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16.11.2007 | Von:
Michael Grimm

Ökonomische Konsequenzen von AIDS-Epidemie in Entwicklungsländern

Alternative Messmethoden

Mehr oder weniger alle oben verwendeten Indikatoren messen in irgendeiner Art und Weise Einkommensgrößen pro Kopf. Das heißt, sie beschränken sich auf die Messung monetärer Wohlfahrt und messen der Bevölkerungsgröße an sich keinen Wert bei. Im Gegenteil, stirbt eine Person, welche ein unterdurchschnittliches Einkommen bezieht, so steigt sogar die durchschnittliche Wohlfahrt. Dies wirft die berechtigte Frage auf, ob die üblicherweise verwendeten Messmethoden zur Beurteilung der ökonomischen Konsequenzen der HIV/AIDS-Epidemie nicht ungeeignet sind. Sollte nicht zumindest der Verlust an Leben in irgendeiner Weise in das verwendete Wohlfahrtsmaß eingehen? Der von den Vereinten Nationen jedes Jahr veröffentlichte Human Development Index (HDI) tut dies, wenn auch in recht rudimentärer Weise. Der HDI ist ein ungewichteter Mittelwert aus einem Lebenserwartungs-, Bildungs- und Einkommensindex. Norwegen erreicht seit einigen Jahren hier stets den höchsten Indexwert und das afrikanische Niger den niedrigsten.[10] Für die stark von HIV/AIDS betroffenen Länder weist der Index in der Tat, aufgrund des massiven Rückgangs der Lebenserwartung, einen Verlust auf. In Südafrika beispielsweise ist der Human Development Index zwischen 1990 und 2006 um 8,2 Punkte gefallen.

Damit ist Südafrika im Ranking aller Länder von der Position 85 auf 121 gefallen.[11] Simbabwe ist von Platz 121 auf Platz 151 zurückgefallen, ebenfalls in erster Linie aufgrund des massiven Rückgangs der Lebenserwartung. Insofern ist der HDI besser geeignet, die sozioökonomischen Konsequenzen aufzuzeigen als die einfache Betrachtung des BIP. Eine andere Alternative ist die Berechung von durchschnittlichen Lebenseinkommen anstatt von durchschnittlichen Jahreseinkommen. Werden nämlich durchschnittliche Lebenseinkommen betrachtet, würde ein durch AIDS bedingter Rückgang der Lebenserwartung ceteris paribus zu einem Rückgang des Einkommens führen. Simulationen für Südafrika zeigen, dass unter Berücksichtigung der gesamtwirtschaftlichen Effekte HIV/AIDS in der Tat zu einem Anstieg des durchschnittlichen Jahreseinkommens führt, aber zu einem deutlichen Rückgang des durchschnittlichen Lebenseinkommens.[12]

Resümierend kann festgehalten werden, dass selbst das Fehlen von unter Umständen substantiellen ökonomischen Konsequenzen nicht Anlass sein kann, die internationale Hilfe im Kampf gegen HIV/AIDS einzuschränken. Das Ausmaß der humanitären Katastrophe, rund 40 Millionen infizierte Personen weltweit, davon alleine rund 25 Millionen in Afrika südlich der Sahara, knapp drei Millionen durch AIDS bedingte Todesfälle im vergangen Jahr und ungefähre 15 Millionen Kinder, die durch AIDS zu Waisen geworden sind, sollten ausreichen, um die internationale Staatengemeinschaft und insbesondere die Regierungen der reichen und der betroffenen Länder dazu zu bewegen, alles nur Erdenkliche zu tun, um diesem Leid ein Ende zu setzen. Dazu zählt die Prävention ebenso wie die Behandlung bereits infizierter Personen. Dabei sollte aber nicht der Fehler begangen werden, den Kampf gegen AIDS isoliert von den übrigen Problemen zu betrachten oder gar die übrigen Entwicklungsziele zu vernachlässigen. Ein effizienter Kampf gegen HIV/AIDS in armen Ländern muss die finanziellen Mittel in die allgemeine Entwicklungsstrategie einbetten. Eine Prioritätensetzung nur auf das Ziel der AIDS-Prävention und Behandlung wäre mittel- bis langfristig sicher nicht von Erfolg gekrönt.

Fußnoten

10.
Vgl. UNDP, Human Development Report 2006, New York 2007.
11.
Allerdings ist die Anzahl der Länder, für die der HDI erfasst, wird auch in der Zeit gestiegen, so dass der tatsächliche Rückfall etwas überzeichnet wird.
12.
Vgl. M. Grimm/K. Harttgen, Longer Life. Higher Welfare?, in: Oxford Economic Papers, (i.E.).