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29.11.2007 | Von:
Elke-Vera Kotowski

Der Fall Dreyfus und die Folgen

Die Folgen

Wie von Schwartzkoppen bereits andeutete, war das Kriegsministerium bemüht, den Fall möglichst schnell abzuschließen und wenig an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Und doch wurden gezielte (wenn auch fingierte, wie sich später herausstellen sollte) Informationen an die Presse gegeben, die sich sogleich auf den Fall stürzte. Ob liberale oder konservative Zeitungen, die verbalen Flammenwerfer richteten sich - ungeachtet des Wahrheitsgehaltes der Anschuldigungen - auf den "Juden Dreyfus". Mit Hilfe der neuen drucktechnischen Möglichkeiten prangten großformatige Karikaturen des vermeintlichen Agenten des Erbfeindes Deutschland[4] auf den Titelseiten der Gazetten. Galt Kriegsminister Mercier gestern noch als Versager, dessen Rücktritt gefordert wurde, so war er nun der Volksheld und Heros der Armee, der mit dem Verräter kurzen Prozess machte.

Was die antisemitischen Attitüden der Berichterstattung anbelangte, so nahm die rechte wie auch die linke Presse kein Blatt vor den Mund. Der Spionagevorwurf gegenüber einem jüdischen Offizier, der zudem noch aus dem Elsass stammte, das nach dem verlorenen deutsch-französischen Krieg (1870/71) von Deutschland annektiert worden war, erhielt Katalysatorfunktion für alle Unzufriedenen und zu kurz Gekommenen in der französischen Gesellschaft. Dreyfus diente als klassischer Sündenbock. Für viele Katholiken galt er als Inkarnation des Christusmörders, für nicht wenige Sozialisten symbolisierte er das jüdische Großkapital à la Rothschild samt Weltverschwörungsambitionen. Für die Revisionisten war er der Inbegriff für die negativen Auswüchse der Republik samt ihrer falsch verstandenen Toleranz und ihres destruktiven demokratischen Gleichheitsideals. Im Militär, das in weiten Teilen noch immer vom verlorenen Krieg traumatisiert war und das sich auf Offiziersebene mehrheitlich aus der Aristokratie rekrutierte, klang zudem ein antisemitischer Grundton an: Vorbehalte, welche die militärische Führung bei der Besetzung höherer Offiziersposten durch Juden hegte.

Einer der schärfsten Anheizer antijüdischer Ressentiments war Edouard Drumont, der bereits mit seiner Schrift La France juive 1886 (die deutsche Ausgabe erschien im selben Jahr unter dem Titel Das verjudete Frankreich) eine Wende in der öffentlichen Meinung Frankreichs herbeigeführt hatte. La France juive wurde so etwas wie die Bibel der Antisemiten.[5] Im Erscheinungsjahr wurden bereits 100 000 Exemplare des Pamphlets verkauft, und es erfuhr bis 1914 mehr als 200 Neuauflagen. Drumont, der 1889 die Antisemitenliga[6] gegründet hatte, verstärkte die antijüdische Propaganda, als er ab 1892 seine eigene Zeitung "La Libre Parole" herausgab, in der er unter die Titel "Die freie Rede" mächtig vom antisemitischen Leder zog. Kurz nach Gründung der "La Libre Parole" berichtete Theodor Herzl in einem Artikel für die "Neue Freie Presse" aus Paris über den offenen Antisemitismus Drumonts. Unter der Überschrift "Französische Antisemiten" heißt es: "Die Juden eignen sich von alters her vortrefflich dazu, für Fehler und Mißbräuche der Regierung, für Unbehagen und Elend Regierter, für Pest, Misswachs, Hungersnot, öffentliche Korruption und Verarmung verantwortlich gemacht zu werden."[7]

In seinem antisemitischen Propagandablatt war Drumont selbst in Karikaturen zu sehen, so auch in der Ausgabe vom 10. November 1894, in der sein übermächtiges Konterfei den Verräter Dreyfus - ausgestattet mit einer vermeintlich jüdischen Physiognomie und dem häufig wiederkehrenden Attribut der deutschen Pickelhaube - mit der Kneifzange zu entsorgen gedachte (vgl. Abbildung der PDF-Version). Mit derartigen Karikaturen, die auch in vielen anderen, durchaus gemäßigteren Zeitungen erschienen, wurde die Volksseele angeheizt. Als am 5. Januar 1895 der verurteilte Dreyfus die erniedrigende Prozedur der öffentlichen Degradierung über sich ergehen lassen musste, säumten 20 000 Schaulustige den Zaun der École Militaire oder kletterten auf die umliegenden Bäume und skandierten: "Tod dem Verräter! - Tod dem Juden!"

Bei Herzl, der dieser Entwürdigung beiwohnte, hinterließ das Ereignis nachhaltigen Eindruck: "Um neun Uhr war der Riesenhof mit Truppenabteilungen, die ein Karree bildeten, gefüllt. Fünftausend Mann waren ausgerückt. In der Mitte hielt ein General zu Pferde. Einige Minuten nach neun wurde Dreyfus herausgeführt. (...) Vier Mann führten ihn vor den General. Dieser sagte: Alfred Dreyfus, Sie sind unwürdig, die Waffe zu tragen. Im Namen des französischen Volkes degradiere ich Sie. Man vollziehe das Urtheil. Da erhob Dreyfus die rechte Hand und rief: Ich schwöre und erkläre, dass Sie einen Unschuldigen degradieren. Es lebe Frankreich!"[8] Weiter heißt es: "Ich sehe den Angeklagten noch in seiner dunklen, verschnürten Artilleristenuniform (...). Und auch der Wutschrei der Menge auf der Straße gellt mir noch unvergesslich in den Ohren: à mort! À mort les juifs! Tod allen Juden..."[9]

Herzl, der 1897 den ersten Zionistenkongress in Basel einberufen hatte, erkannte spätestens nach dem Revisionsprozess 1899 und der erneuten Verurteilung Dreyfus', dass es hier nicht um die Verurteilung eines x-beliebigen Offiziers, sondern um die Schuldzuweisung gegenüber einem "Juden" ging. 1899 bekannte er in der "North American Review": "Zum Zionisten hat mich der Prozeß Dreyfus gemacht."[10] Er sah ein Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in Europa "auf der Basis gegenseitigen Verständnisses und gegenseitiger Duldung" künftig als unmöglich an und beurteilte die bisherigen Versuche der Juden um Emanzipation und Integration als vergeblich. Denn wenn schon in Frankreich, dem Land der Menschenrechte und dem revolutionären Prinzip der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die Gleichstellung gescheitert war, wo sonst in Europa sollte sie glücken?

Zwischen 1895 und 1899 hatte die Familie Dreyfus nichts unversucht gelassen, die Unschuld des Gatten und Bruders, der auf der Teufelsinsel unter menschenunwürdigen Bedingungen in Arrest saß, zu beweisen. Seine Frau Lucie trat an die Öffentlichkeit, um ein Revisionsverfahren zu erwirken. Um ihrem Ersuchen Nachdruck zu verleihen, offenbarte sie das Kostbarste und zugleich Intimste, was ihr von ihrem Mann geblieben war: die sporadisch eintreffenden Briefe[11] von der Teufelsinsel, wohin sie ihm sogar folgen wollte, was man ihr jedoch nicht gestattete. Diese nicht selten deprimierenden Briefe eines stets seine Unschuld beteuernden und dennoch dem Vaterland und dem Militär tief verbundenen Patrioten zeigten keinen Verräter, sondern einen verzweifelten Menschen, dem großes Unrecht widerfahren war. Sein älterer Bruder Mathieu setzte sich ebenso vehement für Dreyfus' Freilassung ein. Er erhielt Unterstützung von einflussreichen Sympathisanten, die ihm entlastendes Beweismaterial zuspielten. Um den Fall Dreyfus wieder ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, ließ er sogar eine fingierte Meldung über die Flucht seines Bruders von der Teufelsinsel in der Presse streuen.

Derweil regten sich auch innerhalb des Militärs Stimmen, die an der Schuld Dreyfus zweifelten, allen voran die des seit dem 1. Juli 1895 das Nachrichtenbüro leitende Majors Georges Picquart. Dessen Recherchen zeigten im August 1896, dass Marie-Charles-Ferdinand Walsin-Esterhazy, Major im 74. Infanterieregiment, eindeutig der Verfasser des bordereaus sein musste. Picquart unterrichtete den stellvertretenden Generalstabschef Charles-Arthur Gonse über seine Entdeckung, woraufhin er bald seines Amtes verlustig ging und Anklage gegen ihn erhoben wurde. Im Januar 1897 wurde Picquart in ein algerisches Schützenregiment abkommandiert, um ihn dort mundtot zu machen. Allerdings verfasste er eine Denkschrift über den Fall, der sich mittlerweile eher auf Esterhazy denn auf Dreyfus fokussierte, und ließ sie über seinen Anwalt an den Präsidenten der Republik, Félix Faure, und Senator Gustave Scheuerer-Kestner übermitteln. Damit gewährleistete er - sich der Konsequenzen für die eigene Person gewiss -, dass seinen Anschuldigungen gegenüber Esterhazy und somit seine Überzeugung, dass Dreyfus unschuldig sei, in die Öffentlichkeit gelangten. Im Generalstab wurden Anstrengungen unternommen, den Nestbeschmutzer Picquart zu diskreditieren, wobei man auch hier gefälschtes Beweismaterial anfertigen ließ. Etwa zur selben Zeit identifizierte ein Pariser Bankier die Handschrift Esterhazys als identisch mit der des bordereau, woraufhin Mathieu Dreyfus Strafanzeige gegen ihn stellte. Am 4. Dezember 1897 begann der Prozess gegen Esterhazy. Drei Schriftsachverständige erklärten jedoch - nachdem ihnen ein sehr großzügiges Honorar in Aussicht gestellt wurde -, dass Esterhazy nicht der Verfasser des bordereau sei. Das Verfahren vor dem Kriegsgericht wurde am 11. Januar 1898 eingestellt.

Fußnoten

4.
Seit dem Aufstieg Preußens sah Frankreich einen neuen Rivalen in unmittelbarer Nachbarschaft, der durch den von Frankreich verlorenen Krieg 1870/71 und die anschließende deutsche Reichsgründung einschließlich des erwachenden deutschen Nationalgefühls große Ängste in der Grande Nation auslöste.
5.
In diesem zweibändigen Werk, eines der größten buchhändlerischen Erfolge des 19. Jahrhunderts, machte Drumont die Juden für den Abstieg und das Unglück Frankreichs verantwortlich. Er entwickelte ein geschlossenes System des Antisemitismus und berief sich auf verschiedene Vordenker: Bei Gougenot des Mousseaux bediente er sich dessen Verschwörungstheorie, von Gobineau entlieh er sich dessen Rassentheorie. Laut Drumont seien die Juden den Franzosen gegenüber wesensfremd und von minderwertiger Rasse, die den Charakter des Franzosentums depraviere.
6.
Ähnlich wie die 1879 in Deutschland von Wilhelm Marr gegründete Antisemitenliga war diese auch in Frankreich ein Sammelbecken für erklärte Gegner der Gleichstellung von Juden in der Gesellschaft.
7.
Neue Freie Presse vom 31.8. 1892.
8.
Ebd., vom 5.1. 1895.
9.
Zit. nach: Julius H. Schoeps, Theodor Herzl und die Affäre Dreyfus, in: ders./Hermann Simon, Dreyfus und die Folgen, Berlin 1995, S. 25.
10.
Zit. nach: ebd., S. 24.
11.
Zunächst erschienen die Briefe in der Zeitung "Le Siécle", anschließend als Buch: Lettres d'un innocent, Paris 1898.