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9.11.2007 | Von:
Steffen Bauer
Carmen Richerzhagen

Nachholende Entwicklung und Klimawandel

Die Erfordernisse der internationalen Klimapolitik verdeutlichen, dass es um globale Strukturpolitik geht, die der Unterstützung für gesellschaftliche Reformprozesse und des Technologie- und Wissenstransfers bedarf.

Einleitung

Um zu verhindern, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel außer Kontrolle gerät, müssen die globalen Treibhausgasemissionen bis zur Jahrhundertmitte um etwa 50 Prozent gesenkt werden. Nur so kann die durchschnittliche globale Erwärmung noch bei etwa zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit stabilisiert werden. Eine darüber hinaus gehende Erwärmung würde nach Einschätzung des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change/IPCC) mit hoher Wahrscheinlichkeit zu unumkehrbaren Rückkopplungseffekten im Klimasystem führen und verheerende Folgen für die menschliche Zivilisation zeitigen.[1] Daher bedarf es unverzüglicher Weichenstellungen für eine wirksame internationale Klimapolitik, deren Kern verbindliche Vereinbarungen zwischen den Industrieländern und den rasch wachsenden "Ankerländern" sein müssen.










Bei den so genannten Ankerländern handelt es sich um Partnerländer, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen, geographischen und demographischen Größe für die Gestaltung regionaler Prozesse und für die Lösung globaler Probleme von besonderer Bedeutung sind.[2] Ohne drastische Emissionseinsparungen der Industrieländer und eine Minderung des Emissionszuwachses in Nationen wie vor allem China und Indien wird eine Halbierung der globalen Treibhausgasemissionen bis 2050 nicht möglich sein. Zwar liegt die Hauptverantwortung für die globale Erwärmung zweifellos bei den Industrienationen, aber auch die Emissionen der beiden asiatischen Riesen haben diese in den vergangenen Jahren unübersehbar zum Teil des Problems werden lassen. Hinzu kommt, dass die politischen und wirtschaftlichen Aufholprozesse der Ankerländer von den Folgen des Klimawandels voraussichtlich negativ betroffen sein werden, so dass die Vermeidung einer ungebremsten globalen Erwärmung in ihrem ureigenen Interesse liegt.

Schon die wegen der Trägheit des Klimasystems praktisch nicht mehr vermeidbare globale Erwärmung um 1,5 bis zwei Grad hat weit reichende Folgen für die Entwicklungsperspektiven weltweit. Die Gesellschaften der ärmsten Entwicklungsländer werden am härtesten betroffen sein. Der Klimawandel wird aber auch die nachholende Entwicklung in den stark wachsenden Ankerländern bedrohen und Hunderte Millionen Menschen unmittelbar betreffen. Nicht zuletzt würde eine Verlangsamung der weltwirtschaftlichen Dynamik in Folge massiver durch den Klimawandel verursachter Kosten der für die nachholende Entwicklung dieser Länder essenziellen Weltmarktintegration zuwiderlaufen.[3]

Die zentrale Rolle, die den Ankerländern in den Diskussionen um internationale Zusammenarbeit und globale Strukturpolitik zukommt, wird in der internationalen Klimapolitik besonders deutlich. Im Idealfall wird ihnen eine Lokomotivfunktion für politische und wirtschaftliche Entwicklungen in ihrem jeweiligen Bezugsraum zugeschrieben, wie beispielsweise der Republik Südafrika im südlichen Afrika.[4] Zugleich bleiben die Ankerländer aber maßgebliche Entwicklungsländer in dem Sinne, dass wesentliche Ziele der Entwicklungspolitik nur mit und in diesen Ländern erreicht werden können. Die Bedeutung einzelner Ankerländer variiert dabei je nach Entwicklungsproblem.[5]

Die besondere Relevanz einiger Ankerländer für die Klimapolitik ist offenkundig, wenn man bedenkt, dass China die USA schon bald als weltweit größter CO2-Emittent ablösen wird und auch in anderen rasch wachsenden Ankerländern die Emission von Treibhausgasen stark zunimmt.[6] Für die Dynamik der globalen Erwärmung wird viel davon abhängen, ob China die erheblichen Mittel, die es in den kommenden Jahren im Energiesektor investieren will, dazu nutzt, seine Energieeffizienz radikal zu erhöhen und eine Trendwende zur Nutzung erneuerbarer Energien einzuleiten, oder ob es einem Ausbau der fossilen Energienutzung verhaftet bleibt. Doch es geht nicht nur um das Ankerland China, dem auf Grund seiner schieren Größe herausragende Bedeutung zukommt. Auch die indischen Treibhausgasemissionen werden im Zuge der nachholenden Entwicklung rasch weiter steigen, Brasilien und Indonesien tragen mit ihren Regenwäldern Verantwortung für wesentliche CO2-Speicher des Erdsystems, Südafrikas Energieversorgung und Wirtschaftswachstum basiert maßgeblich auf Steinkohle.

Wir werden nachfolgend die Problematik der Ankerländer zwischen nachholender Entwicklung und Klimawandel an den Beispielen China, Indien und Brasilien darstellen. Dabei beschreiben wir erstens, wie diese Länder durch absehbare Folgen des Klimawandels betroffen sein werden, und zweitens, in welchem Maße sie selbst zum Klimawandel beitragen. Daran anschließend erörtern wir die Rolle der Ankerländer in der internationalen Klimapolitik und zeigen, wie durch eine intensive Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Ankerländern die nachholende Entwicklung in den Ankerländern fortgesetzt werden könnte, ohne eine verantwortungsvolle Klimapolitik zu blockieren.

Fußnoten

1.
Vgl. IPCC, Climate Change 2007: The Physical Science Base, Contribution of Working Group I to the Fourth Assessment Report, Genf 2007.
2.
Vgl. Andreas Stamm, Schwellen- und Ankerländer als Akteure einer globalen Partnerschaft. Überlegungen zu einer Positionsbestimmung aus deutscher entwicklungspolitischer Sicht (DIE Discussion Paper 1/2004), Bonn 2004; Detlef Nolte, Das Ankerland-Konzept: Rechtfertigung für Entwicklungszusammenarbeit mit Schwellenländern, in: eins Entwicklungspolitik, (2007) 4.
3.
Vgl. Nicholas Stern, The Economics of Climate Change. The Stern Review, Cambridge 2006.
4.
Vgl. A. Stamm (Anm. 2).
5.
So soll laut Millenniumsentwicklungsziel 1 bis 2025 die Zahl der absolut Armen weltweit halbiert werden; etwa drei Viertel der absolut Armen weltweit leben gegenwärtig in den vier Ankerländern China, Indien, Brasilien und Nigeria.
6.
Vgl. International Energy Agency (IEA), World Energy Outlook, Paris 2006.