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24.9.2007 | Von:
Tobias Wunschik

Baader-Meinhof international?

Dimensionen der Verflechtung

Die deutschen Linksterroristen der 1970er und 1980er Jahre erklärten wie die studentische Protestbewegung von 1968,[5] gegen die Ausbeutung in der "Dritten Welt" zu kämpfen,[6] und engagierten sich international in unterschiedlichem Maße. Insgesamt blieb die "Bewegung 2. Juni" am stärksten auf ihr lokales Umfeld (in West-Berlin) konzentriert, suchte aber dennoch Unterstützung im Nahen Osten. Für ihre Vorläuferorganisation, die "Tupamaros Westberlin", hatte die palästinensische Befreiungsbewegung sogar die Rolle eines "Geburtshelfers" gespielt. Denn der Anführer der "Tupamaros", Rainer Kunzelmann, hatte im September 1969 zusammen mit anderen bei der Al-Fatah in Jordanien den Umgang mit Waffen erlernt.[7] Auch die Ideologie der Gruppe wurde dadurch beeinflusst, und fortan war ihr der palästinensisch-israelische Konflikt wichtiger als der Vietnam-Krieg.[8] Aufgrund von Kontakten der "Bewegung 2. Juni" zu den Palästinensern war der linksrevolutionäre Südjemen dann auch bereit, jene Terroristen aufzunehmen, die durch die Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz im Februar 1975 freigepresst worden waren.

Die RZ suchten seit ihrer Bildung im Jahr 1973 die Kooperation mit der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), der zweitstärksten Fraktion innerhalb der PLO. Nach einer gemeinsamen, jedoch umstrittenen Flugzeugentführung im Jahr 1976 nach Entebbe in Uganda kam es über die Frage der internationalen Koordination zur Spaltung. Johannes Weinrich und Magdalena Kopp schlossen sich der Gruppe des Top-Terroristen "Carlos" an.[9]

Die hierarchischen Strukturen der RAF sowie ihre konspirative Abschottung hätten einer internationalen Vernetzung abträglich sein müssen. Jedoch existierte die Gruppe vergleichsweise lange, so dass sich internationale Bande entwickeln und festigen konnten.[10] So erklärte sich die RAF zur Verbündeten der nordvietnamesischen FNL, der PLO, der nordirischen IRA und der mosambikanischen Frelimo.[11] Der RAF-Angehörige Volker Speitel traf außerdem Vertreter der baskischen Terrorgruppe ETA.[12] Besonders die dritte Generation der RAF pflegte mit "wechselndem Erfolg" Kontakte zu Gesinnungsgenossen in Frankreich, Belgien und Italien.[13] Ideologisch gerechtfertigt wurde dies im so genannten Mai-Papier von 1982 mit dem angeblich notwendigen Aufbau einer gemeinsamen "antiimperialistischen Front" in Westeuropa. Doch nicht immer waren die Annäherungsversuche von Erfolg gekrönt. So benannte die RAF das Kommando beim Anschlag auf Ernst Zimmermann im Jahr 1985 nach dem getöteten IRA-Aktivisten Patsy O'Hara. Die nordirische Terrororganisation wies dies jedoch als "Schändung des Namens" zurück.[14]

Fußnoten

5.
Vgl. Konrad Hobe, Zur ideologischen Begründung des Terrorismus (hrsg. vom Bundesministerium der Justiz), Bonn 1979, S. 23.
6.
Wanda von Baeyer-Katte, Agitatorischer Terror und dessen Wirkung in sozial-psychologischer Sicht, in: Hans Maier (Hrsg.), Terrorismus. Beiträge zur geistigen Auseinandersetzung, Mainz 1979, S. 17.
7.
Vgl. Ralf Reinders/Ronald Fritzsch, Die Bewegung 2. Juni. Gespräche über Haschrebellen, Lorenzentführung, Knast, Berlin 1995, S. 29.
8.
Vgl. Der Blues. Gesammelte Texte der Bewegung 2. Juni, o.O., o.J., Bd. 1, S. 82f.
9.
Vgl. u.a. Oliver Schröm, Im Schatten des Schakals. Carlos und die Wegbereiter des internationalen Terrorismus, Berlin 2002, S. 125.
10.
Vgl. Christopher Daase, Die RAF und der internationale Terrorismus, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, 2 Bde., Hamburg 2006, S. 905.
11.
Vgl. O. Tolmein (Anm. 3), S. 70.
12.
Vgl. Volker Speitel, Wir wollten alles und gleichzeitig nichts, in: Der Spiegel, (1980) 33, S. 33.
13.
Vgl. Alexander Straßner, Die dritte Generation der Roten Armee Fraktion. Entstehung, Struktur und Zerfall einer terroristischen Organisation, Wiesbaden 2003, S. 299.
14.
Zit. in: Der Spiegel, (1986) 29, S. 28.