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29.11.2007 | Von:
Stephan Braese

Deutschsprachige Literatur und der Holocaust

Differierende Schreibweisen

Wie sich dieser Unterschied in der literarischen Arbeit, am Ergebnis der Texte selbst, zu erkennen gibt, hat der aus Deutschland stammende, seit Anfang der 1970er Jahre in Großbritannien tätige Literaturwissenschaftler und Schriftsteller W. G. Sebald an einem Vergleich von Grass' "Tagebuch einer Schnecke" mit Hildesheimers "Tynset" aufgezeigt. Sebald hielt zunächst fest, dass bereits wenige Jahre nach Kriegsende "die Mehrzahl der repräsentativen Autoren der neuen Republik (wie etwa Richter, Andersch und Böll)" damit befasst gewesen sei, "den Mythos vom guten Deutschen zu propagieren, der keine andere Wahl hatte, als dulderisch alles über sich ergehen zu lassen. Das Kernstück der damit in Umlauf kommenden Apologetik bestand in der Fiktion einer irgendwie bedeutsamen Differenz zwischen passivem Widerstand und passiver Kollaboration."[19]

In seiner präzisen Lektüre des Romans rückte Sebald Grass' Verknüpfung dokumentarischer Passagen über das Schicksal der Juden Danzigs mit der fiktiven Figur des Studienassessors Ott in den Mittelpunkt: "Dieser Hermann Ott ist eine retrospektive Wunschfigur des Autors (...). Die Implikation ist hier wie bei allem, was wir über Hermann Ott erfahren, dass es den besseren Deutschen tatsächlich gegeben hat, eine These, die durch die Verbindung der Fiktion mit dem dokumentarischen Material den Anspruch eines hohen Grades von Wahrscheinlichkeit sich erborgt." An den "guten und unschuldigen Deutschen, die in unserer Nachkriegsliteratur ihr stilles Heldenleben führen", so Sebald, "hat die deutsche Literatur der Nachkriegsjahre ihr moralisches Heil gesucht und über solcher Präokkupation verabsäumt, die schwerwiegenden und nachhaltigen Deformationen im Gefühlsleben derer verstehen zu lernen, die sich fraglos ins System eingliedern ließen."[20]

Habe Grass' Darstellung der Vernichtungsverbrechen "etwas mühselig Konstruiertes, etwas von einer historischen Pflichtübung an sich", so scheine Hildesheimers "Tynset" "aus dem Zentrum der Trauer selber entstanden zu sein."[21] Hildesheimer war mit seinen Eltern vor der Verfolgung nach Großbritannien, später nach Palästina geflohen. Doch es geht nicht um biographische "Authentizität", sondern um die literarischen Mittel, mit denen der Autor auf die Erfahrung des Holocaust reagiert. In "Tynset" - in dem nur mit winzigen Andeutungen auf die Vernichtungsverbrechen angespielt wird - ist diese Erfahrung ganz in die Schreibweise eingegangen. Hilde Domin schrieb: "Das ist das Thema des Buchs: das Leiden an dem Nichts, das an die Stelle des Zentrums getreten ist. Die Erschütterung und Vernichtung der natürlichen Bezüge. (...) Nichts: das immer noch umgehende Grauen jener zwölf Jahre."[22]

Die kategoriale Differenz, die Sebald an diesen beiden Büchern beobachtete, steht für eine Spaltung in der westdeutschen Literatur, die über weite Strecken parallel zur Differenz zwischen deutschen und jüdischen Autoren deutscher Sprache zu verlaufen scheint. In Hildesheimer, aber auch in Paul Celan und Peter Weiss, Hermann Kesten und Erich Fried begegneten die Mitglieder der Gruppe 47 jüdischen Autoren, die schon allein dadurch, dass sie weiterhin mit der deutschen Sprache arbeiteten, auf sichtbarste Weise ein Bekenntnis zu ihrer Bereitschaft ablegten, mit den Deutschen in ein Gespräch einzutreten. Die deutschen Autoren reagierten jedoch vielfach mit demonstrativer Missachtung[23] der durch die NS-Jahre unwiderruflich gewordenen Differenz der Erfahrungen. Als Hildesheimer im Kreis der Gruppe bekannte, ihm fehle "das innere Erlebnis der Nazizeit", brach die ihn umgebende Runde in Lachen aus, "aber nicht böse", und antwortete nur: "Seien Sie froh!"[24] Paul Celan wurde bei seiner einzigen Lesung vor der Gruppe vorgeworfen, er trage vor "wie Goebbels".[25] Und als Hermann Kesten öffentlich auf die Nazi-Vergangenheit von Ina Seidel hinwies, schrieb Richter ihrem Sohn: "Kesten ist Jude, und wo kommen wir hin, wenn wir jetzt die Vergangenheit untereinander austragen, d.h. ich rechne Kesten nicht uns zugehörig, aber er empfindet es so."[26]

Episoden wie diese markieren einen sozialen Habitus, der analog steht zur Auseinandersetzung mit den Texten der jüdischen Autoren. Die historisch unwiederholbare Chance dieser Jahre, gemeinsam - beispielsweise im Rahmen der Gruppe 47 - an der Restitution der Sprache zwischen Juden und Deutschen zu arbeiten, verstrich ungenutzt.[27]

Fußnoten

19.
Winfried Georg Sebald, Konstruktionen der Trauer. Zu Günter Grass "Tagebuch einer Schnecke" und Wolfgang Hildesheimer "Tynset", in: Der Deutschunterricht, 35 (1983) 5, S. 34.
20.
Ebd., S. 39.
21.
Ebd., S. 42.
22.
Hilde Domin, Denk ich an Deutschland in der Nacht. Bemerkungen zu Wolfgang Hildesheimers "Tynset", in: Neue Deutsche Hefte, Sept./Okt. (1965), S. 124.
23.
Vgl. Klaus Briegleb, Mißachtung und Tabu. Eine Streitschrift zur Frage: "Wie antisemitisch war die Gruppe 47?", Berlin 2003.
24.
Günter Giefer/Peter Gundwin, Die Siebenundvierziger, in: Frankfurter Hefte, 10 (1955), S. 894.
25.
Sabine Cofalla (Hrsg.), Hans Werner Richter. Briefe, München-Wien 1997, S. 128.
26.
Ebd., S. 336.
27.
Vgl. Stephan Braese, Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur, Berlin-Wien 2001.