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16.11.2007 | Von:
Michael Grimm

Ökonomische Konsequenzen von AIDS-Epidemie in Entwicklungsländern

Einfluss von HIV/AIDS auf die Volkswirtschaft

Die empirische Messung der volkswirtschaftlichen Konsequenzen von HIV/AIDS über die oben beschriebenen Wirkungskanäle ist in der Regel mit großen Schwierigkeiten verbunden. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften hat man es in den Wirtschaftswissenschaften nicht mit kontrollierten Experimenten zu tun. Eine Beobachtung der Auswirkungen von HIV/AIDS unter Konstanthaltung aller anderen Größen ist nicht möglich. Die entscheidende Frage ist demnach: Welche anderen Dinge haben sich ebenfalls verändert und könnten diese für einen Teil der vielleicht fälschlicherweise der HIV/AIDS-Epidemie zugeschriebenen Effekte verantwortlich sein? Die folgende Abbildung illustriert den Sachverhalt für Südafrika (vgl. PDF-Version). Sie zeigt die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (linke Skala) und die der AIDS bedingten Sterbefälle (rechte Skala). Die Reihen weisen eine recht deutliche positive Korrelation auf. Daraus aber zu schließen, dass hier ein kausaler Zusammenhang besteht, wäre Unsinn. Die Frage, die sich stellt, ist: Wie kann ein adäquates Alternativszenario konstruiert werden? Das heißt, wie wäre die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in Südafrika ohne die HIV/AIDS-Epidemie gewesen?

Die unter Wissenschaftlern am häufigsten verwendete Methode, um die makroökonomischen Konsequenzen der HIV/AIDS-Epidemie quantitativ zu erfassen, ist die Simulation. Das heißt, es wird ein Alternativzustand simuliert, in dem man beispielsweise das Arbeitsangebot reduziert, die Gesundheitsausgaben erhöht und die Investitionen verringert. Schließlich werden die resultierenden Schlüsselvariablen wie Wirtschaftswachstum und Beschäftigung dieses Alternativzustandes mit dem des Ist-Zustandes verglichen. Vorteil dieser Methode ist, dass es zumindest theoretisch möglich ist, den Einfluss einer Änderung, z.B. einer Erhöhung der Sterblichkeit, isoliert zu betrachten. Nachteil dieser Methode ist, dass sehr viele Annahmen getroffen werden müssen. Wie verändert sich das Arbeitsangebot nach Bildungsgruppen? Wie stark beeinträchtigt AIDS die Arbeitsproduktivität? Was passiert mit der Spar- und Investitionsquote? Hierüber weiß man bisher nur sehr wenig. Darüber hinaus ist es wahrscheinlich, dass es sehr große Unterschiede von Land zu Land gibt. Entsprechend sind natürlich die Ergebnisse der Simulationsmodelle mit großer Unsicherheit behaftet.

Hinzu kommt, dass HIV/AIDS ein dynamisches Phänomen ist. Eine HIV-Infektion führt, wie oben erwähnt, in Afrika nach durchschnittlich acht Jahren zur Erkrankung und nach zehn Jahren zum Tod. In dieser Zeit besteht das Risiko, dass eine infizierte Person weitere Personen ansteckt. Je mehr sexuelle Partner die infizierte Person aufweist und je größer der Altersunterschied zwischen den Paaren, desto schneller kann sich die Epidemie in einer Bevölkerung ausbreiten. In dieser Zeit interagiert die Epidemie aber auch mit anderen demografischen Variablen. Beispielsweise haben HIV-infizierte Frauen eine biologisch geringere Fruchtbarkeit. Das heißt, das Bevölkerungswachstum geht unter Umständen nicht nur aufgrund der höheren Sterblichkeit, sondern auch aufgrund einer niedrigeren Geburtenhäufigkeit zurück. Daraus folgt: Möchte man die mittel- und langfristigen Konsequenzen der HIV/AIDS-Epidemie abschätzen, müssen hierüber ebenfalls Annahmen getroffen werden.

Hinsichtlich der mikroökonomischen Konsequenzen sieht die Lage kaum besser aus. Im Idealfall brauchte der Ökonom wie im medizinischen Experiment eine so genannte Behandlungsgruppe, d.h. Personen, die mit HIV/AIDS infiziert sind, und eine so genannte Kontrollgruppe, d.h. Personen, die nicht betroffen sind. Die "behandelten" Personen müssten dabei eine Zufallsstichprobe aller Personen sein. Aus ethischen Gründen ist es natürlich absolut undenkbar, solche Daten zu generieren. Deshalb behilft man sich in der Regel mit einfachen Haushaltsbefragungen, in denen man, neben der Haushaltsstruktur, der Bildung, der Beschäftigung, der landwirtschaftlichen Produktion, dem Einkommen und dem Vermögen auch nach einer möglichen HIV-Infektion oder AIDS-Erkrankung fragt. In manchen Befragungen ist es mittlerweile sogar möglich, die Personen einem freiwilligen AIDS-Test zu unterziehen. Aber die Betroffenen wissen oft selbst nicht, ob sie mit HIV/AIDS infiziert sind bzw. die Gruppe, die sich bereit erklärt, an einem Test mitzumachen, ist in der Regel nicht repräsentativ für die gesamte Gruppe aller Personen. Selbst wenn Gewissheit über den HIV/AIDS-Status besteht, ist es schwierig, Ursache und Wirkung zu ermitteln. Wenn beispielsweise Angehörige armer Haushalte eine höhere Wahrscheinlichkeit haben sich mit HIV zu infizieren und ihre Kinder seltener in die Schule schicken, könnte man zu dem Schluss kommen, dass HIV/AIDS einen negativen Einfluss auf das Einkommen und die Bildungsinvestitionen der Kinder hat. In Wahrheit sind aber ärmere Haushalte stärker von AIDS betroffen und schicken ihre Kinder generell, aufgrund des niedrigen Einkommens, seltener in die Schule. Das heißt, die Gruppe der von HIV/AIDS betroffenen Haushalte ist keine Zufallsstichprobe aller Haushalte.