungshaft genommen.

Du Paty de Clam schloss bereits nach 14 Tagen die Voruntersuchungen ab, wobei unterschiedlichste "Beweisstücke" zusammengestellt wurden, "um die einmal gelegte Fährte zu verstärken"[1]. Am 31. Oktober gab die Presseagentur Agence Havas bekannt, dass ein Offizier wegen Verdachts auf Hochverrat verhaftet worden sei. Einen Tag später benannte die antisemitische Zeitung "La Libre Parole" den "Juden" Dreyfus als Schuldigen. Am 3. November 1894 erhob die Militärjustiz Anklage gegen Dreyfus; der Prozess vor dem Kriegsgericht wurde am 19. Dezember eröffnet. Bereits nach drei Kalendertagen erfolgte der einstimmige Schuldspruch. Der damals 35-jährige Ehemann und Vater von zwei Kindern wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen und zu lebenslänglicher Verbannung auf der dem südamerikanischen Französisch-Guayana vorgelagerten Teufelsinsel (Ile du Diable) verurteilt.

Wenige Tage, bevor der Prozess vor dem Kriegsgericht begann, formulierte von Schwartzkoppen - in Unkenntnis der Tatsache, dass das bordereau[2] aus seinem Papierkorb als einziges wirkliches Beweismaterial für Dreyfus' Schuld diente - seine Einschätzung über den "Fall Dreyfus" und schickte diese per Brief, datiert am 14. Dezember 1894, nach Berlin: "Ueber die Angelegenheit Dreyfuß herrscht fortgesetzt vollkommenes Dunkel. Es ist bisher noch nicht festgestellt, welches der Inhalt des Schriftstückes ist, von welchem behauptet wird, daß Dreyfuß es einem ausländischen Militär-Attaché oder Agenten gegeben habe. (...) Es gewinnt immer mehr den Anschein, als ob die ganze Angelegenheit schließlich mit einer Freisprechung von Dreyfuß endigen wird, wodurch natürlich die schon so sehr untergebene Stellung des Kriegsministers wie auch diejenigen d. Chefs des Generalstabes nicht nur sehr leiden würden, sondern diejenige des Ersteren absolut unhaltbar wird. (...) Diese Parteinahme seitens der niedrigsten Presse für den Kriegsminister kann nur dazu beitragen, den Sturz des Letzteren zu beschleunigen, der auch ohne die Dreyfuß Affaire längst beschlossene Sache war."[3]

Fußnoten

1.
Detlev Zimmermann, Eine Bewährungsprobe für die Republik. Frankreich und die Dreyfus-Affäre, in: Elke-Vera Kotowski/Julius H. Schoeps (Hrsg.), J'Accuse ...! ... ich klage an! Zur Affäre Dreyfus. Eine Dokumentation, Berlin 2005, S. 37.
2.
Am 20. Juli 1894, zwei Monate, bevor das bordereau ins Nachrichtenbüro gelangte, tauchte erstmals ein französischer Major namens Marie-Charles-Ferdinand Walsin-Esterhazy in der deutschen Botschaft in Paris auf und bot dem Militärattaché, Oberstleutnant Max von Schwartzkoppen, seine Dienste an. Bereits am nächsten Tag erhielt Schwartzkoppen einen Brief von Esterhazy, in dem er eine Reise und Auskünfte über Russland avisierte. Am 27. Juli wurde Esterhazy erneut bei Schwartzkoppen vorstellig, gab diesem über sich Auskunft und forderte für künftige Dienste einen monatlichen Betrag von 2000 Francs. Schwartzkoppen notierte über diese Begegnung: "Ein aktiver französischer Offizier, welcher sich nicht entblödet, zum Verräter an seinem Vaterland zu werden (...)." Am 15. August kaufte Schwartzkoppen die ersten "geheimen" Dokumente von Esterhazy. Es handelte sich um einen Mobilmachungsplan der französischen Artillerie; Esterhazy erhielt 1000 Francs. Am 1. September übergab dieser erneut drei Schriftstücke an Schwartzkoppen: ein Verzeichnis der Bedeckungstruppen, eine Beschreibung der kurzen 120-mm-Kanone und den Entwurf der Schießvorschrift der Feldartillerie. Wenige Tage später folgte ein Bericht über Artilleriemanöver in Sissonne.
3.
Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin.