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16.11.2007 | Von:
Franz Nuscheler

Wie geht es weiter mit der Entwicklungspolitik?

Entwicklungspolitik im Globalisierungszeitalter

Dirk Messner und Imme Scholz haben sieben "gute Gründe" für die Fortführung der Entwicklungspolitik genannt, ja sie im "wohlverstandenen Eigeninteresse" sogar aufzuwerten: Erstens sei es weiterhin wichtig, die endogenen Entwicklungspotenziale in armen Ländern zu stärken, weil die Industrieländer ein außenwirtschaftliches Eigeninteresse an prosperierenden Ökonomien, wachsenden Märkten und kaufkräftigen Konsumenten auch jenseits des OECD-Raumes hätten. Zweitens sei die Entwicklungszusammenarbeit von zentraler Bedeutung für die wirkungsvolle Bearbeitung der skizzierten Weltprobleme und für die "Geberländer" eine Investition, um ihre eigene globale Handlungsfähigkeit zu erhalten bzw. zu stärken. Drittens seien die Entwicklungsländer unverzichtbare Partner beim Versuch, globale Regelwerke zur Gestaltung der Globalisierung zu schaffen und ein funktionstüchtiges System von Global Governance aufzubauen. Viertens sei es wichtig, weltweit die Demokratie zu fördern, weil die Demokratieförderung eine zivile Form präemptiver Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik ein zentrales Element einer klugen Sicherheits- und Friedenspolitik sei. Fünftens könne eine aktive europäische Weltpolitik nur gelingen, wenn die EU in ein Netzwerk von verlässlichen Partnern auch jenseits der OECD-Welt investiere. Neben diesen fünf vorwiegend außen-, europa- und weltpolitischen Begründungen eines "wohlverstandenen Eigeninteresses" entdeckten Messner/Scholz in der Entwicklungspolitik sechstens auch eine Investition in die internationale Kooperationskultur und in das soziale Kapital der internationalen Gemeinschaft, das die Kosten und Hemmschwellen für unfaires Verhalten erhöhe. Der siebte "gute Grund" bewertet die Entwicklungspolitik als "Instrument einer auf Solidarität, Menschenrechten und gegenseitiger Hilfe basierenden wertorientierten Außenpolitik." Und dann kommt - wohlgemerkt an letzter Stelle - ein ethischer Imperativ: "Selbst wenn Hunger, Vertreibung und Krieg in entlegenen Gegenden dieser Welt keinerlei negative Bumerangeffekte für die Industriegesellschaften hätten, wäre Entwicklungspolitik ein Gebot der Mitmenschlichkeit."[14] So begründen Sozialethiker, Kirchen in vielen Enzykliken und Denkschriften sowie die Solidaritätsgruppen eine moralische Pflicht zur Solidarität mittels Entwicklungshilfe.[15]

Fußnoten

14.
Dirk Messner/Imme Scholz (Hrsg.), Zukunftsfragen der Entwicklungspolitik, Baden-Baden 2005, Einführung.
15.
Vgl. u.a. Klaus Hirsch/Klaus Seitz (Hrsg.), Zwischen Sicherheitskalkül, Interesse und Moral. Beiträge zur Ethik der Entwicklungspolitik, Frankfurt/M.-London 2005; hier besonders Thomas Kesselring, Wozu Entwicklungspolitik? Ethische Reflexionen, S. 63 - 81.