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29.11.2007 | Von:
Stephan Braese

Deutschsprachige Literatur und der Holocaust

Sprache der Täter

Die Faktizität der Vernichtungspolitik hatte alle Kultur in Frage gestellt - und dennoch gab es einen kategorialen Unterschied in den Ausgangsbedingungen der Schriftsteller in europäischen Ländern wie Polen, Italien oder Frankreich zu denen ihrer deutschen Kollegen. Denn es war die deutsche Sprache, in der die Vernichtungspolitik nicht nur ersonnen und mit deren Hilfe sie verwirklicht wurde; sie war in den besetzten Ländern zur "Sprache der Täter" und dort, wo Millionen Menschen aus allen Gegenden Europas zu Zwangsarbeit und Ermordung "konzentriert" wurden, zum Idiom der Vernichtung schlechthin geworden, einem Idiom, das zu verstehen von einem Tag auf den anderen überlebenswichtig wurde und das bis heute in Erinnerungsberichten Überlebender in Form kursivgedruckter O-Töne - Marschmarsch!, Oberscharführer, Rampe - fortlebt.

Die Kontaminierung der deutschen Sprache durch die singulären Verbrechen der Deutschen hatte Heinrich Mann bereits 1947, von der Peripherie seines kalifornischen Zufluchtsortes aus, erkannt: "Keine Täuschung! Wer jemals deutsch schrieb, deutschen Ruf erwarb, ist in Gesellschaft aller Deutschen ohne Ausnahme mitgenommen worden nach Kiew und Majdanek."[7] Die Verbrechen und ihre Unvergleichbarkeit - Kiew steht hier für das Massaker von Babi Jar - werfen, Mann zufolge, eben nicht nur einen Schatten voraus, auf die Zukunftsfähigkeit Deutschlands und deutscher Kultur im Nachraum solcher Vernichtung, sondern nicht weniger auch einen Schatten zurück, auf eine Kultur, die in eine solche Gegenwart hatte münden können. Es ist diese unlösbare Verknüpfung deutscher Sprache und Kultur mit der Faktizität der Vernichtungspolitik und ihrem langen Nachleben, die die entscheidende Differenz in den Voraussetzungen deutschsprachiger Literatur nach 1945 zu jenen der anderen europäischen Literaturen der Nachkriegsjahre bildet. Über die Schwierigkeiten, die sich hieraus ergaben, hat sich Scholem keine Illusionen gemacht und daher nur vorsichtig von einer "Hoffnung"[8] gesprochen. Doch am selben Ort hatte er auch eine unabdingbare Voraussetzung für eine solche Hoffnung auf Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden bezeichnet: das "Eingedenken des Vergangenen".

Wie sehr in internationaler Perspektive diese Einschätzung Scholems geteilt wurde, verdeutlicht auf paradigmatische Weise die Vergabepolitik des Nobelpreiskomitees in Stockholm. Über Jahrzehnte hatte sie gegenüber der westdeutschen Literatur der verbreiteten Wahrnehmung Ausdruck zu geben versucht, dass es deutschsprachiger Literatur nach der Niederschlagung des NS-Regimes und der Öffnung der Lager - der nicht mehr zu leugnenden Faktizität der Massenverbrechen - geschichtlich aufgegeben sei, die Verwandlung der einst weltweit gerühmten Sprache der Dichter und Denker in die Sprache der Täter in ihren zivilisatorischen und kulturellen Auswirkungen zu reflektieren, womöglich konstruktiv zu kontern. Im Nachkriegsjahr 1946 war mit Hermann Hesse ein deutschsprachiger Autor gewürdigt worden, der zwar Abstand zum NS-Regime gehalten und Quartier in der Schweiz genommen hatte; eine explizite Hereinnahme der Verbrechen in seine Schriften hingegen fehlte. Doch schon der Signalcharakter der Auszeichnung Nelly Sachs' 1966 ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Nicht nur wurde eine Lyrikerin ausgezeichnet, deren Werk um Verfolgung und Vernichtung kreiste. Darüber hinaus repräsentierte sie biographisch den für die Gegenwart deutscher Kultur zentralen Sachverhalt des Nachexils - des Tatbestands, dass namhafteste Autoren deutscher Sprache, zu denen im Jahr der Preisverleihung Paul Celan, Peter Weiss und Wolfgang Hildesheimer zählten, es vorzogen, auf einen Wohnsitz im Land ihrer Muttersprache zu verzichten.

Ein drittes Moment kennzeichnete die Preisverleihung an Nelly Sachs: die Teilung der Auszeichnung mit Shmuel Yosef Agnon. Indem die offiziellen Würdigungen als zentralen Gegenstand im Werk des hebräischen Autors "the life of the Jewish people" und in Sachs' Lyrik "Israel's destiny"[9] bezeichnen, rücken sie die jüdische Autorin deutscher Sprache in einen kulturellen Zusammenhang, der den im westdeutschen Kulturbetrieb unverändert vorherrschenden Einheitsdiskurs der Sprache programmatisch verletzt und darüber hinaus den Begriff eines "Volkes der Juden" zu benutzen wagt, der im westdeutschen liberalistischen Diskurs dieser Jahre tabuisiert war.

Fußnoten

7.
Heinrich Mann, Einführung, in: Morgenröte - ein Lesebuch, hrsg. von den Gründern des Aurora Verlages, New York 1947, S. 19.
8.
G. Scholem (Anm. 2), S. 46.
9.
www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/ laureates/1966/ (28.10. 2007).