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16.11.2007 | Von:
Michael Grimm

Ökonomische Konsequenzen von AIDS-Epidemie in Entwicklungsländern

Die makroökonomischen Konsequenzen

Simulationsstudien des oben erläuterten Typs, welche versuchen, die volkswirtschaftlichen Konsequenzen der HIV/AIDS-Epidemie in mittlerer Frist zu quantifizieren, kommen in der Regel zu dem Ergebnis, dass in den von HIV/AIDS stark betroffenen Ländern im südlichen Afrika das Wachstum über die nächsten 10 bis 15 Jahre jährlich um ein bis zwei Prozentpunkte zurückgehen wird. Dieser negative Wachstumseffekt ist in der Regel in erster Linie auf den Rückgang des Arbeitsangebotes, auf eine Verminderung des durchschnittlichen Humankapitals und damit der Arbeitsproduktivität und schließlich eine Reduzierung der volkswirtschaftlichen Ersparnis und der Investitionen zurückzuführen. Diese Effekte werden allerdings durch einen simultanen Rückgang des Bevölkerungswachstums und, sofern die Annahme einer offenen Volkswirtschaft getroffen wird, von einem Zufluss ausländischen Kapitals zumindest teilweise konterkariert. Beides führt zu einem Anstieg des Kapitals pro Kopf. Die kritischen Prämissen in einem solchen Modell betreffen die Annahmen, wie die unterschiedlichen Bildungsschichten der aktiven Bevölkerung durch HIV/AIDS betroffen sind und inwieweit es wirklich zu einem Rückgang der Ersparnis und der Investitionen kommt. Über beide Aspekte gibt es allerdings nur sehr vage empirische Erkenntnisse. Einige mikroökonomische Studien suggerieren, dass es bei geringer HIV-Prävalenzrate zunächst die gebildeten Schichten sind, die überproportional von HIV/AIDS betroffen sind. Grund hierfür könnte sein, dass sowohl Bildung als auch das Risiko einer HIV-Infektion mit dem Einkommen und der räumlichen Mobilität positiv korreliert sind. Allerdings betonen einige dieser Studien, dass höhere Bildungsschichten auch am schnellsten lernen und ihr Verhalten entsprechend anpassen. Das heißt, bei anhaltender Epidemie und steigenden Prävalenzraten verschwindet die überproportionale Präsenz hoher Bildungsgruppen unter den Betroffenen, so dass die Effekte auf das durchschnittliche Humankapital der Beschäftigten kleiner ausfallen.

Wie sind ein bis zwei Prozentpunkte Wachstumsverlust einzuschätzen? Gemessen am bisher doch eher moderaten Wachstum afrikanischer Volkswirtschaften im Vergleich zu aufstrebenden Volkswirtschaften in Süd-Ostasien sind ein bis zwei Prozentpunkte natürlich nicht unerheblich. Es ist auch unbestritten, dass eine nachhaltige Armutsreduzierung nur durch anhaltendes und kräftiges Wirtschaftswachstum erreicht werden kann. Aber Modellrechungen zeigen auch, dass die Ungleichheit entscheidenden Einfluss darauf hat, inwiefern Wirtschaftswachstum Armutsreduzierung herbeiführen kann. Bei hoher Ungleichheit kommt das Wirtschaftswachstum der armen Bevölkerung nur unterproportional zugute. Das heißt, der Entwicklung der Ungleichheit im Zuge der HIV/AIDS-Epidemie kommt eine große Bedeutung zu.

Einschlägige Studien zu den Wachstumseffekten der HIV/AIDS-Epidemie kommen jedoch zu anderen Ergebnissen, wenn sie einen längeren Zeitraum betrachten und entsprechend die dauerhaften Effekte auf die Akkumulation von Bildungskapital mitberücksichtigen. Die Studie des Heidelberger Ökonomen Clive Bell (und Koautoren)[2] betont insbesondere drei Mechanismen, über die die Akkumulation von Bildung gehemmt werden kann. Erstens, durch AIDS verursachte Einkommensrückgänge erschweren es den Eltern, adäquat in die Bildung ihrer Kinder zu investieren. Zweitens, durch AIDS verursachte Sterblichkeit führt zu einer verminderten Wissensweitergabe der Eltern an ihre Kinder. Drittens, in Erwartung einer niedrigen Lebenserwartung, erscheinen Bildungsinvestitionen weniger rentabel, weil die zu erwartende Nutzungsperiode der Investition geringer ausfällt. Für Südafrika finden die Autoren unter Berücksichtigung dieser drei Effekte einen substantiellen Rückgang des Bildungskapitals über die folgenden zwei bis drei Generationen. Dieser Rückgang an Bildungskapital führt dazu, dass im Jahre 2080 das durchschnittliche Bildungskapital pro Kopf auf ein Niveau reduziert wird, welches unter dem von 1960 liegt. Dies würde, so die Autoren weiter, zum Kollaps der südafrikanischen Wirtschaft führen. Allerdings lassen sich auch hier wieder Studien finden, die radikal gegenläufige Ergebnisse präsentieren. Der Chicago-Ökonom Alwyn Young behauptet, dass die negativen Effekte durch einen Anstieg der Bildungsrendite und einen Rückgang der Geburten überkompensiert werden.[3] Das theoretische und empirische Fundament dieser Analyse ist allerdings unter Ökonomien sehr umstritten.

Fußnoten

2.
Vgl. C. Bell/S. Devarajan/H. Gersbach, The Long-Run Economic Costs of AIDS, in: The World Bank Economic Review, 20 (2006) 1, S. 55 - 90.
3.
Vgl. A. Young, The Gift of the Dying: The Tragedy of AIDS and the Welfare of Future African Generations, in: Quarterly Journal of Economics, 120 (2005) 2, S. 423 - 465.