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24.9.2007 | Von:
Tobias Wunschik

Baader-Meinhof international?

Verbindungen zum Nahen Osten

Da die deutsche "Stadtguerilla" ein potenzielles "revolutionäres Subjekt" hierzulande kaum finden konnte, boten sich Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt" als natürliche Verbündete an. Diese waren Adressaten (und Empfänger) von Zuspruch und Bestätigung, sie waren Vorbilder und Objekte der Identifikation. Die deutschen Linksterroristen stützten ihre Weltanschauung neben einem stark selektiv rezipierten Marxismus-Leninismus insbesondere auf die Befreiungsideologie aus der "Dritten Welt",[15] etwa von Che Guevara, Ho Chi Minh, Carlos Marighella und Régis Debray.[16] Zu Fehlwahrnehmung und Selbstüberschätzung neigend, sah die RAF in der Entstehung teilweise mächtiger Befreiungsbewegungen einen untrüglichen Beweis dafür, dass der globale gesellschaftliche Umsturz nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Durch ihre Anschläge auf den "Imperialismus" glaubte die RAF den "Sieg im Volkskrieg" in entfernten Erdteilen befördern zu können - und sah sich umgekehrt durch das Agieren der Befreiungsbewegungen hierzulande im Aufwind.[17]

In der Praxis schätzte die RAF, von der ersten bis zur dritten Generation,[18] besonders die Kooperation mit der palästinensischen Befreiungsbewegung. Bereits wenige Wochen nach der Baader-Befreiung, dem inoffiziellen Gründungsdatum der RAF, reisten neben Andreas Baader auch Horst Mahler, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und andere zum Training bei der Al-Fatah nach Jordanien.[19] Später suchte die RAF enge Kontakte insbesondere zum Chef der PFLP, Wadi Haddad, der vom sowjetischen KGB unterstützt wurde.[20] In palästinensischen Trainingscamps in Jordanien, später im Südjemen und zuletzt im Libanon wurden RAF-Angehörige militärisch ausgebildet - neben Angehörigen der ETA, IRA und der Irischen Nationalen Befreiungsarmee.[21] Bereits 1981 wurde angenommen, dass mindestens jeder zehnte deutsche Terrorist eine Ausbildung in einem palästinensischen Lager durchlaufen hatte[22] - der tatsächliche Anteil dürfte weit höher liegen.

Im Mai 1972 kam es angeblich zu einer Übereinkunft der RAF mit palästinensischen (sowie japanischen) Terroristen, sich fortan gegenseitig zu unterstützen.[23] Als die palästinensische Terrorgruppe "Schwarzer September" kurz darauf die israelische Olympiamannschaft in München überfiel, forderte sie die Freilassung von 234 Palästinensern aus israelischer Haft, wollte aber auch Baader und Meinhof auf freiem Fuß sehen. Im Jahre 1976 sollte dann in Nairobi ein gemischtes deutsch-palästinensisches Kommando ein israelisches Flugzeug abschießen. Mit der Entführung eines Lufthansa-Verkehrsflugzeuges im Herbst 1977 griff die PFLP der deutschen Seite erneut massiv unter die Arme.[24]

Kooperation mit palästinensischen Gruppen bedeutete vor allem punktuelle Zusammenarbeit bei Anschlägen und der Ausbildung - nicht so sehr weltanschauliche Auseinandersetzung.[25] Dass palästinensische Waffenbrüder Seite an Seite mit ihnen kämpften, bestärkte die deutschen Linksterroristen in ihrer Motivation. Dabei waren die Kräfteverhältnisse eindeutig: Die PFLP hielt tausende junger Männer unter Waffen, wohingegen die RAF wohl zu keinem Zeitpunkt mit mehr als einem Dutzend Mitglieder gleichzeitig im Nahen Osten präsent war. Allerdings waren die palästinensischen Terrorgruppen an westlichen Verbündeten interessiert, denn diese konnten zur Vorbereitung von Anschlägen viel unauffälliger durch Europa reisen.[26]

Bei den teilweise mehrmonatigen Trainingsaufenthalten in palästinensischen Camps kam es bisweilen zu konkurrierenden Loyalitäten. So schied Friederike Krabbe aus der RAF aus und blieb im Nahen Osten, weil sie sich in einen Palästinenser verliebt hatte. Krabbe ist bis heute verschwunden.

Fußnoten

15.
Vgl. u.a. Alex Schubert, Stadtguerilla. Tupamaros in Uruguay. Rote Armee Fraktion in der Bundesrepublik, Berlin 1971, S. 7 - 26.
16.
Vgl. Gerd Langguth, Guerilla und Terror als linksextremistische Kampfmittel. Rezeption und Kritik, in: Manfred Funke (Hrsg.), Extremismus im demokratischen Rechtsstaat. Ausgewählte Texte und Materialien, Düsseldorf 1978 (Schriftenreihe der bpb 122), S. 114.
17.
Vgl. Friedhelm Neidhardt, Soziale Bedingungen terroristischen Handelns. Das Beispiel der "Baader-Meinhof-Gruppe" (RAF), in: Wanda von Baeyer-Katte/Dieter Claessens/Hubert Feger u.a. (Hrsg.), Gruppenprozesse (Analysen zum Terrorismus 3, hrsg. v. Bundesministerium des Innern/BMI), Opladen 1982, S. 357.
18.
Vgl. Butz Peters, Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF, Berlin 2004, S. 732.
19.
Vgl. Stefan Aust, Der Baader Meinhof Komplex, Hamburg 1986, S. 103 - 105.
20.
Vgl. Christopher Andrew/Wassili Mitrochin, Das Schwarzbuch des KGB II. Moskaus Geheimoperationen im Kalten Krieg, Berlin 2006, S. 360 - 378.
21.
Protokoll der Vernehmung von Peter-Jürgen Boock am 1.4. 1992.
22.
Vgl. Gerhard Schmidtchen, Terroristische Karrieren. Soziologische Analyse anhand von Fahndungsunterlagen und Prozessakten, in: Herbert Jäger/ders./Lieselotte Süllwold, Lebenslaufanalysen (Analysen zum Terrorismus 2, hrsg. vom BMI), Opladen 1981, S. 54.
23.
Vgl. Simon Reeve, Ein Tag im September. Die Geschichte des Geiseldramas bei den Olympischen Spielen in München 1972, München 2006, S. 67.
24.
Vgl. Tobias Wunschik, Baader-Meinhofs Kinder. Die zweite Generation der RAF, Opladen 1997, S. 264 - 275.
25.
Vgl. Ch. Daase (Anm. 10), S. 909.
26.
Vgl. Protokoll (Anm. 21).