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24.9.2007 | Von:
Tobias Wunschik

Baader-Meinhof international?

Waffenbrüder in Westeuropa

Anders als gegenüber den Palästinensern entwickelten sich die Kontakte der RAF zur französischen Action Directe (AD) zunächst auf einer theoretischen Ebene, bevor es in der Praxis zu gemeinsamen Aktionen kam.[27] Bereits ihre Entstehung im Frühjahr 1979 führten die französischen Linksterroristen auch auf die als "vorbildlich" verstandene Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer zurück. Neben persönlichen Bindungen kam es zu gegenseitiger logistischer Hilfestellung wie etwa dem Austausch von Sprengstoff oder gefälschten Ausweisen.[28]

Ein gemeinsames Strategiepapier von 1985 war auf deutsch verfasst und dann schlecht ins Französische übersetzt worden, was eine "ideologische Hegemonie" der RAF und eine "weitgehende Unterordnung" der AD erkennen ließ.[29] In diesem Jahr bekannten sich die Gruppierungen gemeinsam zu zwei Mordanschlägen in Deutschland und Frankreich, und auch ein Hungerstreik der inhaftierten Mitglieder beider Gruppen wurde zeitgleich beendet. Die Verhaftung von vier Anführern der AD im Jahr 1987 setzte den Schlussstrich unter die Kooperation. Bereits zwei Jahre zuvor hatte ebenfalls ein großer Fahndungserfolg zum weitgehenden Abbruch der Beziehungen zwischen der RAF und den belgischen Cellules Communistes Combattantes (CCC) geführt, die in den Jahren zuvor gemeinsame Erklärungen unterzeichnet und Sprengstoff gleicher Herkunft verwendet hatten.[30]

Einen vergleichsweise langen, doch nicht nur von Erfolg gekrönten Kontakt pflegte die RAF zu den italienischen Roten Brigaden. Bereits Anfang der siebziger Jahre war es zu ersten Treffen gekommen, doch war offenbar keine gemeinsame Linie gefunden worden.[31] Die weltanschaulichen Dissonanzen resultierten wohl daraus, dass der Terrorismus insgesamt "in Italien stärker in der Gesellschaft verwurzelt (war) als in Deutschland",[32] und so fühlten sich italienische Linksterroristen eher zur "Bewegung 2. Juni" hingezogen, die stärkere Bindungen in die linksextreme Szene besaß als die RAF.[33]

Die Entführung von Schleyer durch die RAF verärgerte den führenden Vertreter der italienischen Terrororganisation, Mario Moretti, denn angesichts der bevorstehenden Entführung des früheren Ministerpräsidenten Aldo Moro war ihm "die Show gestohlen" worden.[34] Im Jahr 1978 wollte die RAF gemeinsam mit den Roten Brigaden den NATO-Oberbefehlshaber Alexander Haig entführen, doch letztlich kam es zu keiner Vereinbarung. Auch als sich im Folgejahr Brigitte Mohnhaupt, Werner Lotze und zwei weitere RAF-Mitglieder mit Moretti trafen, forderte dieser "Parteistrukturen" von der RAF. Dem hatte die deutsche Seite nichts entgegenzusetzen, weswegen das Gespräch ein "völliges Desaster" war.[35] Trotz weiterer Begegnungen blieb es bei "Tauschaktionen falscher Papiere" sowie finanziellen Transaktionen im Rahmen einer "gewissen Solidarität", wie Moretti später erklärte.[36] Noch 1986/87 wurden Terrorkommandos nach gefallenen Angehörigen der jeweils anderen Gruppe benannt; im Jahre 1988 wurde zudem ein Bekennerschreiben von beiden Seiten unterzeichnet.[37] Dann jedoch entzweiten ideologische Differenzen und der Führungsanspruch der RAF die deutschen und die italienischen Linksterroristen.

Fußnoten

27.
Vgl. Ch. Daase (Anm. 10), S. 910.
28.
Vgl. A. Straßner (Anm. 13), S. 623.
29.
Vgl. Dieter Pass, Frankreich: Der integrierte Linksradikalismus, in: Henner Hess (Hrsg.), Angriff auf das Herz des Staates. Soziale Entwicklung und Terrorismus, Bd. 2, Frankfurt/M. 1988, S. 267.
30.
Vgl. A. Straßner (Anm. 13), S. 304, S. 307.
31.
Vgl. Alberto Franceschini/Pier Vittorio Buffa/Franco Giustolisi, "Das Herz des Staates treffen", Wien 1990, S. 62 - 64.
32.
Henner Hess, Italien: Die ambivalente Revolte, in: ders. (Anm. 29), S. 14.
33.
Vgl. A. Franceschini (Anm. 31), S. 63.
34.
Vgl. Valerio Morucci, "Die RAF und wir - feindliche Konkurrenten", in: Der Spiegel, (1986) 31, S. 106 - 114.
35.
Vgl. T. Wunschik (Anm. 24), S. 387 - 389.
36.
Rossana Rossanda/Carla Mosca, Mario Moretti. Eine italienische Geschichte, Hamburg 1996, S. 211; vgl. auch Anna Laura Braghetti, "Die Antwort hieß: Mord", in: Der Spiegel, (1998) 11, S. 150 - 152.
37.
Vgl. B. Peters (Anm. 18), S. 640, S. 743.