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9.11.2007 | Von:
Sven Plöger

Wetter und Klimawandel - Essay

Wie glaubwürdig sind Klimaszenarien?

Will man effektiv handeln, um möglichen Folgen der Erderwärmung entgegenzuwirken, so ist es unerlässlich, zu wissen, was uns in Zukunft erwartet. Nur dann sind zielgerichtete Strategien möglich. Aber wie sieht unser Klima in 30, 50, 100 oder mehr Jahren aus? Eine wahrhaft schwer zu beantwortende Frage - aus dem Versuch, eine Antwort zu geben, ist die wissenschaftliche Klimaforschung entstanden. In den vergangenen Jahrzehnten wurden Tausende von Studien durchgeführt und publiziert. Aber durch die Komplexität der Vorgänge, die sich in der Atmosphäre abspielen, ist auch klar: Hundertprozentig werden wir die Natur nie verstehen, und unsere Berechnungen werden immer nur mehr oder weniger grobe Annäherungen an das Geschehen bleiben.

Die Atmosphäre ist deshalb so komplex, weil zwischen den physikalischen Mechanismen unterschiedlichste Rückkopplungen stattfinden: Dreht man an einer Schraube, so drehen sich hunderte andere mit, aber jede verändert das Gesamtbild. Wenn z.B. irgendwo Eis schmilzt, dann erscheint dort anschließend eine dunklere Fläche. Eis und Schnee haben eine große Albedo, sprich sehr viel Energie wird von der weißen Oberfläche ungenutzt zurückgestrahlt. Nach dem Abschmelzen nimmt der dann dunklere Boden hingegen viel mehr Energie auf, die zu beschleunigter Erwärmung führt - ein positiver Rückkopplungsprozess. Ein weiteres Beispiel ist der Golf- bzw. Nordatlantikstrom: Wir in Europa profitieren von dieser gigantischen Fernheizung durch die warme Meeresoberflächenströmung. Beim Abschmelzen des polaren Eises wäre es aber theoretisch denkbar, dass sich dieser Strom durch den Süßwasserzufluss in den Atlantik abschwächt. Wir verlören unsere große Heizung Nordatlantikstrom, und Europa würde - das ist ein unwahrscheinliches Szenario - trotz der globalen Erwärmung auskühlen. Man nennt so etwas einen negativen Rückkopplungsprozess.

Das Ende vom Lied ist, dass wir Unsicherheiten beim Wissen über die Zukunft akzeptieren müssen. Genau hier liegt die Crux. Wenn man ganz sicher wüsste, wie unsere Klimazukunft aussieht, wäre es verhältnismäßig einfach, eine Strategie zu entwickeln, welche die negativen Folgen eindämmt. Doch müssen wir eine Vielzahl von Argumenten abwägen, deren vernünftige Bewertung zur bestmöglichen Strategie führt, die wiederum nur mit einem weltweiten gesellschaftlichen und politischen Konsens zu schaffen ist. Die große Herausforderung dieses Jahrhunderts liegt darin, eine weltweite Diskussion zuzulassen und sich gleichzeitig bewusst zu sein, dass die Zeit gegen uns läuft - ein wirklicher Spagat.

Deshalb ist ein vernünftiger Umgang mit Kritik oberstes Gebot. Wohlverstandene, sachliche Kritik ist der Antriebsmotor für eine gute und sorgfältige Forschung - sie bringt die notwendigen Impulse. Aber diese fundierte Kritik muss sorgfältig unterschieden werden von lobbyistisch geprägter Kritik, die immer wieder versucht - zum Teil mit sehr alten und längst widerlegten Argumenten -, die Wissenschaft zu unterminieren und Politiker zu beeinflussen. Dazu gehört die Frage, weshalb die Klimaforschung eigentlich Prognosen für die nächsten hundert Jahre abgibt, wenn wir Meteorologen uns doch manchmal schon mit der Wettervorhersage für das kommende Wochenende schwer tun. Wer diese Frage stellt, hat den Unterschied von Wetter und Klima nicht erfasst, denn es geht ja um zwei völlig verschiedene Dinge. Bei der Wettervorhersage werden die aktuellen physikalischen Vorgänge im Modell nachgebildet, während hinter der Szenarienrechnung beim Klima eine vollkommen andere Mathematik steckt - man rechnet ja nicht einfach sein Wettermodell statt für zehn nun für 36 500 Tage.

Zwei weitere, stets wiederkehrende Argumente sollen Erwähnung finden: zum einen jenes, nach dem sich in der Klimageschichte der CO2;-Gehalt immer erst als Folge eines Temperaturanstieges geändert hat und nicht umgekehrt - wie es beim anthropogenen Treibhauseffekt jetzt aber passieren soll. Ist es möglich, dass zehntausenden Wissenschaftlern über Jahrzehnte diese falsche Reihenfolge entgangen ist? Natürlich nicht, denn niemand erwartet es anders. Wenn sich nämlich die Temperatur (z.B. durch Änderungen der Erdbahnparameter) ändert, dann erwärmt sich auch der Ozean. Wie bei einer Sprudelflasche gast das im Ozean befindliche CO2 dann stärker aus und gelangt in die Atmosphäre. Dieses zusätzliche Kohlendioxid verstärkt als Rückkopplung den Treibhauseffekt und erzeugt den Temperaturanstieg. Durch unsere CO2-Emissionen ist der natürlich ausgelöste Temperaturanstieg also gar nicht erforderlich, um den Treibhauseffekt zu verstärken.

Zum zweiten wird gerne eine globale Verschwörung der Klimaforscher behauptet. Mit der Erkenntnis, durch Horrorszenarien staatliche Forschungsgelder quasi unbegrenzt anzapfen zu können, schließe man sich zusammen, kassiere ab und belächele die Dummheit der Welt. Nun denn, ein Einzelner mag so denken - aber eine ganze Armada von teils konkurrierenden Wissenschaftlern über die Welt verteilt lässt sich wohl kaum zu dieser bösartigen Einigkeit zusammenschließen.