APUZ Dossier Bild

29.11.2007 | Von:
Elke-Vera Kotowski

Der Fall Dreyfus und die Folgen

Die Moral von der Geschichte

Eine derartige Affäre war bis dahin beispiellos. Sie ist bis heute ein politisches Lehrstück in Sachen Zivilcourage und bürgerlicher Mitbestimmung an gesellschaftlichen Prozessen, wie beispielsweise das Gesetz von 1905 beweist, das die Trennung von Staat und Kirche in Frankreich festlegte. Es ist aber auch ein Lehrstück gegen militärischen Kadavergehorsam, das zeigt, dass es auch im Militär charakterstarke Persönlichkeiten wie Georges Picquart gegeben hat, der trotz der Gewissheit der eigenen Gefahr für einen Kameraden Partei ergriff, obwohl er weder persönlichen Kontakt pflegte noch dessen Überzeugungen teilte.

Die Macht der Medien zeigte sich während der Affäre auf erschreckende Weise. Ohne die zeitgenössische Berichterstattung wäre der Fall Dreyfus wohl nicht zur nationalen Affäre geworden, ebenso wenig, wenn nicht Intellektuelle wie Zola öffentlich Stellung bezogen hätten. Die Affäre gilt vielen daher als Geburtsstunde des "Intellektuellen", ein Begriff, der in jener Zeit durch nationale, rechtsradikale und klerikale Kreise geprägt und abfällig für jene Journalisten, Schriftsteller, Künstler und linke Politiker benutzt wurde, die sich für Dreyfus einsetzten. Aus diesem Kreis der Intellektuellen heraus hatte sich 1898 die Liga für Menschenrechte gegründet, die 1922 den ersten internationalen Dachverband der Menschenrechtsbewegung initiierte.

Die Dreyfus-Affäre war, um mit Heinrich Heine zu sprechen, nur ein Vorspiel. Zeitgenossen, die von Deutschland aus das Geschehen in Frankreich beobachteten, hätten es nicht für möglich gehalten, dass blindwütender Antisemitismus auch im eigenen Land auf breite Teile der Gesellschaft übergreifen könnte. Die Geschichte hat sie eines Besseren belehrt.