APUZ Dossier Bild

16.11.2007 | Von:
Franz Nuscheler

Wie geht es weiter mit der Entwicklungspolitik?

Die Provokation des Big Push

Auf dem zur Jahrtausendwende in New York veranstalteten Millennium-Gipfel verkündete die Staatengemeinschaft einen entschlossenen "Krieg gegen die Armut". Die Vereinten Nationen verdichteten die Millennium-Erklärung auf die acht MDGs (Millennium Development Goals), die bis zum Jahr 2015 die schlimmsten Formen der Armut überwinden oder zumindest entschärfen sollten.[1] Es war aber vor allem die Forderung des US-Ökonomen Jeffrey Sachs, durch massive Kapitalspritzen (Big Push) die Verwirklichung dieser MDGs zu ermöglichen, die in der Entwicklungsforschung und entwicklungspolitisch interessierten Öffentlichkeit heftige Kontroversen auslöste. Der Big Push provozierte eine neue Spezies der Wirkungsforschung, die mit großem statistischem Aufwand zu erkunden versuchte, was das Projekt "Entwicklungshilfe" bisher bewirkt hat und was ein Big Push von viel mehr Geld aufgrund von Erfahrungen bewirken könnte. Ihre Erkenntnisse brachten die nationalen und internationalen Entwicklungsbürokratien in Argumentationsnöte.

Die in der entwicklungspolitischen Debatte ausgetragenen Kontroversen fanden auch in den Medien eine breite Resonanz, vor allem dann, wenn sich die Kritik für Schlagzeilen eignete. Dies galt besonders für den (deutschen) Buchtitel "Wir retten die Welt zu Tode". Sein Autor, der US-Ökonom William Easterly, der 16 Jahre lang für die Weltbank arbeitete und deshalb mit der von ihm so genannten "Hilfsindustrie" bestens vertraut ist, profilierte sich nun mit einem gehörigen Schuss Polemik als Kontrahent seines prominenten Kollegen Jeffrey Sachs. Das in den Medien viel zitierte Fazit des Buches lautet: "Doch nach 60 Jahren und unzähligen Reformprogrammen für Hilfsorganisationen, Dutzenden verschiedener Pläne und Zahlungen in Höhe von 2,3 Billionen US-Dollar hat die Hilfsindustrie ihr hehres Ziel noch immer nicht erreicht."[2] Er qualifizierte das Millennium-Projekt von Jeffrey Sachs, das auch Afrika mit einem mehrfachen Kapitaleinsatz aus der Massenarmut zu befreien versprach, kurzerhand als "Legende vom Big Push" ab. Easterly erregte auch deshalb so viel Aufsehen, weil er das bisher praktizierte System der von außen diktierten und finanzierten Entwicklung grundsätzlich in Frage stellte und stattdessen auf die Mobilisierung der inneren Selbstheilungskräfte setzte - also auf ein Modell, für das Muhammad Yunus 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Fußnoten

1.
Vgl. Franz Nuscheler/Michèle Roth (Hrsg.), Die Millennium-Entwicklungsziele. Entwicklungspolitischer Königsweg oder ein Irrweg?, Bonn 2006.
2.
William Easterly, Wir retten die Welt zu Tode, Frankfurt/M.-New York 2006, S. 19.