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16.11.2007 | Von:
Michael Grimm

Ökonomische Konsequenzen von AIDS-Epidemie in Entwicklungsländern

Die mikroökonomischen Konsequenzen

Der sicher offensichtlichste mikroökonomische Einfluss von HIV/AIDS ist die Beeinträchtigung der individuellen Produktivität. Eine Studie unter an AIDS erkrankten kenianischen Teepflückern und einer gesunden (nicht zwangsläufig repräsentativen) Kontrollgruppe zeigt, dass die Produktivität erkrankter Personen um ca. 17 Prozent niedriger liegt als die der gesunden Personen.[4] Hier muss allerdings wieder betont werden, dass in Afrika die AIDS-Erkrankung erst nach einer im Durchschnitt achtjährigen Inkubationszeit eintritt. Während dieser ist die körperliche Leistungsfähigkeit nahezu unbeeinträchtigt.

Statistisch verlässliche Studien, die sich mit den Konsequenzen auf der Ebene der Haushalte beschäftigen, sind selten. Am Beispiel einiger Regionen in Nigeria konnte der Harvard-Ökonom David Canning (und Koautoren) mit Hilfe so genannter Matching Modelle - hier werden Haushalte verglichen, die sich in ihren Eigenschaften sehr ähneln, sich aber im AIDS-Status unterscheiden - zeigen, dass in betroffenen Haushalten die Ausgaben für Pflege und medizinische Behandlung sich im Durchschnitt verdoppeln und fast 35 Prozent des Haushaltseinkommens erreichen.[5] Zusätzlich müssen die Haushaltsmitglieder erhebliche Zeit für die Pflege der erkrankten Personen aufwenden, die nicht anderweitig produktiv eingesetzt werden kann. Besonders schwerwiegend sind die Konsequenzen, wenn die erkrankte Person der Hauptverdiener im Haushalt ist, da es dann kaum möglich ist, die erhöhten Ausgaben zu kompensieren.

Der Tod der erkrankten Person bedeutet dann rein ökonomisch gesehen zunächst mal eine Erleichterung auf der Ausgabenseite, wenn auch Beerdingungskosten je nach religiösem Kontext eine wichtige Rolle spielen können. Dementsprechend zeigt die Weltbankforscherin Kathleen Beegle (und Koautoren) mit Hilfe von Längsschnittdaten - hier werden Haushalte über die Zeit beobachtet -, dass die ökonomischen Konsequenzen zwar für die betroffenen Haushalte negativ sind, aber nach einer Dauer von ungefähr zehn Jahren keine signifikanten Unterschiede mehr im ökonomischen Status zwischen betroffenen und nicht betroffenen Haushalten festgestellt werden können.[6]

Der bereits oben diskutierte negative Effekt von HIV/AIDS auf Investitionen in Bildung und Gesundheit der Kindergeneration kann empirisch bestätigt werden. Studien, die auf Längsschnittdaten basieren und damit in der Lage sind, kausale Effekte aufzuzeigen, belegen in der Tat einen negativen und signifikanten Effekt auf die Einschulungsraten von AIDS-Halb- und Vollwaisen. In einer weiteren Studie haben Beegle und Koautoren gezeigt, dass diese Effekte auch permanente Wirkung haben können. Erwachsene in Tansania, die als Waisen aufgewachsen sind, haben im Vergleich zu Nicht-Waisen, so die Studie, eine durchschnittlich geringere Körpergröße (ernährungsbedingt), eine geringere Schulbildung und ein geringeres Einkommen.[7]

Fußnoten

4.
Vgl. M. Fox/S. Rosen/W. MacLeo et al., The Impact of HIV/AIDS on Labor Productivity in Kenya, in: Tropical Medicine and International Health, 9 (2004) 3, S. 318 - 324.
5.
Vgl. D. Canning/A. Mahal/K. Odumosu/P. OkonkwoZhiwei, Assessing the Economic Impact of HIV/AIDS on Nigerian Households, PGDA Working Papers Nr. 1606, Harvard University 2006.
6.
Vgl. K. Beegle/J. de Weerdt/S. Dercon, Adult Mortality and Economic Growth in the Age of HIV/AIDS, in: Economic Development and Cultural Change, (i.E.).
7.
Vgl. Dies., The Long-run Impact of Orphanhood. World Bank Policy Research Paper 4353, World Bank, Washington, D.C. 2007.