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9.11.2007 | Von:
Steffen Bauer
Carmen Richerzhagen

Nachholende Entwicklung und Klimawandel

Ankerländer als Mitverursacher des Klimawandels

Insbesondere die Wachstumsdynamik der beiden asiatischen Riesen China und Indien geht mit steigendem Energieverbrauch einher: Der Anteil Chinas an der globalen Primärenergienachfrage ist zwischen 1990 und 2005 von zehn auf 14,5 Prozent gestiegen; der Anteil Indiens im gleichen Zeitraum von 4,1 auf 5,1 Prozent. Selbst bei sinkenden Energieintensitäten wird die Energienachfrage beider Länder weiter steigen. Die Internationale Energieagentur (IEA) nimmt an, dass der Primärenergiebedarf Chinas bis 2015 gegenüber 2004 noch einmal um mehr als die Hälfte zunehmen wird, der Indiens um mehr als ein Drittel.[21] Da dieser wachsende Bedarf bislang überwiegend durch fossile Energieträger gedeckt wurde, dürften auch künftig die CO2-Emissionen beider Länder kontinuierlich ansteigen und den Klimawandel verschärfen. Während auf China 1990 noch etwa elf Prozent der globalen CO2-Emissionen entfielen, waren es 2004 bereits 18 Prozent. Der Anteil Indiens hat sich seit 1990 von knapp drei auf über vier Prozent erhöht und liegt nunmehr über dem Anteil Deutschlands.[22]

Daneben scheint der Beitrag der übrigen Ankerländer auf den ersten Blick vernachlässigbar. Dennoch tragen auch sie eine zunehmende Verantwortung für den globalen Klimawandel, wobei neben den Emissionen vor allem Fragen der Landnutzung von Bedeutung sind. Das betrifft vor allem die Nutzung des Amazonasregenwalds in Brasilien, gilt so ähnlich aber auch für das südostasiatische Ankerland Indonesien.[23]

Die größte Sorge in der Amazonasregion ist die anhaltende Entwaldung. Bis zur Jahrhundertmitte könnte knapp ein Drittel des Regenwaldes verschwinden. Brasilien fällt eine Schlüsselrolle zu. Seit in den 1960er Jahren mit dem Bau von Überlandstraßen die ökonomische Erschließung Amazoniens begann, wurde die Region zu einem Eldorado für Expansionsbestrebungen sowohl privater als auch öffentlicher Unternehmer. Seit den 1990er Jahren wird die mit der kapitalintensiven "Inwertsetzung" Amazoniens einhergehende Entwaldungsdynamik überwiegend von Sägewerkbesitzern, Viehzüchtern und Sojafarmern getragen, die nicht zuletzt von einer starken Nachfrage aus Europa profitieren. Nachdem die Savanne im Süden Amazoniens für den Sojaanbau erschlossen werden konnte, werden nun auch in Zentralamazonien große Flächen gerodet. Die massive Ausweitung der Zuckerrohrplantagen für die Produktion von Bioethanol im Süden und Südosten des Landes leistet der Verschiebung des Sojaanbaus in das Amazonasgebiet weiteren Vorschub, wobei Amazonien zunehmend für die Produktion von Biokraftstoffen in den Blick genommen wird.[24]

Rodungen werden fast immer unter Umgehung oder Missachtung der gesetzlichen Grundlagen durchgeführt. Sie bleiben jedoch meist straffrei, da Zielkonflikte zwischen umweltpolitischen und wirtschaftspolitischen Interessen (u.a. Wasserkraft, Gaspipelines, Straßenbau) eine Durchsetzung der zur Bekämpfung der Entwaldung beschlossenen Maßnahmen behindern. Zwar ist die brasilianische Bundesregierung seit einigen Jahren bemüht, die Durchsetzung nationalen Rechts in den Regionen zu verbessern. Solange dies aber nicht gelingt, werden die beschriebenen Landnutzungsänderungen zunehmend zum Problem der globalen Erwärmung beitragen.

Fußnoten

21.
Vgl. IEA (Anm. 6).
22.
Vgl. World Resources Institute, Climate Analysis Indicator Tool (CAIT) Total GHG Emissions in 2003 (excludes land use change), Washington, DC 2007; www.cait.wri.org.
23.
Vgl. Nana Künkel: Das Beispiel Indonesien: Strategien zur Anpassung an den Klimawandel, in: entwicklung & ländlicher raum, (2007) 5.
24.
Vgl. WBGU (Anm. 15), S. 164 - 167.