30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

16.11.2007 | Von:
Michael Grimm

Ökonomische Konsequenzen von AIDS-Epidemie in Entwicklungsländern

Die Wirkungskanäle zwischen HIV/AIDS und Wirtschaft

Auf der Haushaltsebene kommt es nach Ausbruch von AIDS - d.h. in Afrika, so die Schätzungen der WHO, im Durchschnitt acht Jahre nach der Infektion mit dem Virus - zunächst zu einem erhöhten Aufwand in Form von Zeit für Pflege sowie Ausgaben für medizinische Betreuung und Medikamente. Effektiv wirkende Medikamente sind den meisten Menschen in denen durch AIDS betroffenen armen Ländern allerdings nicht zugänglich. Der zeitliche Aufwand für die Pflege kann dazu führen, dass nicht nur die durch AIDS betroffene Person ihr Arbeitsangebot reduzieren muss bzw. eine geringere Produktivität aufweist, sondern auch die betreuenden Familienangehörigen, die die Pflege leisten. Die erhöhten Ausgaben für Pflege und Medikamente führen dazu, dass die Ausgaben für andere Güter wie beispielsweise Kleidung oder noch fundamentalere Dinge wie Nahrungsmittel, Schulbildung sowie ärztliche Versorgung von Kindern reduziert werden müssen. Letzteres kann insbesondere langfristig zu schwerwiegenden Konsequenzen führen. Im Kindesalter erlittene Defizite in der Ernährung, der medizinischen Versorgung und Schulbildung können später oft nicht mehr aufgeholt werden. In landwirtschaftlichen Haushalten können die erhöhten Ausgaben auch dazu führen, dass der Anbau von einfachen Getreidesorten, die entweder selbst konsumiert oder lediglich lokal getauscht werden, durch monetär handelbare Produkte wie Kaffee oder Kakao substituiert werden, um an Bargeld zu gelangen. Auch dies kann die Ernährungssituation eines Haushaltes erheblich belasten.

Stirbt eine durch AIDS betroffene Person, sind zu dem Bestattungekosten zu zahlen. Auch diese können je nach Kulturkreis eine hohe finanzielle Belastung für Haushalte darstellen. Allerdings, und dies wird oft übersehen, führt der Sterbefall auch zu einer Entlastung auf der Ausgabenseite sowohl hinsichtlich der alltäglichen Aufwendungen als auch hinsichtlich derjenigen für die medizinische Betreuung. Rein ökonomisch gesehen ist der Effekt, der direkt von der Sterblichkeit ausgeht also nur dann nachhaltig negativ, wenn das erwirtschaftete Einkommen des oder der Verstorbenen größer war als der von ihm oder ihr auf der Ausgabenseite zu verbuchende anteilige Verbrauch.

Größere Unternehmen und weite Teile des öffentlichen Sektors, die über qualifiziertes Fachpersonal verfügen, das unter Umständen auch im eigenen Unternehmen ausgebildet wurde, leiden unter einer geringeren Produktivität ihrer durch AIDS betroffenen Mitarbeiter. Zusätzlich werden sie durch Lohnersatzzahlungen und einer Beteiligung an den Beerdingungskosten belastet. Weiter müssen sie die Kosten der Suche und Ausbildung neuer Mitarbeiter tragen. Einige internationale Firmen, die in stark durch AIDS betroffenen Ländern tätig sind, wie beispielsweise Volkswagen und DaimlerBenz in Südafrika, investieren mittlerweile nach eigenen Angaben beachtliche Summen in die Prävention bzw. in die Betreuung ihrer durch AIDS betroffenen Mitarbeiter. In kleinen Unternehmen des informellen Sektors (Schattenwirtschaft), die in den meisten Entwicklungsländern bei weitem dominieren, sind die Probleme als weitaus geringer einzuschätzen. Arbeitnehmerversicherungen sind hier in der Regel nicht vorhanden, und die Qualifizierung der meisten Mitarbeiter ist so gering, dass der Ersatz aufgrund des enormen Angebots nur geringe ökonomische Auswirkungen hat.

Besondere Belastungen werden häufig im Bereich des öffentlichen Schulwesens vermutet. Erstens gelten in vielen durch AIDS betroffenen Ländern Lehrer als eine der wichtigsten Risikogruppen aufgrund ihrer oft sehr hohen räumlichen Mobilität und ihres in der Regel etwas überdurchschnittlichen Einkommens. Zweitens erfordert die Ausbildung neuer Lehrer relativ hohe finanzielle Ressourcen und Zeit. Das heißt, Investition in das Humankapital zukünftiger Generationen ist nicht nur auf der Ebene der Haushalte, das heißt von der Nachfrageseite her gefährdet, sondern auch von der Angebotsseite.

Auf der Ebene des öffentlichen Haushalts entstehen insbesondere dann erhebliche volkswirtschaftliche Kosten, wenn die Ausgaben für Gesundheit steigen und dafür andere Ausgaben wie im Bildungssektor oder Investitionen in Infrastruktur zurückgenommen werden müssen. Unter Umständen wird der Effekt zudem durch eine simultane Schrumpfung der Steuerbasis verstärkt. Die Wachstumsaussichten einer Volkswirtschaft könnten dadurch dauerhaft gedämpft sein. Allerdings sind solche Effekte nur dann quantitativ bedeutsam, wenn ein Staat erheblich in produktive Sektoren investiert, sich massiv im Kampf gegen AIDS beteiligt, und dies nicht durch zusätzliche internationale Hilfe kompensiert wird. Nur wenige Entwicklungsländer erfüllen alle drei Bedingungen.

Auf makroökonomischer Ebene könnte HIV/AIDS neben dem schon erwähnten negativen Effekt auf Investitionen zu einer massiven Zerstörung von Humankapital, zu einem signifikanten Ungleichgewicht in der Bevölkerungsstruktur sowie einer deutlichen Reduzierung des Bevölkerungswachstums beitragen. Darüber hinaus wird aktuell viel darüber spekuliert, ob der massive Zufluss von Entwicklungshilfe zum Kampf gegen AIDS zu so genannten "Dutch-Disease-Effekten"[1] führen kann. Die meisten Experten schätzen diese Gefahr allerdings als relativ gering ein.

Fußnoten

1.
Als "Dutch Disease" wird ein Anstieg der Einkommen in diesem Fall durch einströmende Entwicklungshilfe verstanden, der zur Aufwertung der inländischen Währung und schließlich zur Deindustrialisierung führt.