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29.11.2007 | Von:
Stephan Braese

Deutschsprachige Literatur und der Holocaust

Nobelpreise

1972 erhielt wieder ein deutschsprachiger Schriftsteller den Literaturnobelpreis. In Heinrich Böll würdigte das Preiskomitee einen deutschen Autor, der sich geweigert hatte, die Unmittelbarkeit der Wirtschaftswunderjahre und des anschließenden Jahrzehnts zur Epoche des "Dritten Reiches" zu leugnen und sich ohne Widerrede einzufügen in ein gesellschaftliches Klima, das auf Vergessen setzte. Mit Elias Canetti zeichneten die Juroren 1981 erneut einen Autor aus, der nach seiner Vertreibung nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt war. Noch die Verleihung von 1999 an Günter Grass stand im Zeichen einer Vergabepolitik, die an deutschsprachige Literatur zuerst den Anspruch einer Bemühung um ein "Eingedenken des Vergangenen" (Scholem) zu richten schien.

Das Eingeständnis des Nobelpreisträgers im Jahr 2006, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, konnte nicht wirklich überraschen. Die Fortschreibung der Hypotheken äußerte sich jedoch weniger in dieser Enthüllung als in der kollektiven Reaktion der deutschen Medien, die geschlossen feststellten, Grass' Werk bleibe untangiert. Dabei war schon seit den 1980er Jahren auf die stereotype Darstellung der jüdischen Figuren in der "Blechtrommel" hingewiesen worden, u.a. durch Ruth Klüger.[28] Der amerikanische Germanist Sander Gilman hatte 1986 auf eine Plagiierung aus Edgar Hilsenraths Roman "Nacht" in Grass' "Das Treffen in Telgte" aufmerksam gemacht, die er als "Vergewaltigung jüdischer Authentizität"[29] bewertete. Diese Ausblendungen durch das deutsche Feuilleton standen in der überlieferten Disziplin, an der Überzeugung, die deutsche literarische Vergangenheitsbewältigung sei eine success story, nicht rütteln zu lassen.

Die Stockholmer Preisvergabe im Jahr 2002 an Imre Kertész steht für einen Paradigmenwechsel: Sie suchte, wie Begründung und Laudatien verdeutlichen, dem Gebot einer Europäisierung der poetischen Reflexion und Rezeption der Holocaust-Erfahrung Ausdruck zu geben. Die Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden dagegen ist - als historische Arbeit - ausgeblieben. Dieser Tatbestand wird heute in Teilen überlagert von der Ablösung der Generationen, die einander mit neuen Geschichten und veränderten Voraussetzungen begegnen. Wie wenig geschichtslos jedoch diese Voraussetzungen sind, wie geprägt sie bleiben auch von Versäumnissen der Vergangenheit, kann täglich erfahren werden.

Fußnoten

28.
Vgl. Ruth K. Angress (= Klüger), A "Jewish Problem" in German Postwar Fiction, in: Modern Judaism, 5 (1985) 3, S. 215 - 233.
29.
Sander L. Gilman, Jüdischer Selbsthaß. Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden, Frankfurt/M. 1993, S. 23.