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29.11.2007 | Von:
Stephan Braese

Deutschsprachige Literatur und der Holocaust

Restitution der Sprache

"Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden" - damit war nicht nur die Voraussetzung für eine "Versöhnung der Geschiedenen", sondern zugleich ein Kern der Zukunftsfähigkeit der Deutschen bezeichnet. Wie wenig diese Sprache schon entwickelt war, offenbarte bei derselben Zusammenkunft der Beitrag des Präsidenten des Deutschen Bundestags, Eugen Gerstenmaier. Zu den historischen Ursachen der von Deutschen verübten Massenverbrechen hatte er wenig zu sagen. Hatte Scholem noch betont, nichts sei "törichter als die Meinung, der Nationalsozialismus sei sozusagen vom Himmel gefallen oder ausschließlich ein Produkt der Verhältnisse nach dem ersten Weltkrieg",[4] kamen das NS-Regime und seine Vernichtungspolitik im Vortrag Gerstenmaiers als "Erscheinung des wahrhaft Bösen in der Geschichte der Deutschen", auch als "die infernalische Gewalt und Dämonie des Bösen, dessen der Mensch offenbar auch fähig ist", zur Darstellung. "Dem deutschen Volk" falle lediglich ein "Teil der Mitverantwortung" zu. Dass "der deutsche Widerstand (...) sich nur dem eigenen Land verpflichtet wusste", sei "nicht wahr". Gerstenmaier, der selbst am Umsturzversuch des 20. Juli 1944 beteiligt war, wagte gar zu behaupten: "Er erhob sich, als das Reich Hitlers noch auf der Höhe seiner Macht war, als Rebellion vor allem gegen den Judenmord."[5]

In seiner Besprechung der Brüsseler Reden für den Hessischen Rundfunk ein Jahr darauf griff der Literaturwissenschaftler Peter Szondi den Schlusssatz Scholems auf: "Welcher Art wird diese Sprache sein? Wie müsste heute gesprochen werden und wie dürfte nicht gesprochen werden, wenn es diese Sprache dereinst geben soll?" Als Beispiel für das Letztere erkannte Szondi den Beitrag Gerstenmaiers. In dessen Rede sei der Nationalsozialismus gleichsam als "Zufall, Missgeschick" erschienen. Die Selbststilisierung zum Opfer werde bemüht: "Denn das erste Opfer war man ja selbst." Auch schrecke seine Wehleidigkeit nicht davor zurück, "in der Sprache des Unmenschen von 'Judenmord' zu sprechen." Besonders fiel Szondi die Herablassung Gerstenmaiers gegenüber dem Philosophen Karl Jaspers auf, der aus Basel ein Grußwort nach Brüssel gesandt hatte: "Anmaßung ist es, wenn ein Politiker, mit dem Anspruch, nicht für seine Person, sondern für ein ganzes Land zu sprechen, Ansichten und Prognosen einzelner verurteilt und den Philosophen Jaspers, der 64 Jahre seines Lebens in Deutschland verbracht hat, als 'bekannten Basler Professor' einführt - als habe sich hier ein Ausländer Sorgen gemacht. Die Intoleranz, die einen Andersdenkenden gleichsam mit dem stilistischen Mittel der Umschreibung ausbürgert, ist die Kehrseite der falschen Toleranz, die den Juden nur als Deutschen, nur als 'Mitbürger' kennt."[6]

Die Rede Gerstenmaiers repräsentierte die tiefgreifende kulturelle und moralische Beschädigung, die das NS-Regime und seine Massenverbrechen hinterlassen hatten. Der von Deutschland initiierte Angriffskrieg und die in seinem Gefolge radikalisierte Vernichtungspolitik hatten nicht nur viele Millionen Menschenleben gekostet und fast ganz Europa verheert. Zugleich war das kulturelle Erbe Europas mit einem bis dahin ungekannten Ausbruch an Zerstörungs- und Selbstzerstörungsenergien konfrontiert worden. Von der Erfahrung dieses katastrophischen "Zivilisationsbruchs" (Dan Diner) war insbesondere keines jener Länder ausgenommen, die von den Zerstörungen des Weltkriegs und der Vernichtungspolitik unmittelbar, existentiell betroffen waren. Auch in diesen Ländern war ungewiss, ob das jeweilige nationalkulturelle Erbe die Potentiale aufwies, um auf diese neueste, radikalste geschichtliche Erfahrung noch eine Antwort geben zu können. Primo Levi, Tadeusz Borowski, Jorge Semprún zählen zu jenen Schriftstellern, die an ihrem Ort, in ihrer Sprache diesen Versuch unternommen haben. Ihre Bücher - vor allem Se questo è un uomo ("Ist das ein Mensch?"), Poz'egnanie z Maria ("Abschied von Maria") und Le grand voyage ("Die große Reise") - zählen zu jenen Werken der europäischen Literatur, in denen auf sehr unterschiedliche, gleichwohl stets radikale Weise auf die Radikalität ihrer Erfahrung, die zugleich eine fortan unhintergehbare europäische, ja, globale war, zu reagieren.

Fußnoten

4.
Ebd., S. 41.
5.
Zit. nach: A. Melzer (Anm. 1), S. 75 - 78.
6.
Peter Szondi, Briefe, hrsg. v. Christoph König/Thomas Sparr, Frankfurt/M. 1993, S. 238 - 241.