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29.11.2007 | Von:
Stephan Braese

Deutschsprachige Literatur und der Holocaust

Die NS-Vernichtungspolitik hatte alle Kultur in Frage gestellt, die deutschsprachige in besonderer Weise. Die Chance zur Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden verstrich ungenutzt.

Einleitung

Am 2. August 1966 fand eine Plenarsitzung des Jüdischen Weltkongresses zum Thema "Deutsche und Juden" in Brüssel statt. Im Vorfeld hatte es im Präsidium erhebliche Widerstände gegen diese Sondersitzung gegeben. So war die Befürchtung geäußert worden, eine solche Zusammenkunft drohe eine zum gegenwärtigen Zeitpunkt unangemessene Rehabilitation der Deutschen zu befördern; auch seien "die, welche den Deutschen wirklich begegnen müssten, (...) die ermordeten sechs Millionen, die aber nicht mehr da sind". Eine Mehrheit im Präsidium mit ihrem Vorsitzenden Nahum Goldmann hatte sich jedoch unter Hinweis darauf, "dass, sofern ein Problem irgendwo existiert, es das beste ist, dieses offen zu diskutieren", durchsetzen können.[1]




Gershom Scholem zog in seinem Referat eine kritische Bilanz der historischen Beziehungen zwischen Juden und Deutschen, verwies auf "die entschlossene Verleugnung der jüdischen Nationalität als eines Partners"[2] durch die Deutschen, aber auch durch eine "Avantgarde der Juden" im Prozess der Emanzipation, und auf die "verspätete Geschäftigkeit", mit der jetzt "so gern und in reichlich fahrlässiger Weise" von "der sogenannten deutsch-jüdischen Symbiose" gesprochen werde. "Ob der Abgrund, den unsagbares, unausdenkbares Geschehen aufgerissen hat, geschlossen werden kann, wer vermöchte es zu sagen?" Scholem schloss mit den Worten: "Nur im Eingedenken des Vergangenen, das niemals ganz von uns durchdrungen werden wird, kann neue Hoffnung auf Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden, auf Versöhnung der Geschiedenen keimen."[3]

Restitution der Sprache

"Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden" - damit war nicht nur die Voraussetzung für eine "Versöhnung der Geschiedenen", sondern zugleich ein Kern der Zukunftsfähigkeit der Deutschen bezeichnet. Wie wenig diese Sprache schon entwickelt war, offenbarte bei derselben Zusammenkunft der Beitrag des Präsidenten des Deutschen Bundestags, Eugen Gerstenmaier. Zu den historischen Ursachen der von Deutschen verübten Massenverbrechen hatte er wenig zu sagen. Hatte Scholem noch betont, nichts sei "törichter als die Meinung, der Nationalsozialismus sei sozusagen vom Himmel gefallen oder ausschließlich ein Produkt der Verhältnisse nach dem ersten Weltkrieg",[4] kamen das NS-Regime und seine Vernichtungspolitik im Vortrag Gerstenmaiers als "Erscheinung des wahrhaft Bösen in der Geschichte der Deutschen", auch als "die infernalische Gewalt und Dämonie des Bösen, dessen der Mensch offenbar auch fähig ist", zur Darstellung. "Dem deutschen Volk" falle lediglich ein "Teil der Mitverantwortung" zu. Dass "der deutsche Widerstand (...) sich nur dem eigenen Land verpflichtet wusste", sei "nicht wahr". Gerstenmaier, der selbst am Umsturzversuch des 20. Juli 1944 beteiligt war, wagte gar zu behaupten: "Er erhob sich, als das Reich Hitlers noch auf der Höhe seiner Macht war, als Rebellion vor allem gegen den Judenmord."[5]

In seiner Besprechung der Brüsseler Reden für den Hessischen Rundfunk ein Jahr darauf griff der Literaturwissenschaftler Peter Szondi den Schlusssatz Scholems auf: "Welcher Art wird diese Sprache sein? Wie müsste heute gesprochen werden und wie dürfte nicht gesprochen werden, wenn es diese Sprache dereinst geben soll?" Als Beispiel für das Letztere erkannte Szondi den Beitrag Gerstenmaiers. In dessen Rede sei der Nationalsozialismus gleichsam als "Zufall, Missgeschick" erschienen. Die Selbststilisierung zum Opfer werde bemüht: "Denn das erste Opfer war man ja selbst." Auch schrecke seine Wehleidigkeit nicht davor zurück, "in der Sprache des Unmenschen von 'Judenmord' zu sprechen." Besonders fiel Szondi die Herablassung Gerstenmaiers gegenüber dem Philosophen Karl Jaspers auf, der aus Basel ein Grußwort nach Brüssel gesandt hatte: "Anmaßung ist es, wenn ein Politiker, mit dem Anspruch, nicht für seine Person, sondern für ein ganzes Land zu sprechen, Ansichten und Prognosen einzelner verurteilt und den Philosophen Jaspers, der 64 Jahre seines Lebens in Deutschland verbracht hat, als 'bekannten Basler Professor' einführt - als habe sich hier ein Ausländer Sorgen gemacht. Die Intoleranz, die einen Andersdenkenden gleichsam mit dem stilistischen Mittel der Umschreibung ausbürgert, ist die Kehrseite der falschen Toleranz, die den Juden nur als Deutschen, nur als 'Mitbürger' kennt."[6]

Die Rede Gerstenmaiers repräsentierte die tiefgreifende kulturelle und moralische Beschädigung, die das NS-Regime und seine Massenverbrechen hinterlassen hatten. Der von Deutschland initiierte Angriffskrieg und die in seinem Gefolge radikalisierte Vernichtungspolitik hatten nicht nur viele Millionen Menschenleben gekostet und fast ganz Europa verheert. Zugleich war das kulturelle Erbe Europas mit einem bis dahin ungekannten Ausbruch an Zerstörungs- und Selbstzerstörungsenergien konfrontiert worden. Von der Erfahrung dieses katastrophischen "Zivilisationsbruchs" (Dan Diner) war insbesondere keines jener Länder ausgenommen, die von den Zerstörungen des Weltkriegs und der Vernichtungspolitik unmittelbar, existentiell betroffen waren. Auch in diesen Ländern war ungewiss, ob das jeweilige nationalkulturelle Erbe die Potentiale aufwies, um auf diese neueste, radikalste geschichtliche Erfahrung noch eine Antwort geben zu können. Primo Levi, Tadeusz Borowski, Jorge Semprún zählen zu jenen Schriftstellern, die an ihrem Ort, in ihrer Sprache diesen Versuch unternommen haben. Ihre Bücher - vor allem Se questo è un uomo ("Ist das ein Mensch?"), Poz'egnanie z Maria ("Abschied von Maria") und Le grand voyage ("Die große Reise") - zählen zu jenen Werken der europäischen Literatur, in denen auf sehr unterschiedliche, gleichwohl stets radikale Weise auf die Radikalität ihrer Erfahrung, die zugleich eine fortan unhintergehbare europäische, ja, globale war, zu reagieren.

Sprache der Täter

Die Faktizität der Vernichtungspolitik hatte alle Kultur in Frage gestellt - und dennoch gab es einen kategorialen Unterschied in den Ausgangsbedingungen der Schriftsteller in europäischen Ländern wie Polen, Italien oder Frankreich zu denen ihrer deutschen Kollegen. Denn es war die deutsche Sprache, in der die Vernichtungspolitik nicht nur ersonnen und mit deren Hilfe sie verwirklicht wurde; sie war in den besetzten Ländern zur "Sprache der Täter" und dort, wo Millionen Menschen aus allen Gegenden Europas zu Zwangsarbeit und Ermordung "konzentriert" wurden, zum Idiom der Vernichtung schlechthin geworden, einem Idiom, das zu verstehen von einem Tag auf den anderen überlebenswichtig wurde und das bis heute in Erinnerungsberichten Überlebender in Form kursivgedruckter O-Töne - Marschmarsch!, Oberscharführer, Rampe - fortlebt.

Die Kontaminierung der deutschen Sprache durch die singulären Verbrechen der Deutschen hatte Heinrich Mann bereits 1947, von der Peripherie seines kalifornischen Zufluchtsortes aus, erkannt: "Keine Täuschung! Wer jemals deutsch schrieb, deutschen Ruf erwarb, ist in Gesellschaft aller Deutschen ohne Ausnahme mitgenommen worden nach Kiew und Majdanek."[7] Die Verbrechen und ihre Unvergleichbarkeit - Kiew steht hier für das Massaker von Babi Jar - werfen, Mann zufolge, eben nicht nur einen Schatten voraus, auf die Zukunftsfähigkeit Deutschlands und deutscher Kultur im Nachraum solcher Vernichtung, sondern nicht weniger auch einen Schatten zurück, auf eine Kultur, die in eine solche Gegenwart hatte münden können. Es ist diese unlösbare Verknüpfung deutscher Sprache und Kultur mit der Faktizität der Vernichtungspolitik und ihrem langen Nachleben, die die entscheidende Differenz in den Voraussetzungen deutschsprachiger Literatur nach 1945 zu jenen der anderen europäischen Literaturen der Nachkriegsjahre bildet. Über die Schwierigkeiten, die sich hieraus ergaben, hat sich Scholem keine Illusionen gemacht und daher nur vorsichtig von einer "Hoffnung"[8] gesprochen. Doch am selben Ort hatte er auch eine unabdingbare Voraussetzung für eine solche Hoffnung auf Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden bezeichnet: das "Eingedenken des Vergangenen".

Wie sehr in internationaler Perspektive diese Einschätzung Scholems geteilt wurde, verdeutlicht auf paradigmatische Weise die Vergabepolitik des Nobelpreiskomitees in Stockholm. Über Jahrzehnte hatte sie gegenüber der westdeutschen Literatur der verbreiteten Wahrnehmung Ausdruck zu geben versucht, dass es deutschsprachiger Literatur nach der Niederschlagung des NS-Regimes und der Öffnung der Lager - der nicht mehr zu leugnenden Faktizität der Massenverbrechen - geschichtlich aufgegeben sei, die Verwandlung der einst weltweit gerühmten Sprache der Dichter und Denker in die Sprache der Täter in ihren zivilisatorischen und kulturellen Auswirkungen zu reflektieren, womöglich konstruktiv zu kontern. Im Nachkriegsjahr 1946 war mit Hermann Hesse ein deutschsprachiger Autor gewürdigt worden, der zwar Abstand zum NS-Regime gehalten und Quartier in der Schweiz genommen hatte; eine explizite Hereinnahme der Verbrechen in seine Schriften hingegen fehlte. Doch schon der Signalcharakter der Auszeichnung Nelly Sachs' 1966 ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Nicht nur wurde eine Lyrikerin ausgezeichnet, deren Werk um Verfolgung und Vernichtung kreiste. Darüber hinaus repräsentierte sie biographisch den für die Gegenwart deutscher Kultur zentralen Sachverhalt des Nachexils - des Tatbestands, dass namhafteste Autoren deutscher Sprache, zu denen im Jahr der Preisverleihung Paul Celan, Peter Weiss und Wolfgang Hildesheimer zählten, es vorzogen, auf einen Wohnsitz im Land ihrer Muttersprache zu verzichten.

Ein drittes Moment kennzeichnete die Preisverleihung an Nelly Sachs: die Teilung der Auszeichnung mit Shmuel Yosef Agnon. Indem die offiziellen Würdigungen als zentralen Gegenstand im Werk des hebräischen Autors "the life of the Jewish people" und in Sachs' Lyrik "Israel's destiny"[9] bezeichnen, rücken sie die jüdische Autorin deutscher Sprache in einen kulturellen Zusammenhang, der den im westdeutschen Kulturbetrieb unverändert vorherrschenden Einheitsdiskurs der Sprache programmatisch verletzt und darüber hinaus den Begriff eines "Volkes der Juden" zu benutzen wagt, der im westdeutschen liberalistischen Diskurs dieser Jahre tabuisiert war.

Landser- und HJ-Generation

Die schweren Defizite, die Gerstenmaiers Brüsseler Ansprache aufwies, waren Symptome einer deutschen kulturellen Verfassung, an denen auch die deutschsprachigen Schriftsteller teilhatten. Zwar war die Gruppe 47 mit dem programmatischen Anspruch aufgetreten, auf der Grundlage einer Absage an alles nationalsozialistische Gedankengut einen Neuanfang zu setzen. Aber diese Bemühung war von Beginn an mit eklatanten Hypotheken belastet. Der Gründergeneration um Alfred Andersch und Hans Werner Richter dienten die Ideologeme ihrer Landservergangenheit als verbindliches gemeinschaftsstiftendes Moment der Gruppe; den "Kern unseres Erlebens"[10] entwickelte Andersch noch 1947 zum zentralen Kriterium einer neuen deutschen Literatur.

Schon zuvor, in der zusammen mit Richter herausgegeben Zeitschrift "Der Ruf", hatte Andersch ausdrücklich festgestellt: "Die Kämpfer von Stalingrad, El Alamein und Cassino, denen auch von ihren Gegnern jede Achtung entgegengebracht wurde, sind unschuldig an den Verbrechen von Dachau und Buchenwald."[11] Im Dezember 1946 konstatierte er unter Hinweis auf die Bombardierungen und Demontagen der Alliierten, auf Kriegsgefangenschaft und Vertreibung, "dass das deutsche Schuldkonto sich allmählich zu schließen beginnt".[12] Die aggressive Selbststilisierung als Opfer - Heinrich Böll etwa subsumierte unter Missachtung jeglichen Unterschieds Überlebende der Vernichtungslager, Flüchtlinge aus den Ostgebieten und Mitglieder der Wehrmacht ausdrücklich unter der Formulierung "wir Überlebende"[13] - taten ein Übriges, um eine literarische, eine künstlerisch-reflexive Arbeit an der ausstehenden Restitution einer Sprache zwischen Deutschen und Juden zu verhindern. Zwar kam einem frühen Werk wie Bölls "Wo warst du, Adam?" (1951) das Minimalverdienst zu, die Vernichtungsverbrechen deutlich zu thematisieren - eine Ausnahme in der westdeutschen Literatur dieser Jahre -, doch ist es konstitutiv geprägt vom Bild des kleinen Landsers als hilflosem Opfer und einer Fülle von Stereotypen in der Darstellung der wenigen jüdischen Figuren.

Doch auch die jüngere, die so genannte HJ-Generation, der Günter Grass, Martin Walser, Peter Rühmkorf oder der Kritiker Joachim Kaiser angehören, vermochte sich dieser Aufgabe nicht ohne Vorbelastungen zu stellen. Ein entscheidendes Erschwernis war das Selbstverständnis dieser Generation, das der Historiker Martin Broszat (Jahrgang 1926) wie folgt beschrieb: "Als Angehöriger dieser Generation hatte man das Glück, in politisches Handeln und in Verantwortung noch nicht oder nur marginal hineingezogen zu werden, aber man war alt genug, um emotional und geistig hochgradig betroffen zu werden von der moral- und gefühlsverwirrenden Suggestivität, zu der das NS-Regime, zumal im Bereich der Jugenderziehung, fähig war."[14] Diese Auffassung, einer Generation anzugehören, "die ohne Fehl, aber nicht ohne Erfahrung war", wie Peter Rühmkorf formulierte, erlangte Virulenz für die deutschsprachige Literatur dadurch, dass sich ihre Vertreter innerhalb des deutschen Literaturbetriebs "nach dem Krieg als erste Instanz in Fragen der Politik, der Wahrheit und der Moral" zu etablieren und einen "Hegemonialanspruch für die Nachkriegsliteratur" durchzusetzen vermocht haben.[15] Auch dieses Selbstgefühl konnte keine geeignete Voraussetzung für die von Scholem und anderen - etwa George Steiner - formulierte Aufgabe bilden.

Gleichwohl entging es Autoren wie Grass nicht, dass eine Wiederzulassung Deutschlands in den Kreis zivilisierter Nationen geknüpft war an das Gebot, sich zu Nationalsozialismus, Krieg und Vernichtungspolitik zu verhalten. Wie das im Kreis der Gruppe 47 begriffen wurde, offenbart eine Anekdote, die der Berichterstatter Fritz J. Raddatz von der Göhrder Tagung im November 1961 überliefert hat: "Als einer nach der Lesung von Wolfdietrich Schnurres sehr gelungenem Romankapitel sagte, es sei bereits ein Verdienst des Autors, sein Thema (ein jüdisches Schicksal im Schicklgruber-Staat) gewählt zu haben, wurde durch den heftigen Protest deutlich, dass bei allen Divergenzen und Streitigkeiten doch der politische Instinkt dieser Schriftsteller-Gemeinde' richtig ausschlägt. Grass: In dieser Gruppe ist das kein Verdienst, sondern selbstverständlich.'"[16] Dreierlei ist an dieser symptomatischen Episode bemerkenswert: zum einen die Beobachtung eines Außenstehenden, dass die Befassung mit dem "Thema" offenkundig auch in dieser Gruppe eher die Ausnahme bildete. Das ist zum zweiten Raddatz' Wortwahl vom "politischen Instinkt" der Gruppe, eine Formel, die eher dem Wortfeld des Kalküls als die einer erarbeiteten, inhaltlich begründeten Überzeugung zugehört. Und das ist zum dritten der Versuch - hier durch Grass -, durch dekretistisches Auftreten ("selbstverständlich") ein homogenes Außenbild der Gruppe zu schaffen, das so gar nicht existierte.

Wie wenig solche Verordnungen und Selbstverordnungen fruchteten, legte die erste große Zwischenbilanz der Gruppe 47 offen - der im Auftrag Richters von Raddatz herausgegebene "Almanach der Gruppe 47" von 1962. Raddatz stellt im Vorwort fest, dass "in dem ganzen Band" - einer Sammlung von Texten, die im Verlauf von 15 Jahren vor der Gruppe vorgetragen wurden - "die Worte Hitler, KZ, Atombombe, SS, Nazi, Sibirien nicht vorkommen (...) Ein erschreckendes Phänomen, gelinde gesagt."[17] Hermann Kesten kommentierte in einer Rezension: "Keine andere europäische Literatur ist so zeitlos wie dieser Ausschnitt der deutschen Literatur, den der Almanach' präsentiert."[18] Raddatz' Beobachtung ist noch in anderer Hinsicht sprechend. Bei der Suche nach Signalwörtern einer literarischen "Vergangenheitsbewältigung" wurde verkannt, dass der Nationalsozialismus und die Massenverbrechen kein "Thema" neben anderen waren, sondern dass von ihnen eine grundlegende Beschädigung der kulturellen Überlieferung - in Deutschland: auch ihrer Sprache - ausgegangen war, auf die Literatur konstitutiv, kategorial, nicht thematisch, reagieren musste.

Differierende Schreibweisen

Wie sich dieser Unterschied in der literarischen Arbeit, am Ergebnis der Texte selbst, zu erkennen gibt, hat der aus Deutschland stammende, seit Anfang der 1970er Jahre in Großbritannien tätige Literaturwissenschaftler und Schriftsteller W. G. Sebald an einem Vergleich von Grass' "Tagebuch einer Schnecke" mit Hildesheimers "Tynset" aufgezeigt. Sebald hielt zunächst fest, dass bereits wenige Jahre nach Kriegsende "die Mehrzahl der repräsentativen Autoren der neuen Republik (wie etwa Richter, Andersch und Böll)" damit befasst gewesen sei, "den Mythos vom guten Deutschen zu propagieren, der keine andere Wahl hatte, als dulderisch alles über sich ergehen zu lassen. Das Kernstück der damit in Umlauf kommenden Apologetik bestand in der Fiktion einer irgendwie bedeutsamen Differenz zwischen passivem Widerstand und passiver Kollaboration."[19]

In seiner präzisen Lektüre des Romans rückte Sebald Grass' Verknüpfung dokumentarischer Passagen über das Schicksal der Juden Danzigs mit der fiktiven Figur des Studienassessors Ott in den Mittelpunkt: "Dieser Hermann Ott ist eine retrospektive Wunschfigur des Autors (...). Die Implikation ist hier wie bei allem, was wir über Hermann Ott erfahren, dass es den besseren Deutschen tatsächlich gegeben hat, eine These, die durch die Verbindung der Fiktion mit dem dokumentarischen Material den Anspruch eines hohen Grades von Wahrscheinlichkeit sich erborgt." An den "guten und unschuldigen Deutschen, die in unserer Nachkriegsliteratur ihr stilles Heldenleben führen", so Sebald, "hat die deutsche Literatur der Nachkriegsjahre ihr moralisches Heil gesucht und über solcher Präokkupation verabsäumt, die schwerwiegenden und nachhaltigen Deformationen im Gefühlsleben derer verstehen zu lernen, die sich fraglos ins System eingliedern ließen."[20]

Habe Grass' Darstellung der Vernichtungsverbrechen "etwas mühselig Konstruiertes, etwas von einer historischen Pflichtübung an sich", so scheine Hildesheimers "Tynset" "aus dem Zentrum der Trauer selber entstanden zu sein."[21] Hildesheimer war mit seinen Eltern vor der Verfolgung nach Großbritannien, später nach Palästina geflohen. Doch es geht nicht um biographische "Authentizität", sondern um die literarischen Mittel, mit denen der Autor auf die Erfahrung des Holocaust reagiert. In "Tynset" - in dem nur mit winzigen Andeutungen auf die Vernichtungsverbrechen angespielt wird - ist diese Erfahrung ganz in die Schreibweise eingegangen. Hilde Domin schrieb: "Das ist das Thema des Buchs: das Leiden an dem Nichts, das an die Stelle des Zentrums getreten ist. Die Erschütterung und Vernichtung der natürlichen Bezüge. (...) Nichts: das immer noch umgehende Grauen jener zwölf Jahre."[22]

Die kategoriale Differenz, die Sebald an diesen beiden Büchern beobachtete, steht für eine Spaltung in der westdeutschen Literatur, die über weite Strecken parallel zur Differenz zwischen deutschen und jüdischen Autoren deutscher Sprache zu verlaufen scheint. In Hildesheimer, aber auch in Paul Celan und Peter Weiss, Hermann Kesten und Erich Fried begegneten die Mitglieder der Gruppe 47 jüdischen Autoren, die schon allein dadurch, dass sie weiterhin mit der deutschen Sprache arbeiteten, auf sichtbarste Weise ein Bekenntnis zu ihrer Bereitschaft ablegten, mit den Deutschen in ein Gespräch einzutreten. Die deutschen Autoren reagierten jedoch vielfach mit demonstrativer Missachtung[23] der durch die NS-Jahre unwiderruflich gewordenen Differenz der Erfahrungen. Als Hildesheimer im Kreis der Gruppe bekannte, ihm fehle "das innere Erlebnis der Nazizeit", brach die ihn umgebende Runde in Lachen aus, "aber nicht böse", und antwortete nur: "Seien Sie froh!"[24] Paul Celan wurde bei seiner einzigen Lesung vor der Gruppe vorgeworfen, er trage vor "wie Goebbels".[25] Und als Hermann Kesten öffentlich auf die Nazi-Vergangenheit von Ina Seidel hinwies, schrieb Richter ihrem Sohn: "Kesten ist Jude, und wo kommen wir hin, wenn wir jetzt die Vergangenheit untereinander austragen, d.h. ich rechne Kesten nicht uns zugehörig, aber er empfindet es so."[26]

Episoden wie diese markieren einen sozialen Habitus, der analog steht zur Auseinandersetzung mit den Texten der jüdischen Autoren. Die historisch unwiederholbare Chance dieser Jahre, gemeinsam - beispielsweise im Rahmen der Gruppe 47 - an der Restitution der Sprache zwischen Juden und Deutschen zu arbeiten, verstrich ungenutzt.[27]

Nobelpreise

1972 erhielt wieder ein deutschsprachiger Schriftsteller den Literaturnobelpreis. In Heinrich Böll würdigte das Preiskomitee einen deutschen Autor, der sich geweigert hatte, die Unmittelbarkeit der Wirtschaftswunderjahre und des anschließenden Jahrzehnts zur Epoche des "Dritten Reiches" zu leugnen und sich ohne Widerrede einzufügen in ein gesellschaftliches Klima, das auf Vergessen setzte. Mit Elias Canetti zeichneten die Juroren 1981 erneut einen Autor aus, der nach seiner Vertreibung nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt war. Noch die Verleihung von 1999 an Günter Grass stand im Zeichen einer Vergabepolitik, die an deutschsprachige Literatur zuerst den Anspruch einer Bemühung um ein "Eingedenken des Vergangenen" (Scholem) zu richten schien.

Das Eingeständnis des Nobelpreisträgers im Jahr 2006, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, konnte nicht wirklich überraschen. Die Fortschreibung der Hypotheken äußerte sich jedoch weniger in dieser Enthüllung als in der kollektiven Reaktion der deutschen Medien, die geschlossen feststellten, Grass' Werk bleibe untangiert. Dabei war schon seit den 1980er Jahren auf die stereotype Darstellung der jüdischen Figuren in der "Blechtrommel" hingewiesen worden, u.a. durch Ruth Klüger.[28] Der amerikanische Germanist Sander Gilman hatte 1986 auf eine Plagiierung aus Edgar Hilsenraths Roman "Nacht" in Grass' "Das Treffen in Telgte" aufmerksam gemacht, die er als "Vergewaltigung jüdischer Authentizität"[29] bewertete. Diese Ausblendungen durch das deutsche Feuilleton standen in der überlieferten Disziplin, an der Überzeugung, die deutsche literarische Vergangenheitsbewältigung sei eine success story, nicht rütteln zu lassen.

Die Stockholmer Preisvergabe im Jahr 2002 an Imre Kertész steht für einen Paradigmenwechsel: Sie suchte, wie Begründung und Laudatien verdeutlichen, dem Gebot einer Europäisierung der poetischen Reflexion und Rezeption der Holocaust-Erfahrung Ausdruck zu geben. Die Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden dagegen ist - als historische Arbeit - ausgeblieben. Dieser Tatbestand wird heute in Teilen überlagert von der Ablösung der Generationen, die einander mit neuen Geschichten und veränderten Voraussetzungen begegnen. Wie wenig geschichtslos jedoch diese Voraussetzungen sind, wie geprägt sie bleiben auch von Versäumnissen der Vergangenheit, kann täglich erfahren werden.
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Fußnoten

1.
Zit. nach: Abraham Melzer (Hrsg.), Deutsche und Juden - ein unlösbares Problem. Reden zum Jüdischen Weltkongreß 1966, Düsseldorf 1966, S. 6, S. 8.
2.
Gershom Scholem, Juden und Deutsche, in: ders., Judaica 2, Frankfurt/M. 1995, S. 25.
3.
Ebd., S. 40, 25, 45, 46.
4.
Ebd., S. 41.
5.
Zit. nach: A. Melzer (Anm. 1), S. 75 - 78.
6.
Peter Szondi, Briefe, hrsg. v. Christoph König/Thomas Sparr, Frankfurt/M. 1993, S. 238 - 241.
7.
Heinrich Mann, Einführung, in: Morgenröte - ein Lesebuch, hrsg. von den Gründern des Aurora Verlages, New York 1947, S. 19.
8.
G. Scholem (Anm. 2), S. 46.
9.
www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/ laureates/1966/ (28.10. 2007).
10.
Alfred Andersch, Deutsche Literatur in der Entscheidung - Ein Beitrag zur Analyse der literarischen Situation, in: Gerd Haffmans (Hrsg.), Das Alfred Andersch Lesebuch, Zürich 1979, S. 127.
11.
Ders., Notwendige Aussage zum Nürnberger Prozeß, in: Der Ruf, Nr. 1, 15.8. 1946.
12.
Ders., Grundlagen einer deutschen Opposition, in: Der Ruf, Nr. 8, 1.12. 1946.
13.
Heinrich Böll, Wo ist dein Bruder? Rede anlässlich der "Woche der Brüderlichkeit" 1956, in: ders., Werke. Essayistische Schriften und Reden 1, Köln (o.J.), S. 172.
14.
Zit. nach: Sigrid Weigel, Die "Generation" als symbolische Form. Zum genealogischen Gedächtnis nach 1945, in: figurationen. Gender, Literatur, Kultur, 0 (1999), S. 169.
15.
Vgl. ebd., S. 171f., S. 168.
16.
Fritz J. Raddatz, Eine Woche der Brüderlichkeit, in: Die Gruppe 47 - Bericht/Kritik/Polemik, Neuwied-Berlin 1967, S. 165.
17.
Ders., Die ausgehaltene Realität, in Hans Werner Richter (Hrsg.), Almanach der Gruppe 47. 1947 - 1962, Reinbek 1964, S. 55.
18.
Hermann Kesten, Der Richter der Gruppe 47, in: Die Gruppe 47 (Anm. 16), S. 324.
19.
Winfried Georg Sebald, Konstruktionen der Trauer. Zu Günter Grass "Tagebuch einer Schnecke" und Wolfgang Hildesheimer "Tynset", in: Der Deutschunterricht, 35 (1983) 5, S. 34.
20.
Ebd., S. 39.
21.
Ebd., S. 42.
22.
Hilde Domin, Denk ich an Deutschland in der Nacht. Bemerkungen zu Wolfgang Hildesheimers "Tynset", in: Neue Deutsche Hefte, Sept./Okt. (1965), S. 124.
23.
Vgl. Klaus Briegleb, Mißachtung und Tabu. Eine Streitschrift zur Frage: "Wie antisemitisch war die Gruppe 47?", Berlin 2003.
24.
Günter Giefer/Peter Gundwin, Die Siebenundvierziger, in: Frankfurter Hefte, 10 (1955), S. 894.
25.
Sabine Cofalla (Hrsg.), Hans Werner Richter. Briefe, München-Wien 1997, S. 128.
26.
Ebd., S. 336.
27.
Vgl. Stephan Braese, Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur, Berlin-Wien 2001.
28.
Vgl. Ruth K. Angress (= Klüger), A "Jewish Problem" in German Postwar Fiction, in: Modern Judaism, 5 (1985) 3, S. 215 - 233.
29.
Sander L. Gilman, Jüdischer Selbsthaß. Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden, Frankfurt/M. 1993, S. 23.