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16.11.2007 | Von:
Franz Nuscheler

Wie geht es weiter mit der Entwicklungspolitik?

Schwierige Verteidigung der Entwicklungspolitik

Kritische Wortmeldungen von dort, wo die "Entwicklungshilfe" helfen sollte, verschärften die Zweifel an ihren Wohltaten. Als kritische "Stimme des Südens" fand vor allem der Ökonom James Shikwati aus Kenia in deutschen Medien ein publizistisches Forum. Indem er der westlichen "Fehlentwicklungshilfe" anlastete, weit mehr geschadet als genutzt zu haben, goss er - zumal als Afrikaner - auch hierzulande Öl ins Feuer der Kritik.[3] Er dient nun vielen Kritikern als angeblich "authentischer" Kronzeuge. Auch ein besonnener Afrika-Kenner wie Bartholomäus Grill stellte in der Wochenzeitung "Die Zeit" die nachdenkliche Frage: "Wofür das Ganze?" Und er gab selbst die Antwort: "Doch in den vergangenen 50 Jahren hat Entwicklungshilfe wenig gebracht."[4] Immer wieder war und ist in der Debatte über die Wirksamkeit externer Hilfe auch das Argument zu hören und zu lesen, dass einerseits die heutigen Schwellenländer, allen voran die ostasiatischen "Tiger", ihren spektakulären Sprung aus der Unterentwicklung nicht der Auslandshilfe, sondern eigenen Anstrengungen und klugen Entscheidungen von "starken Staaten" zu verdanken hätten, andererseits viele arme Länder trotz - oder gar wegen - massiver Auslandshilfe arm geblieben oder sogar ärmer geworden seien.

Auch die Weltbank, die mit ihrem hochkarätigen Expertenstab die entwicklungspolitische Agenda dominiert, kam in Argumentationsnöte. In einer 1998 vorgelegten Studie versuchte sie, Antworten auf die von ihr selbst gestellten Fragen zu finden: "What Works, What Doesn't, and Why?" Ein Meisterwerk ihrer PR-Arbeit war ihre salomonische Antwort: "Foreign aid in different times and different places has been highly effective, totally ineffective, and everything in between."[5] Eine Literaturrecherche förderte bereits im Jahr 2005 rund 100 empirische Studien über die Wirksamkeit der Auslandshilfe zutage.[6] Die ökonometrische Wirkungsforschung wurde zu einem neuen Schwerpunkt der Entwicklungsökonomie. Sie erforschte mit allen Raffinessen der Statistik vor allem ihre Auswirkungen auf das quantifizierbare Wirtschaftwachstum, ignorierte dabei aber für die Entwicklung nicht minder wichtige, aber schwer ermessbare Trends. Obwohl sie einen großen Aufwand mit Bergen von Daten betrieb, kam sie dennoch nicht zu "robusten" Erkenntnissen. Von solchen ist erst dann die Rede, wenn sich die Ergebnisse von unterschiedlichen Modellrechnungen angleichen.

Es gehörte zum Streit unter Gelehrten, dass sie sich gegenseitig alle möglichen Methodik- und Rechenfehler vorwarfen, aber keine "robusten" Antworten auf die einfach erscheinende Frage fanden, ob die Auslandshilfe das Wirtschaftswachstum gefördert habe. Es gab jedoch eine breite Zustimmung zum Fazit einer Studie aus der entwicklungsökonomischen Denkfabrik der Weltbank: dass sie dann positive Wachstumseffekte haben könne, wenn sich die Empfängerländer um eine solide Finanz- und Handelspolitik sowie um geordnete Rechtsverhältnisse (also good governance) bemühten.[7] Aber auch dieses Ergebnis blieb nicht unumstritten, sodass Forscher des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) die folgenden "paradoxen Effekte" entdeckten: "Nach wie vor liegen jedoch keine eindeutigen Befunde der makroquantitativen Aggregatdatenforschung zur Wirksamkeit der Entwicklungshilfe hinsichtlich der Steigerung des Wirtschafswachstums vor."[8] Man möchte hinzufügen: Nicht einmal auf diese relativ einfache Frage konnten "robuste" Antworten gefunden werden.

Es ist schwierig, die Wirksamkeit der Auslandshilfe zu messen, weil sie mit einem vieldimensionalen Zielsystem operiert. Es bleibt offensichtlich eine auch durch einen großen empirischen Aufwand nicht mit letzter Gewissheit zu beantwortende Frage: Was wäre, im besonderen in den ärmsten Ländern, in denen teilweise mehr als die Hälfte der öffentlichen Investitionen von außen finanziert wird, ohne diese Infusionen geschehen? Afrika-Experten gehen davon aus, dass im Falle des subsaharischen Afrika das Wirtschaftswachstum ohne Unterstützung von außen weit geringer ausgefallen wäre.[9] Erst in den letzten Jahren sorgten höhere Rohstoffpreise für unterschiedlich starke Wachstumsschübe.

Fußnoten

3.
Vgl. James Shikwati, "Fehlentwicklungshilfe", in: Internationale Politik, 61 (2006), S. 6 - 15.
4.
Bartholomäus Grill, Wofür das Ganze?, in: "Die Zeit" vom 11. Januar 2007.
5.
Weltbank, Assessing Aid. A World Bank Policy Research Report, New York-Washington, D.C. 1998.
6.
Vgl. Hristos Doucouliagos/Martin Paldam, The Aid Effectiveness Literature. The Sad Results of 40 Years of Research, University of Aarhus, Working Paper 2005/15.
7.
Vgl. Craig Burnside/David Dollar, Aid, Policies, and Growth, in: The American Economic Review, 90 (2000), S. 847 - 868.
8.
Jörg Faust/Stefan Leiderer, Paradoxe Effekte. Befunde zur Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit im statistischen Ländervergleich, in: Eins, 9 (2006), S. 34 - 37.
9.
Vgl. Paul Collier, What Can We Expect from More Aid to Africa?, Centre for the Study of African Economies, Oxford University 2006.