APUZ Dossier Bild

9.11.2007 | Von:
Steffen Bauer
Carmen Richerzhagen

Nachholende Entwicklung und Klimawandel

Ankerländer als Betroffene des Klimawandels

China stellt ein vom Klimawandel besonders betroffenes Land dar, das künftig mit höheren Durchschnittstemperaturen, härteren Dürrephasen und schwereren Starkregenereignissen rechnen muss. Dies wird unter anderem im Norden des Landes die Desertifikation (Ausbreitung der Wüsten) beschleunigen und dieWasserversorgung weiter Landstriche gefährden.[7] Es ist offen, inwieweit die Steuerungs- und Handlungsfähigkeit des Staates ausreicht, die Herausforderungen zubewältigen, die sich aus ökonomischer Modernisierung, ökologischer Degradation und sozialem Wandel ergeben und die sich durch den Klimawandel absehbar verschärfen werden.

Der chinesische Wirtschaftsboom findet fast ausschließlich in den urbanen Zentren der Küstenregion statt, während weite Teile des Binnenlandes weiterhin die Merkmale typischer Entwicklungsländer tragen.[8] Dabei sind die ärmsten und am wenigsten entwickelten ländlichen Trockenregionen am stärksten von den Folgen der Rohstoffausbeutung und des Klimawandels betroffen. Die dort lebenden Menschen sind der voranschreitenden Bodendegradation, zunehmenden Unwettern und Dürreperioden sowie knapper werdenden Süßwasserressourcen unmittelbar ausgesetzt. Landflucht ist eine gängige Bewältigungsstrategie. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass die Binnenmigration in Folge klimabedingter Degradation weiter zunehmen und zu einer der zentralen Herausforderungen für die chinesische Regierung werden wird.[9]

Eine erhebliches zusätzliches Risiko liegt in der Konzentration der Industrieproduktion, dem Motor des chinesischen Wirtschaftswunders, an der Ostküste. Der steigende Meeresspiegel und die Zunahme von Tropenstürmen und Flutkatastrophen könnten nicht nur die Industrieanlagen und ihre Versorgungsinfrastruktur beschädigen. Sie werden auch Millionen von Wanderarbeitern betreffen, die in den Megacities leben und deren Slums "den Favelas Brasiliens in nichts nachstehen".[10]

Die gesellschaftlichen Disparitäten, ethnische Spannungen und die weiter steigende Ausbeutung von Umwelt und Ressourcen zur Sicherung des wirtschaftlichen Aufschwungs bergen, verstärkt durch die Auswirkungen des Klimawandels, erhebliche Gefahren für die politische Stabilität der Volksrepublik.[11] Diese hängt nicht zuletzt von der Legitimität des politischen Systems ab, die auf dem Versprechen wirtschaftlicher Entwicklung gründet.[12]

Der absehbare Klimastress, der das labile chinesische Erfolgsmodell zusätzlich unter Druck setzt, und die zu entwickelnden Anpassungskapazitäten stellen die Volksrepublik sowohl in planerischer als auch in finanzieller Hinsicht vor gigantische Herausforderungen. Die Bewältigung der Umweltfolgen der nachholenden Entwicklung und die Anpassungsfähigkeit gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels werden zu zentralen Faktoren für Chinas weitere Entwicklung.

Auch Indien wird in vielfacher Weise von den Folgen des Klimawandels betroffen. Veränderungen der für die Landwirtschaft so wichtigen Monsunregenfälle würden die regionale Ernährungssicherheit bedrohen, das Abschmelzen der für die regionale Wasserversorgung bedeutsamen Himalayagletscher gefährdet die Wasserversorgung. Starkregenereignisse und Tropenstürme werden sich häufen und immer wieder schwere Flutkatastrophen herbeiführen, die nicht zuletzt Indiens rasch wachsende Küstenstädte bedrohen.[13] Die schwersten Folgen der Klimaveränderung werden wahrscheinlich zuerst und vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten treffen: die vom Regenfeldanbau abhängigen Bauern auf dem Land und die Bewohner der riesigen Slums in den Ballungszentren.[14]

Da auch die Nachbarn Bangladesch und Pakistan unter zunehmenden Klimastress geraten werden, ist damit zu rechnen, dass sich die Zuwanderung nach Indien intensiviert und die regionale Stabilität gefährdet. Insbesondere Migration aus dem kleinen, aber äußerst dicht besiedelten Bangladesch führte schon häufiger zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in den angrenzenden indischen Bundesstaaten. Der Migrationsdruck durch "Klimaflüchtlinge" wird zunehmen, während die indische Bevölkerung weiter wächst. Eine Verschärfung der sozialen Spannungen in einer Region, die ohnehin zu den konfliktträchtigsten der Welt zählt, ist fast zwangsläufig zu erwarten.[15]

Für die klimabedingten Herausforderungen Brasiliens wird hier exemplarisch die Amazonasregion betrachtet, die das größte zusammenhängende Tropenwaldgebiet der Erde darstellt und die sich weit über das brasilianische Territorium hinaus erstreckt.[16] Neben dem trockenen Nordosten Brasiliens ist Amazonien die ärmste Region des Landes. Bei einem ungebremsten Klimawandel wäre das Amazonas-System vom Kollaps bedroht, womit ein so genannter Kipppunkt erreicht würde, der nicht nur die Lebensbedingungen in Südamerika radikal verändern, sondern auch eine Rückkopplung im Erdsystem auslösen würde, welche die globale Erwärmung beschleunigen würde. Absehbar werden zunächst Wechselwirkungen zwischen Entwaldung, regionalen Klimaänderungen und der globalen Erwärmung dazu führen, dass sich weite Teile des östlichen Amazonasregenwaldes in Savanne verwandeln.[17] Damit verschlechtern sich die Rahmenbedingungen für einen wirksamen Biodiversitätsschutz, mit unabsehbaren Folgen für die artenreichen Ökosysteme der Region.[18]

Sollten diese Veränderungen eintreffen, wird das Leben in der Region nicht nur für Kleinbauern schwieriger werden. Sie wird kaum noch als Expansionsraum für die großbetriebliche Landwirtschaft und als Zielregion der armutsbedingten Binnenmigration in Frage kommen. Parallel würden die Erträge in den besser erschlossenen Agrarregionen im Süden, im Zentrum und im Südosten Brasiliens aufgrund rückläufiger Wasserverfügbarkeit und höherer Temperaturen sinken und den Agrarsektor als Standbein der brasilianischen Exportwirtschaft gefährden. Verteilungskämpfe könnten das bereits hohe Gewaltpotenzial in der Region weiter steigern, die innere Sicherheit und Stabilität gefährden und Brasiliens Rolle als Ordnungsmacht und führende Regionalwirtschaft Südamerikas schwächen.[19]

Gegenwärtig vermag Brasilien trotz seiner Größe und erheblicher sozioökonomischer Disparitäten ein relativ hohes Maß an politischer Stabilität zu sichern und seiner Bedeutung als Ankerland gerecht zu werden.[20] Sollte das Land aber von den Auswirkungen des Klimawandels überfordert werden, wird es entsprechend weniger Kapazitäten für regionale und globale Aufgaben haben.

Fußnoten

7.
Vgl. IPCC, Climate Change 2007: Impacts, Adaptation and Vulnerability. Contribution of Working Group II to the Fourth Assessment Report, Genf 2007.
8.
Seit Beginn der Reformpolitik 1978/79 weist die chinesische Wirtschaft ein Wachstum von durchschnittlich über sieben Prozent pro Jahr auf; das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen hat sich zwischen 1981 und 2003 mehr als vervierfacht, der Anteil extremer Armut sank von über 60 auf knapp zehn Prozent; vgl. World Bank, World Development Indicators 2006. Economy, States & Markets, Washington, DC 2006.
9.
Vgl. Thomas Heberer/Anja D. Senz, Destabilisierungs- und Konfliktpotenzial prognostizierter Umweltveränderungen in China bis 2020/2050, Berlin 2006.
10.
Eberhard Sandschneider, Globale Rivalen: Chinas unheimlicher Aufstieg und die Ohnmacht des Westens, München 2007, S. 76.
11.
Vgl. T. Heberer/A. D. Senz (Anm. 9); Elizabeth C. Economy, The river runs black. The environmental challenge to China's future, Ithaca 2004.
12.
Vgl. E. Sandschneider (Anm. 10).
13.
Vgl. IPCC (Anm. 7).
14.
1999 lag die Armut in Indien im nationalen Durchschnitt bei 26,1, in Bihar jedoch bei 42,6 und in den nordöstlichen Bundesstaaten Assam und Meghalaya bei 36,1 bzw. 33,9 Prozent; vgl. Asian Development Bank (ADB), Regional Cooperation Strategy and Program South Asia 2006 - 2008, Manila 2006.
15.
Vgl. WBGU, Sicherheitsrisiko Klimawandel, Berlin 2008, S. 153ff.; Cord Jakobeit/Chris Methmann, Klimaflüchtlinge, Hamburg 2007.
16.
Das Amazonasbecken liegt zu etwa 60 Prozent auf brasilianischem Staatsgebiet, der Rest verteilt sich auf Bolivien, Peru, Kolumbien, Venezuela, Ecuador, Surinam und Guayana.
17.
Vgl. IPCC (Anm. 7).
18.
Vgl. Millennium Ecosystem Assessment, Ecosystems and Human Well-Being, Biodiversity Synthesis, Washington, DC 2005.
19.
Vgl. WBGU (Anm. 15), S. 164 - 167.
20.
Vgl. Jörg Faust, Staatlichkeit und Governance: Herausforderungen in Lateinamerika, DIE Analysen & Stellungnahmen 1/2007.