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29.11.2007 | Von:
Elke-Vera Kotowski

Der Fall Dreyfus und die Folgen

J'Accuse!

Am 13. Januar 1898 veröffentlichte George Clemenceau, Herausgeber der Zeitung "L'Aurore", einen Offenen Brief an den Präsidenten der Republik, verfasst vom bekanntesten lebenden französischen Schriftsteller, Émile Zola. In großen Lettern war ihm die Überschrift "J'Accuse...!" ("Ich klage an...!) vorangestellt. Während Clemenceau 1894 noch die zu milde Strafe für den Hochverrat Dreyfus' beklagt hatte, stand er nunmehr an vorderster Front der Dreyfusards und hatte Zola davon überzeugen können, öffentlich für den Unschuldigen Partei zu ergreifen. Bereits zuvor war Zola durch viele Gespräche und die Überzeugungsversuche des Vizepräsidenten des französischen Senats, Scheurer-Kestner, dazu aufgefordert worden, Stellung zu beziehen. Der Freispruch Esterhazys zwei Tage zuvor gab den Ausschlag für seine über Nacht verfassten Zeilen. In seiner Anklageschrift stellte er - mit nicht minderer öffentlichen Wirkung als einst Luther mit seinen 95 Thesen - die Staatsräson samt des korrupten Militärapparats und deren Helfershelfer an den Pranger. Er nannte alle Beteiligten beim Namen, im Wissen darum, dass er nun selbst mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen hatte. Die Reaktionen auf die Anklageschrift waren ebenso lautstark wie konträr. Einerseits setzte eine Flut von Solidaritätsbekundungen ein, andererseits formierte sich ein durch konservative Kreise und die Kirche aufgehetzter Mob.

Spätestens jetzt wurde offensichtlich, dass sich in Frankreich zwei unversöhnliche Lager gegenüberstanden, das der Dreyfusards, die sich aus linken Intellektuellen, liberalen Journalisten und Juristen rekrutierten und von der Unschuld des jüdischen Hauptmann überzeugt waren, sowie das der Anti-Dreyfusards, deren Wortführer aus dem konservativen Lager, dem Militär, dem Klerus und der Antisemitenliga stammten: "Die Ideologie der Anti-Drefusards bewegte sich schnell in Richtung Nationalismus, der oftmals mit Antisemitismus einhergeht. Diesem autoritären Nationalismus, der intellektuellenfeindlich, anti-individualistisch, antiprotestantisch, antiparlamentarisch, xenophob und militaristisch war, ging es darum, den Niedergang der Nation aufzuhalten, indem er sie an die Institutionen der Armee und der Kirche in einem starken Staat aufrichtete, die sich auf traditionelle Werte stützte. Ordnung, Autorität und Vaterland waren zentrale Begriffe dieses Wertesystems, das seine Verfechter wiederherstellen wollten. Die Protestanten, Juden, Freimaurer und Fremden gefährdeten die nationale Gemeinschaft der rechtschaffenden Leute, dieser Verlierer des Fortschritts, aus denen die Mehrheit des Fußvolkes der Anti-Dreyfus-Bewegung bestand."[12]

In den Archivalien des Auswärtigen Amtes findet sich eine Stellungnahme zu Zolas J'Accuse!, die seinen Adressaten jedoch nie erreichte. Es handelt sich um eine Notiz des deutschen Kaisers Wilhelm II., die er nach der Lektüre des Offenen Briefes verfasst hatte. Sie lautete: "Bravo Zola!" In der zeitgenössischen Presse des In- und Auslands finden sich zahlreiche Kommentare und auch Karikaturen, die Zola sowohl als Helden der Vernunft und der Gerechtigkeit als auch despektierlich als Nestbeschmutzer der Grande Nation darstellen. Wie von Zola erwartet, wurde kurz nach Erscheinen seines Offenen Briefes gegen ihn eine Verleumdungsklage erhoben, die mit der Höchststrafe (ein Jahr Gefängnis und 3000 Francs Geldstrafe) geahndet wurde. Obwohl das Gericht zu verhindern suchte, den Fall Dreyfus zum Gegenstand der Verhandlung zu machen, missglückt dies. Auf der Anklagebank wiederholt Zola seine Überzeugung: "Dreyfus ist unschuldig, das schwöre ich. Ich schwöre es bei meinem Leben, bei meiner Ehre (...)."[13] Es folgten Tumulte und Straßenschlachten. In Algerien kam es zu pogromartigen Aufständen, bei denen zahlreiche Menschen verletzt wurden. Max Régis, der Bürgermeister Algiers und Präsident der antijüdischen Liga, schickte unter Rufen wie "Es lebe die Armee! Nieder mit den Juden!" seine Anhänger in das Jüdische Viertel der Stadt.[14] Auf Anraten seines Anwalts und seiner Freunde entzog sich Zola der Haftstrafe, indem er Frankreich noch am Abend der Urteilsverkündung verließ und in London und anschließend in einem Dorf in der Grafschaft Surrey Quartier nahm.

Dank Zolas Solidaritätserklärung und der sich wenige Wochen danach aus dem Lager der Dreyfusards gegründeten Liga für Menschenrechte (Ligue française pour la défense des droits de l'homme et du citoyen), die entschlossen für Dreyfus eintrat, wurde der Fall nun zu einer nationalen Affäre, die weltweit verfolgt wurde. Nach langjährigen Versuchen Lucie Dreyfus', ein Revisionsverfahren für ihren Mann zu erwirken, wurde diesem nun stattgegeben. Ende des gleichen Jahres gründete sich seitens der Anti-Dreyfusards die Ligue de la patrie française[15], die gegen die Revision mobil machte und in kürzester Zeit bereits 500 000 Mitglieder zählte. Derweil hatte Esterhazy öffentlich bekannt gegeben, Urheber des bordereau zu sein bzw. auf Befehl seines Vorgesetzten, Oberst Jean Sandherr, dieses verfasst zu haben.

Am 9. Juni 1899 verlies Dreyfus die Teufelsinsel an Bord der "Sfax" in Richtung Frankreich, wo er am 30. Juni 1899 in der Bretagne an Land ging und von dort ins Militärgefängnis in Rennes gebracht wurde. Eine Woche später begann der Revisionsprozess, der am 9. September mit der Urteilsverkündung endete. Es war das erste Mal, dass Journalisten aus allen Kontinenten nach Rennes reisten, um dort der Verhandlung beizuwohnen. Gespannt erwarteten alle das Urteil, das - so die einhellige Meinung - nur in einem Freispruch enden konnte. Die Fassungslosigkeit der Prozessbeobachter war grenzenlos, als sich von sieben Voten fünf für eine erneute Verurteilung aussprachen. Theodor Herzl, der dem Prozess in Rennes beiwohnte, schrieb: "Samstag, dem neunten September 1899, in den Abendstunden, wurde eine merkwürdige Entdeckung gemacht, die auch wirklich nicht verfehlt hat, allgemeines Aufsehen in sämtlichem mit Telegraphendrähten versehenen Weltteilen hervorgerufen. Es wurde nämlich entdeckt, dass einem Juden die Gerechtigkeit verweigert werden kann, aus keinem anderen Grunde, als weil er Jude ist. Es wurde entdeckt, dass man einen Juden quälen kann, als ob er kein Mensch wäre. Es wurde entdeckt, dass man einen Juden zu infamer Strafe verurteilen kann, obwohl er unschuldig ist."[16]

Die internationale Presse reagierte entsetzt auf die erneute Verurteilung zu "10 Jahren Festungshaft unter Zubilligung mildernder Umstände". Viele Künstler und international bekannte Persönlichkeiten bekundeten ihre Solidarität gegenüber dem zu Unrecht Verurteilten. Edvard Grieg sagte sämtliche Konzertreisen nach Frankreich ab. Zahlreiche Staaten drohten mit dem Boykott der Weltausstellung 1900 in Paris. Der neue Staatspräsident Émile Loubet sah sich genötigt, Dreyfus am 19. September 1899, wenige Tage nach der Urteilsverkündung, zu begnadigen. Dieser akzeptierte die Begnadigung jedoch nur unter der Bedingung, weiter für den Beweis seiner Unschuld zu kämpfen, denn mit der Begnadigung wurde auch ein Amnestiegesetz für alle Beteiligten in der Affäre beschlossen.

Es dauerte noch sieben Jahre, bis Dreyfus' Ehre wiederhergestellt wurde. Seine Rehabilitation erfolgte am 12. Juli 1906, genau dort, wo er knapp zwölf Jahre zuvor vor den Augen tausender Schaulustiger degradiert worden war, auf dem Hof der École Militaire in Paris. Der bekennende Dreyfusard und spätere französische Ministerpräsident Léon Blum beschrieb das Ende der Affäre 1935 rückblickend: "So war also unsere eigentliche Aufgabe vollbracht, und der Dreyfusard wurde wieder ein gewöhnlicher Mensch. Wir begannen wieder wie alle Welt zu leben, so, wie wir früher gelebt hatten, stets für die Sache begeistert, wohl wahr, stets voller Überzeugung, aber nicht mehr völlig versunken, verwunschen - wir fanden in uns wieder Raum für die eigenen Interessen, die Sorgen, die Gewohnheitsgefühle der Alltagsexistenz."[17]

Das Ende des Falls Dreyfus war fast ein Märchen. Die Guten wurden belohnt: Clemenceau wurde Premierminister, Picquart Kriegsminister, Dreyfus wurde zum Major befördert und als Ritter der Ehrenlegion geehrt. 1914, da war er bereits 55 Jahre alt, zog er als Patriot in den Krieg gegen Deutschland. Lediglich Zola erlebte die Rehabilitation Dreyfus' als vollständigen Sieg der Gerechtigkeit nicht mehr, er starb 1902 unter mysteriösen Umständen.[18] Weil sich Märchen dadurch auszeichnen, dass sie eben nicht real sind, obsiegte die vollständige Gerechtigkeit am Ende lediglich im Märchen. Denn in der Realität hat das letzte Wort immer noch - ob Kaiser oder Präsident - der höchste Mann im Staate, und der sagte "non", als es 2006, 100 Jahre nach Dreyfus' Rehabilitation, um das Ansinnen ging, Dreyfus - neben Émile Zola - in den Pariser Pantheon zu überführen. Dieses Privileg ist in der realen Welt den Helden der Grande Nation vorbehalten, und Dreyfus war eben nur das Opfer, so die Argumentation. Eine derartige geste dhonneur, wie sie zu Dreyfus' Zeiten in zahlreichen allegorischen Abbildungen zu sehen war, gibt es eben wohl doch nur im Märchen.

Fußnoten

12.
Esther Benbassa, Die Geschichte der Juden in Frankreich, Berlin-Wien 2000, S. 180.
13.
Zit. nach: Alain Pagès/Karl Zieger, Emile Zola. Die Dreyfus Affäre. Artikel, Interviews, Briefe, Innsbruck 1998, S. 34.
14.
Vgl. E. Benbassa (Anm. 12), S. 182.
15.
Aus ihr ging 1908 die noch immer dreyfus-feindliche, antisemitische Tageszeitung "L'Action française" hervor.
16.
Theodor Herzl unter dem Pseudonym Benjamin Seff, Fünf gegen Zwei, in: Die Welt vom 15.9. 1899.
17.
Léon Blum, Beschwörung der Schatten. Die Affäre Dreyfus, Berlin 2005, S. 94.
18.
Zola starb bei einem Brand in seiner Wohnung. Ob es ein Unfall oder Brandstiftung war, konnte nie geklärt werden. Als ihm Tausende Pariser das letzte Geleit gaben, wurde Alfred Dreyfus im Trauerzug Opfer eines Attentatversuchs, das er mit leichten Verletzungen überlebte.