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29.11.2007 | Von:
Stephan Braese

Deutschsprachige Literatur und der Holocaust

Landser- und HJ-Generation

Die schweren Defizite, die Gerstenmaiers Brüsseler Ansprache aufwies, waren Symptome einer deutschen kulturellen Verfassung, an denen auch die deutschsprachigen Schriftsteller teilhatten. Zwar war die Gruppe 47 mit dem programmatischen Anspruch aufgetreten, auf der Grundlage einer Absage an alles nationalsozialistische Gedankengut einen Neuanfang zu setzen. Aber diese Bemühung war von Beginn an mit eklatanten Hypotheken belastet. Der Gründergeneration um Alfred Andersch und Hans Werner Richter dienten die Ideologeme ihrer Landservergangenheit als verbindliches gemeinschaftsstiftendes Moment der Gruppe; den "Kern unseres Erlebens"[10] entwickelte Andersch noch 1947 zum zentralen Kriterium einer neuen deutschen Literatur.

Schon zuvor, in der zusammen mit Richter herausgegeben Zeitschrift "Der Ruf", hatte Andersch ausdrücklich festgestellt: "Die Kämpfer von Stalingrad, El Alamein und Cassino, denen auch von ihren Gegnern jede Achtung entgegengebracht wurde, sind unschuldig an den Verbrechen von Dachau und Buchenwald."[11] Im Dezember 1946 konstatierte er unter Hinweis auf die Bombardierungen und Demontagen der Alliierten, auf Kriegsgefangenschaft und Vertreibung, "dass das deutsche Schuldkonto sich allmählich zu schließen beginnt".[12] Die aggressive Selbststilisierung als Opfer - Heinrich Böll etwa subsumierte unter Missachtung jeglichen Unterschieds Überlebende der Vernichtungslager, Flüchtlinge aus den Ostgebieten und Mitglieder der Wehrmacht ausdrücklich unter der Formulierung "wir Überlebende"[13] - taten ein Übriges, um eine literarische, eine künstlerisch-reflexive Arbeit an der ausstehenden Restitution einer Sprache zwischen Deutschen und Juden zu verhindern. Zwar kam einem frühen Werk wie Bölls "Wo warst du, Adam?" (1951) das Minimalverdienst zu, die Vernichtungsverbrechen deutlich zu thematisieren - eine Ausnahme in der westdeutschen Literatur dieser Jahre -, doch ist es konstitutiv geprägt vom Bild des kleinen Landsers als hilflosem Opfer und einer Fülle von Stereotypen in der Darstellung der wenigen jüdischen Figuren.

Doch auch die jüngere, die so genannte HJ-Generation, der Günter Grass, Martin Walser, Peter Rühmkorf oder der Kritiker Joachim Kaiser angehören, vermochte sich dieser Aufgabe nicht ohne Vorbelastungen zu stellen. Ein entscheidendes Erschwernis war das Selbstverständnis dieser Generation, das der Historiker Martin Broszat (Jahrgang 1926) wie folgt beschrieb: "Als Angehöriger dieser Generation hatte man das Glück, in politisches Handeln und in Verantwortung noch nicht oder nur marginal hineingezogen zu werden, aber man war alt genug, um emotional und geistig hochgradig betroffen zu werden von der moral- und gefühlsverwirrenden Suggestivität, zu der das NS-Regime, zumal im Bereich der Jugenderziehung, fähig war."[14] Diese Auffassung, einer Generation anzugehören, "die ohne Fehl, aber nicht ohne Erfahrung war", wie Peter Rühmkorf formulierte, erlangte Virulenz für die deutschsprachige Literatur dadurch, dass sich ihre Vertreter innerhalb des deutschen Literaturbetriebs "nach dem Krieg als erste Instanz in Fragen der Politik, der Wahrheit und der Moral" zu etablieren und einen "Hegemonialanspruch für die Nachkriegsliteratur" durchzusetzen vermocht haben.[15] Auch dieses Selbstgefühl konnte keine geeignete Voraussetzung für die von Scholem und anderen - etwa George Steiner - formulierte Aufgabe bilden.

Gleichwohl entging es Autoren wie Grass nicht, dass eine Wiederzulassung Deutschlands in den Kreis zivilisierter Nationen geknüpft war an das Gebot, sich zu Nationalsozialismus, Krieg und Vernichtungspolitik zu verhalten. Wie das im Kreis der Gruppe 47 begriffen wurde, offenbart eine Anekdote, die der Berichterstatter Fritz J. Raddatz von der Göhrder Tagung im November 1961 überliefert hat: "Als einer nach der Lesung von Wolfdietrich Schnurres sehr gelungenem Romankapitel sagte, es sei bereits ein Verdienst des Autors, sein Thema (ein jüdisches Schicksal im Schicklgruber-Staat) gewählt zu haben, wurde durch den heftigen Protest deutlich, dass bei allen Divergenzen und Streitigkeiten doch der politische Instinkt dieser Schriftsteller-Gemeinde' richtig ausschlägt. Grass: In dieser Gruppe ist das kein Verdienst, sondern selbstverständlich.'"[16] Dreierlei ist an dieser symptomatischen Episode bemerkenswert: zum einen die Beobachtung eines Außenstehenden, dass die Befassung mit dem "Thema" offenkundig auch in dieser Gruppe eher die Ausnahme bildete. Das ist zum zweiten Raddatz' Wortwahl vom "politischen Instinkt" der Gruppe, eine Formel, die eher dem Wortfeld des Kalküls als die einer erarbeiteten, inhaltlich begründeten Überzeugung zugehört. Und das ist zum dritten der Versuch - hier durch Grass -, durch dekretistisches Auftreten ("selbstverständlich") ein homogenes Außenbild der Gruppe zu schaffen, das so gar nicht existierte.

Wie wenig solche Verordnungen und Selbstverordnungen fruchteten, legte die erste große Zwischenbilanz der Gruppe 47 offen - der im Auftrag Richters von Raddatz herausgegebene "Almanach der Gruppe 47" von 1962. Raddatz stellt im Vorwort fest, dass "in dem ganzen Band" - einer Sammlung von Texten, die im Verlauf von 15 Jahren vor der Gruppe vorgetragen wurden - "die Worte Hitler, KZ, Atombombe, SS, Nazi, Sibirien nicht vorkommen (...) Ein erschreckendes Phänomen, gelinde gesagt."[17] Hermann Kesten kommentierte in einer Rezension: "Keine andere europäische Literatur ist so zeitlos wie dieser Ausschnitt der deutschen Literatur, den der Almanach' präsentiert."[18] Raddatz' Beobachtung ist noch in anderer Hinsicht sprechend. Bei der Suche nach Signalwörtern einer literarischen "Vergangenheitsbewältigung" wurde verkannt, dass der Nationalsozialismus und die Massenverbrechen kein "Thema" neben anderen waren, sondern dass von ihnen eine grundlegende Beschädigung der kulturellen Überlieferung - in Deutschland: auch ihrer Sprache - ausgegangen war, auf die Literatur konstitutiv, kategorial, nicht thematisch, reagieren musste.

Fußnoten

10.
Alfred Andersch, Deutsche Literatur in der Entscheidung - Ein Beitrag zur Analyse der literarischen Situation, in: Gerd Haffmans (Hrsg.), Das Alfred Andersch Lesebuch, Zürich 1979, S. 127.
11.
Ders., Notwendige Aussage zum Nürnberger Prozeß, in: Der Ruf, Nr. 1, 15.8. 1946.
12.
Ders., Grundlagen einer deutschen Opposition, in: Der Ruf, Nr. 8, 1.12. 1946.
13.
Heinrich Böll, Wo ist dein Bruder? Rede anlässlich der "Woche der Brüderlichkeit" 1956, in: ders., Werke. Essayistische Schriften und Reden 1, Köln (o.J.), S. 172.
14.
Zit. nach: Sigrid Weigel, Die "Generation" als symbolische Form. Zum genealogischen Gedächtnis nach 1945, in: figurationen. Gender, Literatur, Kultur, 0 (1999), S. 169.
15.
Vgl. ebd., S. 171f., S. 168.
16.
Fritz J. Raddatz, Eine Woche der Brüderlichkeit, in: Die Gruppe 47 - Bericht/Kritik/Polemik, Neuwied-Berlin 1967, S. 165.
17.
Ders., Die ausgehaltene Realität, in Hans Werner Richter (Hrsg.), Almanach der Gruppe 47. 1947 - 1962, Reinbek 1964, S. 55.
18.
Hermann Kesten, Der Richter der Gruppe 47, in: Die Gruppe 47 (Anm. 16), S. 324.